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In Westasien nichts Neues?

Es ist ein wiederkehrendes Spiel: Nachdem Raketenangriffe, Scharmützel und Vergeltungsschläge zwischen Israel und Iran Westasien an den Rand eines großen Krieges gedrängt haben, herrscht vorläufig Waffenruhe. Das Streben nach Einfluss in der Region aber geht weiter. – Ein Kommentar von Mohannad Lamees.

„Wow” – das war das erste, was US-Präsident Donald Trump sichtlich geschmeichelt sagte, als der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu bei einem Besuch im Weißen Haus Anfang Juli berichtete, Trump für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen zu haben. Trump trage dazu bei, so begründete Netanjahu die Nominierung, in Westasien Schritt für Schritt Frieden herzustellen. Tatsächlich hatte Trump nur wenige Tage vor dem Besuch Netanjahus einen Waffenstillstand zwischen Israel und dem Iran erzwungen, nachdem Israel Teheran, andere Großstädte, Atom- und Industrieanlagen im Iran bombardiert und der Iran darauf mit Raketenangriffen auf Israel geantwortet hatte. Dass gerade Netanjahu ihn für den Friedensnobelpreis vorschlage, sei etwas ganz Besonderes, gab Trump das Kompliment zurück. Nur wenige Tage nach Netanjahus Besuch schimpfte Trump aber schon wieder auf den israelischen Premier, dieser sei ein „mad man”. Israel hatte unabgesprochen Damaskus bombardiert und auch in Gaza den Genozid an den Palästinenser:innen mit Massakern und Massenvertreibungen weitergeführt.

Das alles ist so absurd, dass sich der Gedanke aufdrängen könnte, dass in Westasien jegliche Logik außer Kraft gesetzt sei und die Politik tatsächlich von Verrückten gemacht wird. Doch hinter den Geschehnissen stecken Kräfteverschiebungen zwischen den imperialistischen Staaten und Regionalmächten und, wie schon seit über Jahrhunderten, der bewusst geführte Kampf um die Aufteilung der Region.

Israel in der Offensive

Spätestens seit der Präsidentschaft von Barack Obama haben die USA das strategische Ziel, sich aus Westasien zurückzuziehen, um sich mehr und mehr auf Südostasien und den Pazifik als Schauplatz des Ringens mit dem großen Konkurrenten China zu fokussieren. Deshalb will auch Trump ein „Peacemaker” sein und rund um die arabische Halbinsel für Ruhe und Stabilität sorgen. Nach Jahrzehnten der Kriege, in denen es immer wieder auch um die Sicherung des Zugriffs auf die reichen Ölvorkommen in der Region ging, haben die USA in den letzten Jahren ihren Einfluss auf Staaten wie Saudi Arabien und die Arabischen Emirate gefestigt und so einen größeren Block geschaffen, der sich derzeit den Interessen der USA in der Region unterordnet.

Israel hingegen hat eigene Ziele und durchkreuzt regelmäßig die US-Pläne: Vor allem seit dem 7. Oktober nutzt Israel die Lage in Westasien aus, um offensiv seine eigenen Interessen durchzusetzen, auch mit größeren militärischen Operationen. Der Angriff auf den Iran im Juni war eine weitere Stufe der seit Jahrzehnten schwelenden Feindschaft der beiden Staaten – Netanjahu hat es sich zum Lebensprojekt gemacht, diesen Feind zu besiegen und bereitet einen Krieg mit dem Iran seit Jahrzehnten ideologisch vor.

Auch die israelischen Angriffe auf das syrische Regierungsviertel in Damaskus im Juli zeugen davon, dass Israel bereit ist, die eigenen Interessen rigoros durchzusetzen. Der neuerliche Auftritt als „Schutzmacht der Drusen” kann dabei nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Israel in Syrien vor allem darum geht, den eigenen Einfluss gegen eine weitere Regionalmacht, die Türkei, zu verteidigen und auszubauen. Der Schutz für die drusische Bevölkerung im Süden Syriens und auch der Einsatz für die syrischen Kurd:innen passieren nicht aus moralischen Gründen, sondern weil autonom regierte Zonen die Macht der zentralen Regierung in Damaskus und damit den Einfluss der Türkei in Syrien schwächen würden.

Gefechte und Massaker im Süden Syriens: Israel mischt mit

Es geht um mehr als Palästina

Netanjahu erkläre nach dem 7. Oktober in rassistischer Kolonialrethorik, dass „das Versprechen einer besseren Zukunft nur dann verwirklicht werden könne wenn wir, die zivilisierte Welt, bereit sind, die Barbaren zu bekämpfen“. Die Barbaren, das sind nicht nur die Palästinenser:innen, sondern zum Beispiel auch der Iran. Das erkannte auch der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz als er Israel attestierte, in Westasien für Deutschland die „Drecksarbeit” zu machen.

Wer denkt, dass Israels aktuelle Militäroperationen nur kurzfristige Eingriffe in andere Territorien sind, wird derzeit eines besseren belehrt. Israels Kabinettssekretär Yossi Fox erklärte bereits im Frühjahr, dass die israelische Armee eine ständige „Sicherheitspräsenz” im Gazastreifen, im Südlibanon und in Syrien aufrechterhalten werde. Diese Gebiete seien „definitiv permanente Zonen”, sagte Fox und unterstrich damit nicht mehr und nicht weniger, als dass Israel bereit ist, die Ordnung in der Region auch mit weiteren Besatzungen und Kriegen neu zu definieren. Israel stellt „Frieden“ in Westasien auf seine eigene Weise her – mit dem Ausschalten aller feindlichen Regime und Staaten. Im Gegensatz zu den USA hat Netanjahu kein Interesse am dauerhaften Aufrechterhalten eines Stand Offs verschiedener regionaler Mächte und wird auch weiterhin durch Angriffe daraufhin wirken, andere Staaten in der Region zu schwächen.

Wie stark ist der Iran?

Wie sehr Israel das im Besonderen mit dem Angriff auf den Iran gelungen ist, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Einerseits gelang es den Israelis schnell, die iranische Luftabwehr auszuschalten und gezielte Bombardierungen gegen strategische Ziele vorzunehmen. Andererseits antwortete der Iran mit einem Raketenbeschuss auf Ziele in Israel, der Israel dazu veranlasste, Bilder und Videos der verursachten Schäden zu zensieren, um die eigene Bevölkerung nicht zu sehr zu beunruhigen. Und obwohl die USA die unterirdischen Nuklearanlagen im Iran bombardiert haben, scheint das Nuklearprogramm des Landes zwar verzögert, jedoch keineswegs beendet zu sein.

Kriegseinstieg der USA – was wir wissen und wie es weitergehen könnte

Noch wichtiger ist darüber hinaus, dass der von Israel mit den Angriffen angestrebte „regime change” im Iran möglicherweise anders verlaufen ist als von den Israelis geplant. Während Netanjahu die Iraner:inner während der Bombardierungen propagandistisch dazu aufrief, die islamisch-fundamentalistische Kleriker-Führung zu stürzen, kam es infolge des Krieges im Iran zu einer Machtverschiebung zugunsten der militärischen Hardliner bei den „Revolutionsgarden“. Der Iran, so viel wurde deutlich, lässt sich nicht einfach zerlegen, sondern ist in der Lage, den israelischen Angriffen weiterhin zu trotzen.

Die iranischen Verbündeten in der Region von Hamas über Hisbollah bis zur Assad-Regierung in Syrien sind zwar stark geschwächt oder zerschlagen, und der Einfluss des Irans damit deutlich zurückgedrängt. Doch gerade durch die Stärkung der militärischen Kreise innerhalb des Landes wird der Iran in der nächsten Zeit daran arbeiten, wieder Krieg gegen Israel führen zu können. Ob sich der Iran dabei auf seinen jahrzehntealten Verbündeten aus Russland verlassen kann, muss sich zeigen. Um seinen Einfluss in der Region zu sichern, könnte jedoch auch China den Iran unterstützen. Westasien wird daher auch weiter Schauplatz des Ringens um Einfluss imperialistischer Mächte sein.

Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 101 vom August 2025 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

Mohannad Lamees
Mohannad Lamees
Seit 2022 bei Perspektive Online, Teil der Print-Redaktion. Schwerpunkte sind bürgerliche Doppelmoral sowie Klassenkämpfe in Deutschland und auf der ganzen Welt. Liebt Spaziergänge an der Elbe.

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