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LGBTI+ Feindlichkeit und Angriffe auf die Pressefreiheit: Das Erzbistum Köln schockiert weiter

Vorwürfe der sexualisierten Gewalt, Machtmissbrauch und das Verbieten von Symbolen der LGBTI+ Bewegung: Das katholische Erzbistum Köln sorgt nicht das erste Mal für negative Schlagzeilen. Dem Kardinal Woelki sind diese ein Dorn im Auge – und so kommt es zum öffentlichkeitswirksamen Streit zwischen dem eingeschworenen Kölner Kreis und der Lokalpresse.

In Köln ist ein offener Streit zwischen dem Erzbistum und dem Kölner Stadt-Anzeiger entbrannt. Auslöser des Streits sind mehrere kritische Berichte des Kölner Stadt-Anzeigers über das Erzbistum Köln – unter anderem zu LGBTI+ feindlichen Vorfällen bei der Eröffnung eines neuen Bildungscampus sowie zur Popularität von Kardinal Woelki.

Das Erzbistum wirft der Zeitung und ihrem Journalisten Joachim Frank vor, das Bistum und Kardinal Woelki gezielt in ein schlechtes Licht zu rücken. Die Redaktion wiederum sieht darin einen Angriff auf die Pressefreiheit.

Regenbogenverbot am Kölner Schul-Campus sorgt für offenen Streit

Neben den schweren Vorwürfen zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen sorgt aktuell der Umgang mit LGBTI+ Symbolen am Erzbischöflichen Bildungscampus in Köln-Kalk für heftige Diskussionen rund um die katholische Kirche. Demnach sollen Mitarbeiter:innen auf Weisung von Kardinal Woelki aufgefordert worden sein, im Vorfeld der Eröffnungsfeier keine LGBTI+ Symbole zu tragen.

Lang ersehntes Gutachten zu Kindesmissbrauch im Erzbistum Köln veröffentlicht

Eine von Eltern angebrachte Regenbogen-Fahne an der Schule wurde außerdem kurzfristig entfernt. Schüler:innen mussten dem Bericht zufolge Sticker von ihrer Kleidung abnehmen und es wurde eine Seelsorgerin, die beim Verteilen der Sticker beobachtet wurde, von der Schule verwiesen. Begründet wird dies vom Erzbistum damit, dass es darum geht, „gesellschaftliche Kontroversen bei diesem festlichen Anlass außen vor zu lassen.“

Über diesen Vorfall berichtete auch der Kölner Stadt-Anzeiger. Der Journalist Joachim Frank kritisierte dieses Vorgehen:

„Was in Kalk zur Unterdrückung eines vermeintlich anstößigen Symbols passiert ist, war jedenfalls keine Einzelaktion bloßer Ängstlichkeit oder vorauseilendem Gehorsam entsprungen, mit dem Ziel, das empfindliche Regenbogenreizauge des Kardinals zu schonen. (…) Für Woelki, der die Linie des Vatikans verteidigte und Segensfeiern für Homosexuelle nicht zulassen wollte, wurde der Regenbogen so zum Ausdruck einer Konfrontation, die sich in seinen Augen auch gegen ihn und seine ohnehin umstrittene Amtsführung richtete. (…) Das dürfte erklären, warum der Kardinal und die ihm Ergebenen in jedem Regenbogen vor allem eine Farbe sehen: Rot.“

Der Schlagabtausch beginnt: Ein offener Brief des Erzbistum Köln

Die Reaktion des Erzbistum Köln lies nicht lange auf sich warten und folgte nur zwei Tage später am 11. Juli 2025 in Form eines offenen Briefs, in dem sie die Berichterstattung als „menschenverachtend“ und unfair gegenüber der Kirche bezeichneten. Der Brief richtete sich direkt an den Chefkorrespondent Joachim Frank, welcher den Artikel veröffentlichte

„Herr Frank, Sie mühen sich seit Jahren ab, das Erzbistum Köln mit seinem Bischof an der Spitze zu diskreditieren, zu verunglimpfen und sein Bild in der Öffentlichkeit zu verzerren. Dies gehört für uns inzwischen zum Alltag. Inwieweit für Sie hier mehr oder weniger persönliche Gründe für diesen Feldzug die Triebfeder sind, lässt sich nur erahnen“, hieß es in der Einleitung des Briefes.

Frank ist selbst aktives Mitglied der katholischen Kirche und unter anderem Teil der Gesellschaft Katholischer Publizistinnen und Publizisten Deutschlands (GKP).

Runde Zwei: Ein offener Brief des Kölner Stadtanzeiger-Chefredakteur

Rund eine Woche später folgte die zu erwartende Antwort der Chefredaktion des Kölner Stadt-Anzeigers mit einem eigenen offenen Brief, in dem sie die Vorwürfe zurückwies und die journalistische Korrektheit der Berichterstattung verteidigte.

„lhre Diffamierungen, gipfelnd in dem Begriff „menschenverachtend“, verlassen den akzeptablen Diskursraum und sind auch noch auf der Homepage des Erzbistums Köln veröffentlicht. Dies ist eine Grenzüberschreitung der Institution katholische Kirche gegenüber der freien Presse und deren Vertretern.“

Uneinigkeit auch innerhalb kirchlicher Institutionen

Der Vorstand der Gesellschaft Katholischer Publizistinnen und Publizisten Deutschlands (GKP) hat die Angriffe des Erzbistums Köln gegen sein Mitglied Joachim Frank und den Kölner Stadt-Anzeigers entschieden zurückgewiesen. In einer Stellungnahme bezeichnete die GKP die Vorwürfe des Erzbistums Köln als „haltlos und ehrverletzend“.

Besonders kritisiert wurde die Wortwahl von Frank Hüppelshäuser, der die kritische Berichterstattung als „menschenverachtend“ bezeichnet hatte. Die GKP wertet dies als „beschämende Entgleisung“ und verteidigt die journalistische Arbeit ihres Mitglieds Joachim Frank ausdrücklich.

Deutscher Journalisten-Verband (DJV) verteidigt Journalisten scharf

Der offene Brief des Kölner Erzbistums hat in der Medienbranche für einiges Aufsehen gesorgt. Kritische Berichterstattung auf die Weise zu diskreditieren, wie es das Erzbistum getan habe, sei „ein Angriff auf demokratische Grundwerte und die Pressefreiheit“, sagt DJV-Landesvorsitzende Andrea Hansen.

Weiter betont sie, dass Medienkritik durchaus zulässig und wichtig sei. „Aber man kann nicht einen Journalisten bezichtigen, dass er angeblich Menschen namentlich an den medialen Pranger stelle, um genau das dann mit ihm zu tun. Das geht gar nicht“, so Hansen.

Hansen weist darauf hin, dass das Erzbistum bei berechtigten Einwänden gegen Texte den Presserat einschalten oder juristische Schritte einleiten könne. Sie hebt zudem hervor, dass Joachim Frank zu den renommiertesten Journalisten gehört, die über die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals im Erzbistum Köln berichten. Für seine Arbeit wurde er unter anderem 2023 mit dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse ausgezeichnet.

Kritik trifft Erzbistum empfindlich – nicht das erste Mal

Die Vorgänge rund um das Erzbistum lassen erkennen, dass die oberste Leitung offenbar Schwierigkeiten hat, mit kritischer Berichterstattung umzugehen. In jüngster Vergangenheit reagierte das Erzbistum auf eine Umfrage des Kölner Stadt-Anzeigers zur Popularität von Kardinal Woelki, die von einem bekannten Meinungsforschungsinstitut durchgeführt wurde, mit dem Versuch, die Ergebnisse zu relativieren.

Das Haus Gottes wackelt

Dabei stellte man den verantwortlichen Journalisten als Ursache für die negative Wahrnehmung des Erzbistums dar. Nicht zuletzt erinnert auch der Umgang mit Medien im Jahr 2021 an diese Haltung: Damals wurde Journalist:innen im Rahmen der Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe eine Verschwiegenheitserklärung auferlegt.

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