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„Israels Strategie der Medienzensur“: Sechs weitere Journalisten in Gaza getötet

Am Sonntag tötete die israelische Armee in einem gezielten Luftangriff fünf Al-Jazeera-Journalisten. Die Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Journalist:innen steigt auf mindestens 242. Nach zwei Jahren Völkermord wächst mittlerweile auch die Kritik von verbündeten Regierungen Israels.

Am Sonntag hat die israelische Armee den Journalisten Anas al-Sharif, vier seiner Al Jazeera-Kollegen und einen weiteren Journalisten in einem gezielten Luftangriff auf ein Zelt vor dem al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt getötet. Al-Sharif arbeitete für den Nachrichtensender Al Jazeera und berichtete regelmäßig aus Gaza. International war er als „Stimme Gazas“ bekannt.

„Wenn dich diese Worte erreichen, dann wisse, dass Israel es geschafft hat, mich zu töten und meine Stimme zum Schweigen zu bringen“, schrieb al-Sharif selbst in einer letzten Botschaft, die er vor seinem Tod formulierte. „Ich fordere euch auf, euch nicht von Ketten zum Schweigen bringen zu lassen“, schreibt er weiter.

Unter den Toten befanden sich zudem der Al-Jazeera-Korrespondent Mohammed Qreiqeh sowie die Kameramänner Ibrahim Zaher, Moamen Aliwa und Mohammed Noufal. Ein sechster Journalist, der bei dem Angriff getötet wurde, war der lokale freie Reporter Mohammad al-Khaldi. Laut Reporter ohne Grenzen wurden bei demselben Angriff drei weitere Journalisten verletzt.

Al Jazeera, CC BY-NC-SA 4.0

Steigende Kritik an Israels Vorgehen

Zahlreiche Regierungsvertreter:innen europäischer Staaten kritisierten den Angriff. Auch der Sprecher des deutschen Außenministeriums, Josef Hinterseher, äußerte sich und erklärte, Israel müsse erklären, warum es den Schutzstatus des Journalisten Anas al-Sharif missachtet habe.

Vor wenigen Tagen hatte Bundeskanzler Merz erklärt, die Waffenlieferungen nach Israel einschränken zu wollen. Laut einer internen Memo an die Unionsfraktion gehe es dabei auch darum, eine Eskalation zu vermeiden, die zur Verschärfung gesellschaftlicher Konflikte in Deutschland und Europa beitrage.

Der aktuelle Angriff geschieht im Zuge konkret geäußerter Pläne der Netanjahu-Regierung den Gaza-Streifen vollständig zu besetzen. „Deshalb habe ich die israelischen Streitkräfte angewiesen, den Zeitplan für die Einnahme der Stadt Gaza abzukürzen“, erklärte Netanjahu in einer Pressekonferenz am Freitag.

Mindestens 242 getötete Journalist:innen in Gaza

Die Palästinensische Mission bei den Vereinten Nationen erklärte auf X: „Israel ermordete gezielt die letzten verbliebenen Journalisten, die systematisch und pflichtbewusst Israels Völkermord und Aushungerung aufgedeckt und dokumentiert haben.“ Auch Al Jazeera verurteilt die „gezielte Ermordung“ ihrer Journalisten.

Die israelische Armee (IDF) behauptete, al-Sharif sei Mitglied der Hamas und für „Raketenangriffe“ auf israelische Zivilist:innen und Soldat:innen verantwortlich. Ein Presseausweis sei kein Schutzschild für Terrorismus, kommentierte die IDF.

Insgesamt wurden seit dem 7. Oktober 2023 laut UN mindestens 242 Journalist:innen getötet. Bis Ende 2024 waren es laut Reporter ohne Grenzen (RSF) und dem Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) knapp 150 getötete Journalist:innen. Während im gesamten Jahr 2024 etwa 85 Journalist:innen vom israelischen Militär getötet wurden, kamen alleine innerhalb der letzten sieben Monate mindestens 90 weitere hinzu.

Zuletzt wurde die palästinensische Journalistin Marwa Muslim tot in ihrem Zuhause im Viertel Al-Shuja’iya im Osten von Gaza-Stadt aufgefunden. Im Mai griff das israelische Militär ein Medienzelt in Chan Junis an und tötete drei Journalist:innen. Immer wieder rechtfertigte Israel die Ermordungen damit, dass sie den Journalist:innen vorwarfen, Hamas-Mitglieder zu sein.

Israel ermordet erneut fünf palästinensische Journalist:innen

Auch für Al Jazeera ist es nicht das erste Mal, dass eigene Journalist:innen in Gaza getötet wurden. Im Dezember 2023 wurden der Kameramann Samer Abudaqa und der Korrespondent Wael al-Dahdu bei einem Drohnenangriff getötet. Im Juli 2024 tötete das israelische Militär den Journalisten Ismail Al Ghoul und seinen Kameramann Rami Al Rifi. Am 24. März 2025 wurde dann der Al Jazeera-Korrespondent Hossam Shabat ermordet.

Gezielte Einschränkung der Pressefreiheit

RSF spricht in Bezug auf den aktuellen Angriff gegenüber Israel von einer „Strategie der Informationsunterdrückung, die darauf abzielt, die von seiner Armee seit mehr als 21 Monaten im belagerten und ausgehungerten palästinensischen Gebiet begangenen Verbrechen zu vertuschen“.

Im Mai 2022, bereits vor dem Genozid in Gaza, wurde die Al Jazeera Journalistin Shireen Abu Akleh von der IDF erschossen. Sie war zu dem Zeitpunkt im Westjordanland in der Stadt Jenin, um über die Angriffe der Armee auf die besetzten Gebiete zu berichten. Umgeben von anderen Journalist:innen und klar gekennzeichnet mit einer Presseweste wurde sie durch einen gezielten Kopfschuss ermordet.

Außerdem hatte das israelische Kabinett im Mai 2024 einstimmig beschlossen, den Betrieb von Al Jazeera in Israel zu verbieten. Grundlage dafür war ein kurz zuvor von der Knesset verabschiedetes Gesetz, das die temporäre Schließung ausländischer Sender erlaubt, wenn sie als „Bedrohung der nationalen Sicherheit“ gelten. Die Polizei durchsuchte Al Jazeeras Büros in Ost-Jerusalem und beschlagnahmte Sendeausrüstung, während Kabelanbieter den Sender aus dem Programm nahmen.

Verbot von Al Jazeera: Israel schränkt Pressefreiheit weiter ein

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