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Neue Zahlen zum Ausbildungsstart: Ist das Ausbildungsgehalt überlebenstauglich?

Azubis in der Zwickmühle: Arbeiten für Niedriglöhne unter der Armutsgrenze, Blick in eine ungewisse Zukunft. Obwohl die Wirtschaft über Fachkräftemangel klagt, reagieren Politik und Unternehmer:innen nicht mit besseren Bedingungen. Neue Zahlen unterstreichen dies.

Das Statistische Bundesamt veröffentlichte am vergangen Dienstag die Zahl der Woche. Darin wurde ein Durchschnittsgehalt von 1.238 Euro brutto für Auszubildenden festgestellt. Je nach Branche gibt es breite Unterschiede. Während das Gehalt von Auszubildenden im Gesundheits- und Pflegesektor durch erfolgreiche Tarifrunden in den letzten Jahren zugenommen hat und nun durchschnittlich bei 1.310 Euro brutto liegt, schneiden handwerkliche Berufe mit 1.008 Euro brutto und künstlerische Berufe mit 914 Euro brutto nochmal deutlich niedriger ab.

Diese Diskrepanz erklärt auch, warum unter Auszubildenden ausnahmsweise Frauen im Durchschnitt mehr als Männer verdienen. Während hauptsächlich Frauen den Gesundheits- und Pflegesektor entlasten, sind Handwerksberufe weiterhin größtenteils männlich dominiert. Während Pflegekräfte höhere Löhne erkämpfen konnten, sorgen die Baukrise sowie Schwächen der IG Bau trotz Fachkräftemangel eher für Stellenabbau und niedrige Löhne.

Wohnen wird unbezahlbar

Selbst mit dem Durchschnittsgehalt leben Auszubildende in einem Ein-Person-Haushalt sowie zum Teil in Wohngemeinschaften weit unter der Armutsgrenze. Die Wohnkosten stellen für Auszubildend eine enorme Belastung dar, und zwar 41 % des Gehalts. Unter alleinlebenden Studierenden sind es sogar 54 %, während der Durchschnitt der Bevölkerung 25 % des Gehaltes für das Wohnen zahlt. In Wohngemeinschaften sieht es etwas besser aus, die Zahl liegt dennoch weit über dem Durchschnitt der gesamten Bevölkerung. Insgesamt haben 62,6 % der Auszubildenden Probleme, vom Gehalt selbstständig zu leben, weshalb viele zu Hause leben oder neben der Ausbildung zusätzlich jobben (12,7 %).

Zukunftsängste steigen

Diese finanzielle Belastung und die damit einhergehende Einschränkung der sozialen Teilhabe sind nicht die einzigen Faktoren, welche Auszubildende zurzeit beschäftigen.  Hinzu kommen Zukunftsängste. Im letzten Ausbildungsjahr wissen aktuell rund 41,5 % der Auszubildenden nicht, ob sie vom Betrieb übernommen werden. Bei denen, die 2020 übernommen wurden, erwarteten 30 % von ihnen nur befristete Verträge.

Das sind die Ängste derjenigen, die eine Ausbildung machen. Laut der stellvertretenden DGB-Vorsitzenden Elke Hannack gibt es in Deutschland fast 3 Millionen junge Personen ohne Berufsabschluss, während die Politik und Wirtschaft seit Jahren vom Fachkräftemangel spricht. Es wird sich also beschwert, dass es zu wenig qualifizierte Fachkräfte gibt, gleichzeitig werden aber trotz Bewerbungen nicht alle Ausbildungsstellen besetzt und es werden finanzielle Hürden gestellt, welche vielen eine Ausbildung verunmöglichen.

Ausbildungsreport 2020: Nur jede/r vierte Auszubildende kann sich eine eigene Wohnung leisten

Pflicht zur Verfassungstreue statt verbesserter Ausbildungsgarantie

Und diese Ansprüche an junge Menschen steigen. Anstatt der von Hannack geforderten verbesserten Ausbildungsgarantie verschärft sich die TVAöD und verpflichtet Auszubildende und duale Studierende im öffentlichen Dienst dazu, ihr gesamtes Verhalten der freiheitlich demokratischen Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes für eine Übernahme nach Ausbildungsabschluss unterzuordnen.

Die Zustimmung von ver.di zu diesem Beschluss steht im direkten Widerspruch zur Forderung der stellvertretenden DGB-Vorsitzenden nach einem „massiven Gegensteuern“ durch Politik und Arbeitgeber, um mehr Ausbildungsplätze zu schaffen. Das Einzige, was dadurch geschaffen wird, ist ein weiterer Schritt Richtung autoritärer Überwachungsstaat mit Berufsverboten für politisch Aktive, wie es bei Lisa Poettinger bereits der Fall ist.

Trotz hoher Belastung für Auszubildende auf allen Ebenen und dem ständigen Hilferuf nach Fachkräften in der Wirtschaft spitzen Arbeitsgeber:innen und Politik die Lage für junge Menschen weiter zu. Ob Azubis oder Studis, jegliche Zugeständnisse bleiben aus. Die DGB-Gewerkschaften hauen lieber leere Phrasen raus, anstatt eine politische Loyalitätsklausel im öffentlichen Dienst, schlechte Arbeitsbedingungen oder niedrige Löhne anzugehen. Berufsausbildungen und Studiengänge setzen finanziell immer mehr voraus, anstatt gute Bedingungen für gute Arbeit zu schaffen.

TVöD: Pflicht zur Verfassungstreue für Auszubildende und Dual-Studierende

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