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Erdbeben in der Türkei: Google-Warnsystem versagte auf ganzer Linie

Knapp zweieinhalb Jahre ist das große Erdbeben in der Türkei und Nordsyrien her. Nun legen Recherchen nahe, dass Googles Erdbeben-Warnsysteme zum kritischen Zeitpunkt nicht ausgelöst haben. Neben den Skandalen und dem Wiederaufbau der zerstörten Regionen, haben die Bewohner:innen nun auch mit zerstörerischen Feuern zu kämpfen.

In den frühen Morgenstunden des 6. Februar 2023 erschütterten drei separate Erdbeben den Süd-Osten der Türkei sowie den Norden Syriens. Teilweise waren die Beben noch in Israel und Zypern zu spüren. Schätzungen gehen von mindestens 62.013 Todesopfern aus – die meisten davon in der Türkei. Die Schäden belaufen sich auf geschätzt 34 Milliarden Euro.

Googles „Android Earthquake Alerts“ wurde im August 2020 auf den Markt gebracht – mit dem Ziel, ein jederzeit verfügbares Erdbeben-Frühwarnsystem zu sein. Dabei sollten die in allen Android-Geräten eingebaute Beschleunigungsmesser die Beben aufzeichnen. Sollten sich nun viele Handys auf einmal in einem Bereich bewegen so könnte das System das Epizentrum bestimmen.

Sollte ein Erdbeben mit mehr als einer 4,5 auf der Richterskala erfasst werden, so würde das System zwei Arten von Benachrichtigungen an alle Geräte in der betroffenen Region schicken: Ein so genannter „Be-Aware-Alert“ (dt. „Achtsamkeits-Alarm“) und der „Take-Action-Alert“ („Handlungs-Alarm“).

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Dabei aktiviert nur der Take-Action Alarm einen wirklichen Alarm und kann beispielsweise die „Nicht Stören“-Funktion eines Handys überschreiben. Solch eine Warnung würde an alle Menschen in gefährlicher Nähe zum Epicenter geschickt werden.

Wie es versagte

Das 2021 in der Türkei eingeführte Frühwarnsystem kam mit vielen Versprechungen die es – wie es sich jetzt herausstellte – nicht halten konnte. Die verantwortlichen Entwickler bei Google nennen es ,,Limitationen der Erkennnungs-Algorithmen“.

Die Software habe den Erdbeben statt einer 7,8 lediglich eine 4,5 bis 4,9 auf der Richterskala gegeben. Statt mindestens 10 Millionen Menschen, welche den „Take-Action“-Alarm hätten bekommen sollen, bekamen lediglich 8.158 Handys eine solche Benachrichtigung.

Laut einem Statement, den Google dem BBC gab, bekamen 500.000 Menschen den „Be-Aware“-Alarm ohne Ton und ohne Vollbild. Besonders in der Kritik steht Google dafür, dass sie Ihr AEA-System in mittlerweile über 100 Ländern einführten – oftmals in solchen, in denen Googles System das einzige funktionale Frühwarnsystem darstellt.

Das Versagen des „Android Earthquake Alert“ von Google ist jedoch nur ein weiteres, in einer Reihe von Eklats und Enthüllungen rund um die Katastrophe vom 6. Februar 2023.

Korruption im türkischen Bauwesen

Diese neuen Erkenntnisse sind nicht die ersten Rückschläge für die Betroffenen des Erdbebens. Nach der Katastrophe rückte die Korruption im türkischen Bauwesen ins Rampenlicht. In einem Fall konnten, laut kürzlich veröffentlichten Berichten der New York Times, bürokratische Hürden, Beschwerden und Überprüfungen unter anderem durch hohe Spenden an den lokalen Fußballverein umgangen werden.

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Die Entwicklungen der Korruption im türkischen Bauwesen waren bereits ein seit langem bekanntes, aber ignoriertes Problem. Privatisierung und neoliberale Reformen sorgten schon seit den 1980ern für eine Politik, die ihren Fokus auf aus- und inländische Investments statt auf Sicherheit und Erschwinglichkeit legt.

Eine wichtige Rolle spielte dabei das Land um die urbanen Ballungszentren, das seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten von den gleichen Familien bestellt wurde. Dieses wurde über die Jahre gekauft, verpachtet oder unter fragwürdigen Bedingungen in die Hände von dubiosen Bauunternehmern gelegt.

Der Wiederaufbau ist holprig

Um den Unmut der Bevölkerung zu adressieren, versprach der türkische Präsident Erdogan nach dem Beben, bis zum Oktober 2025 650.000 neue Wohnungen zu bauen. Später musste er das auf 452.958 neue Häuser, Arbeitsplätze und Scheunen bis Ende des Jahres korrigieren.

Laut der ISIG, einer Initiative zum Schutz der Gesundheit und Sicherheit von Arbeiter:innen, starben bereits 139 Bauarbeiter:innen in den betroffenen Gebieten seit Februar 2023. Über die vielen Tote sagt der Generalkoordinator der ISIG, Murat Cakir: „All das ist das Ergebnis des Drucks, die Deadlines einzuhalten.“

„Die Arbeiter:innen arbeiten in 12-, manchmal 14-Stunden-Schichten“, so Cakir weiter. Zudem sind es hauptsächlich migrantische Arbeiter:innen, die unter den brutalen Bedingungen arbeiten müssen.

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Die AKP Regierung hält allerdings an ihrem Ziel fest. Während eines Besuchs in Malatya beschwerte sich der Minister für Umwelt und Städtebau, Murat Kurum, über die unzureichende Leistung. Er forderte von den anwesenden Arbeiter:innen „24 Stunden zu arbeiten“, sonst würde er „tun, was nötig ist“.

Feuer in den Herzen

Nach nun mehr als 2 Jahren lassen nicht nur etliche Skandale, sondern nun auch Waldbrände keine Ruhe für die Bewohner:innen der zerstörten Regionen. Seit Ende Juni brennt es unter anderem in Hatay. Augenzeug:innen berichten von riesigen Rauchwolken, die aus den Bergen kommen.

Hatay war während dem Erdbeben eines der am schwersten getroffene Gebiete. Eine genaue Todeszahl gibt es nicht, aber Schätzungen zufolge sind es mehrere Tausend. Von Bewohner:innen wird Hatay als eine „Geisterstadt“ beschrieben.

Während es laut der Aussage der Feuerwehr keine Mängel in der Reaktion auf die Waldbrände zu beklagen gibt, Berichten Anwohner:innen von verspäteten Reaktionen auf die Feuer. In einigen Orten haben Dorfbewohner:innen versucht, die Brände mit Hilfe von Eimerketten und Gartenschläuchen selber unter Kontrolle zu bringen. In Eskişehir, im Westen des Landes sind bei Waldbränden zudem 10 Einsatzkräfte getötet worden.

Die Narben vom großen Desaster im Frühjahr 2023 sind noch nicht verheilt – es gibt viele offene Fragen und noch mehr Unmut. Es stehen noch schwierige Zeiten vor den Millionen von Menschen, die an diesem Februarmorgen alles verloren.

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