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Leicht steigende Reallöhne – kein Zeichen für neuen Aufschwung

Im 2. Quartal 2025 stiegen die Reallöhne im Vergleich zum Vorjahr leicht an. Diese Zahl darf jedoch nicht darüber täuschen, dass sich die Wirtschaft wieder im Aufschwung befände oder die einfache Bevölkerung wieder mehr Geld im Geldbeutel hätte.

Laut einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts (Destatis) sind die Reallöhne im 2. Quartal 2025, also im Zeitraum von April bis Juni, um 1,9 Prozent gestiegen. Diese Zahl bezieht sich dabei allerdings auf den Vergleich zum Vorjahreszeitraum, also das 2. Quartal 2024.

Bei der Berechnung des Reallohnes vergleicht das Statistische Bundesamt die „Nominallöhne” mit dem sogenannten „Verbraucherpreisindex”.

  • Bei den Nominallöhnen handelt es sich um die ausbezahlten monatlichen Löhne auf der Lohnabrechnung. Diese sind im 2. Quartal im Vergleich zu 2024 um 4,1 Prozent gestiegen.
  • Der Verbraucherpreisindex wird hingegen durch einen simulierten Einkaufskorb berechnet: Mit diesem wird der Preis verschiedener Lebensmittel, aber auch Verbrauchsgüter und Dienstleistungen dargestellt und mit den Marktpreisen verglichen. Er wird auch zur Darstellung der Inflation verwendet und stieg im Betrachtungszeitraum um 2,1 Prozent – ist damit seit 2023 relativ konstant.

Darstellung und Bedeutung

Die Darstellung von wirtschaftlichen Entwicklungen in dieser Form ist jedoch mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten: Zum einen wird die allgemeine Entwicklung durch die Darstellung im Vorjahresvergleich verzerrt: so stiegen die Reallöhne nun zwar, aber eben nur im Vergleich zum Jahr 2024. Betrachten wir die Entwicklung der Reallöhne auf längere Sicht, kann kaum von einem Wachstum, sondern allenfalls von einer Stagnation gesprochen werden. Insbesondere die steigenden Preise der vergangenen Jahre haben dabei zu starken Reallohn-Verlusten geführt und sind noch nicht ausgeglichen.

Dazu kommen weitere Faktoren, wie die Darstellung in relativen Zahlen. Zwar stiegen die Löhne, wenn auch schwankend, über alle Einkommensschichten hinweg. Eine Steigerung von 1,9 Prozent bedeutet jedoch beim derzeitigen Mindestlohn in absoluten Zahlen gerade einmal 30 Euro mehr im Monat.

Darüber hinaus stellt der Verbraucherpreis lediglich Konsumgüter und Dienstleistungen dar. Nicht mitberechnet werden z.B. die Mietkosten. Im Zeitraum von 2010 bis 2024 ist die Nettokaltmiete um 64 Prozent gestiegen, noch gar nicht mitberechnet sind hierbei die steigenden Nebenkosten.

Rasant steigende Mieten trotz Mietpreisbremse

Was sagen uns also die Zahlen des Statistischen Bundesamts? Zum einen sind die Löhne gestiegen, während die Preise für klassische Verbrauchsgüter stagnieren. Daraus ergibt sich eine rechnerische Reallohn-Steigerung im kurzfristigen Vergleich zum Vorjahr.

Keine Aussage treffen die Zahlen über die Entwicklung der Mietpreise, über die Aufteilung und damit ungleiche Belastung von Lohngewinnen und Preissteigerungen auf die unterschiedlichen Einkommensgruppen.

Wirtschaftliche Entwicklungen

Während bürgerliche Ökonom:innen hieraus die Fortsetzung einer Trendwende in der Wirtschaft ablesen, zeigt der breitere Blick ein anderes Bild. Parallel zur Veröffentlichung dieser Zahlen meldete die Bundesagentur für Arbeit für August 2025 einen Rekordwert von über drei Millionen arbeitslosen Menschen. Auch diese Zahl erhöht sich dabei trotz saisonaler Schwankungen konstant.

Ein gestiegener Reallohn (im Vergleich zum Vorjahr) ist damit die eine Sache. Wie viel davon dann tatsächlich bei der einfachen Bevölkerung im Geldbeutel landet, eine andere.

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