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Rheinmetall und Co. Entwaffnen – Militarisierung stoppen!

Deutschland ist im Aufrüstungswahn: Immer neue Budgeterhöhungen für den Rüstungshaushalt werden beschlossen, die Wehrpflicht soll wieder eingesetzt werden und die Aktienkurse der Rüstungsindustrie explodieren. Sind Aufrüstung und Krieg der Ausweg aus der Krise? – Ein Kommentar von Kevin Hoffmann.

„Der Panzer ist der neue Käfer“ so zitiert das Boulevardblatt „Bild“ Armin Papperger, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender des wertvollsten deutschen Rüstungsunternehmens Rheinmetall AG. Je länger der Ukraine-Krieg dauert, desto gefragter ist Armin Papperger nicht nur in deutschen Staats- und Wirtschaftskreisen, sondern weltweit. Der Aktienwert von Rheinmetall ist in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 2000 Prozent gestiegen. Damit ist es heute das Unternehmen mit dem fünfthöchsten Börsenwert in Deutschland, vor allen deutschen Autokonzernen. Doch Papperger und Rheinmetall wollen noch viel höher hinaus!

„Wir verhandeln derzeit über die Anschaffung von 6000 bis 7000 Fahrzeugen. Insgesamt gibt es für Rheinmetall ein Potenzial von Aufträgen im Wert bis 70 Milliarden Euro in den nächsten 12 Monaten.“ so Papperger, und das alleine für die deutsche Bundeswehr. Mit diesen Aufträgen will Rheinmetall neue Brigaden ausrüsten. Darunter der Verkaufsschlager Kampfpanzer Leopard 2 sowie die Schützenpanzer Puma und Boxer. Weitere Aufträge sollen aus der Ukraine, anderen EU-Ländern und den USA kommen. „Unser Ziel ist es, so den Umsatz bis zum Jahr 2030 auf 40 bis 50 Milliarden Euro zu erhöhen.“ Das wäre eine Verzehnfachung gegenüber dem Vorkriegsjahr 2021 und das alleine bei einem einzigen deutschen Rüstungskonzern.

Neues Kriegswirtschaftswunder?

Rheinmetall sieht sich als Vorreiter und Symbol eines neuen deutschen Wirtschaftswunders. Nur statt wie früher mit dem Exportschlager VW-Käfer nun eben mit hochmodernen Panzern, Artilleriesystemen und Munition. So soll allein bei Rheinmetall die Belegschaft von 40.000 auf 70.000 wachsen. „Wir wollen Arbeitsplätze hier vor Ort schaffen. Denn es sind deutsche Steuergelder, die wir erhalten haben.“

Branchenweit dürften schon jetzt in der deutschen Rüstungsindustrie 100.000 Menschen direkt und mit der Herstellung von Vorprodukten indirekt eine halbe Million Menschen arbeiten, schätzt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) Hans Christoph Atzpodien. Diese Zahlen dürften Größe und Ausmaß der Rüstungsindustrie deutlich besser widerspiegeln als die von der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten 17.000 Angestellten in der Rüstungsindustrie.

Rheinmetall: Rekordprofite dank Kriegstreiberei

Und die Rüstungsindustrie wächst weiter rasant und ist hungrig nach neuen Arbeitskräften. So wolle man insbesondere frei werdende Arbeiter:innen aus der kriselnden Autoindustrie übernehmen und am besten gleichzeitig auch direkt die Werke.

Doch nicht nur Arbeiter:innen und neue Produktionskapazitäten werden benötigt, sondern auch immer mehr Rohstoffe für die Aufrüstungsziele. So wird der Boom der Rüstungsindustrie auch auf andere Branchen ausstrahlen. Für Rheinmetalls aktuelle Pläne braucht der Konzern 5.000 Tonnen Panzerstahl und bis zu 500.000 Tonnen konventionellen Stahl pro Jahr. Der soll in Niedersachsen und im Saarland geschmolzen werden. Alles „Made in Germany“!

Der Umstieg der Rüstungsindustrie von einer nach wie vor hauptsächlich bestehenden Manufakturherstellung auf industrielle Produktionsstraßen wird auf der einen Seite noch einige Jahre auf sich warten lassen. Die Rüstungskonzerne fordern dafür vor allem von der Politik Zusagen, dass ihre Waffen auch dauerhaft abgenommen werden. Und genau das will Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius liefern. Er plant nicht nur die jährlichen Verteidigungsausgaben bis 2029 auf 162 Milliarden Euro zu erhöhen, eine Steigerung von 70 Prozent gegenüber diesem Jahr, sondern laut einem Interview mit der Financal Times auch langfristige Verträge mit „regelmäßigen jährlichen Abnahmeverpflichtungen“ mit der Rüstungsindustrie zu schließen. „Wir müssen schneller werden. Wir müssen effektiver werden. Wir müssen die Regeln bei Beschaffung und Planung über Bord werfen“, so Pistorius.

Krieg als Innovationstreiber

Doch nicht nur alteingesessene und traditionsreiche deutsche Waffenschmieden, welche schon im Ersten oder Zweiten Weltkrieg die deutsche Armee belieferten, profitieren vom neuen Wettrüsten, Sondern auch zahlreiche neue Startups, die sich unter anderem auf die Entwicklung von militärischen Drohnen (in der Luft, auf dem Boden oder im Wasser) und auf KI-basierte Programme spezialisiert haben. Dazu gehören unter anderem die Unternehmen Stark Defence, Helsing, Monarch und Pleno.

Aufrüstung auf Hochtouren: Tausend neue Panzer für die Bundeswehr

Damit die neu entwickelten Waffen auch das halten können, was sie versprechen, hat die ukrainische Armee nun auch offiziell allen westlichen Rüstungsunternehmen eine Partnerschaft angeboten, bei der alle Prototypen an der Front im Einsatz gegen Russland getestet werden können. Die staatliche Innovationsabteilung für Verteidigung „Brave1“ startete dazu am 17. Juli 2025 ein neues Programm mit dem Titel „Test in der Ukraine“. Dabei sollen die neuen Technologien im scharfen Gefecht erprobt und detailliertere Berichte für das jeweilige Rüstungsunternehmen erstellt und übermittelt werden.

Wie stark der deutsche Rüstungsmarkt wächst, zeigt sich auch an der Entwicklung der Mitgliedsunternehmen in Deutschlands mächtigstem Industrieverband der Rüstungsunternehmen, dem Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV), dessen Präsident der Rheinmetall-Vorstandsvorsitzende Papperger ist. Die Anzahl der Mitgliedsunternehmen hat sich in den vergangenen sieben Jahren fast verfünffacht, auf heute 340 Unternehmen. Das sind alleine 100 mehr als Ende vergangenen Jahres.

Auch das Zivile wird militärisch

Um jedoch das von Pistorius benannte Ziel der „Kriegstüchtigkeit“ zu erreichen, muss nicht nur die Beschaffung von Kriegsmaterial und die Ausbildung von immer mehr Soldat:innen erfüllt werden, sondern auch gesellschaftliche Strukturen umgestellt werden. Deshalb wird nicht erst im „Kriegs- oder Verteidigungsfall“ die zivile Infrastruktur des Landes konkret den militärischen Bedürfnissen unterstellt, wie es im geheimen „Operationsplan Deutschland“ der Bundeswehr festgehalten sein soll, sondern bereits jetzt.

Operationsplan Deutschland: Ostdeutschland als Drehscheibe der Kriegsvorbereitungen

Dazu gehört unter anderem der Ausbau der zivilen Infrastruktur, wie Straßen, Brücken, Energieversorgung, Treibstoffdepots, ebenso wie gemeinsame Übungen und die Einbindung von zivilen Rettungsdiensten in die Kommandostrukturen der Bundeswehr. Dies gilt nicht nur für die Strukturen des Technischen Hilfswerks (THW), der freiwilligen und Berufsfeuerwehren, Krankenhäuser, sondern auch für Malteser, Rotes Kreuz, Arbeiter-Samariter-Bund und Co.

Auch die Militarisierung des Gesundheitswesens wird mit großer Intensität vorangetrieben. So laufen aktuell mindestens in den Bundesländern Bayern, Nordrhein-Westfalen und Bayern intensive Planungen und die Umstellung der medizinischen Versorgung auf „Kriegs- und Krisenfälle“ u. a. an den Nachschubwegen der NATO in Richtung Osteuropa. Das Land Berlin hat dazu nun den ersten Rahmenplan „Zivile Verteidigung Krankenhäuser“ aufgestellt. Dieser geheime Plan soll laut dem Berliner Senat u. a. konkrete Szenarien wie eine kriegerische Auseinandersetzung in Berlin und die vollständige Evakuierung der Hauptstadt abdecken.

Am Krankenhaus Köln-Merheim wird bereits eine unterirdische mehrstöckige Intensivstation geplant. Sie solle „ein Krisenzentrum nach israelischem Vorbild“ werden, so Axel Goßmann und Daniel Dellmann, die Geschäftsführer der Kölner städtischen Kliniken gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger. Bei der Neugestaltung des Klinikgeländes solle ein Schwerpunkt auf den Umgang mit Krisen und Kriegen gelegt werden, so Goßmann.

Laut dem Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VDÄÄ) entsprechen diese Planungen nicht den Bedürfnissen der Versorgungen der Bevölkerung, sondern sind alleine auf die Interessen der Bundeswehr und ihrer militärischen Zweck ausgerichtet. Die Ärztevereinigung wolle nicht, dass die Beschäftigten im Gesundheitswesen „im Rahmen einer aktiven Beteiligung Deutschlands an einem Krieg instrumentalisiert werden.“

Sind jetzt alle für Krieg?

Auch wenn es manche rechten und Boulevardmedien gerne so darstellen, als gäbe es eine geschlossene kriegsbegeisterte reaktionäre Einheitsfront im Land, welche die Aufrüstungs- und Militarisierungspläne von Staat und Kapital begeistert feiern oder gar fordern würde, sieht die Realität doch anders aus. Gerade die Kriege in der Ukraine und Israel haben auch den Menschen hier in Deutschland vor Augen geführt, was Krieg für den allergrößten Teil der Bevölkerung konkret bedeutet: Tod, Armut und Verwüstung.

Je länger der Krieg in der Ukraine dauert und je brutaler Israel seine Nachbarn angreift und Massaker verübt, desto geringer ist die Unterstützung im eigenen Land und auch hierzulande für diese Kriege. Je klarer also wird, welches Leid, Zerstörung und Tod Aufrüstung und Krieg für uns Arbeiter:innen bringen, desto größer ist die Ablehnung. Auch nach jahrelangem propagandistischem Trommelfeuer ist die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht in Deutschland umstritten und hat laut aktuellen Umfragen nur bei den über 40-jährigen überhaupt eine dauerhafte Mehrheit.

In Deutschland können wir die Militarisierung und Aufrüstung noch stoppen, bevor unsere Regierung uns in einen neuen großen Krieg stürzt, der Millionen das Leben kostet und die Kassen von Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall zum Bersten bringt. Die Beteiligung an den vielfältigen Protesten und Aktionen gegen Deutschlands neues Flaggschiff in der Rüstungsindustrie Rheinmetall Ende August in Köln können dafür eine gute Möglichkeit bieten. Ebenso die alltäglichen und kontinuierlichen Diskussionen und Auseinandersetzungen mit unseren Kolleg:innen, Nachbar:innen, in Familie und Freundeskreis.

Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 101 vom August 2025 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

Kevin Hoffmann
Kevin Hoffmannhttps://kevinhoffmann.home.blog
Autor bei Perspektive seit 2017 und Teil der Print-Redaktion. Freier Autor u.a. bei „Junge Welt“ und „Neues Deutschland“

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