Zeitung für Solidarität und Widerstand

Solinetz Nürnberg gegen Immobilienhai Ten Brinke: „Das Loch muss weg!“

Ein Immobilienhai, der den belebtesten Platz im Stadtteil zum Albtraum werden lässt – mit dieser Situation sehen sich die Bewohner:innen der Nürnberger Südstadt seit Jahren konfrontiert. Das Solidaritätsnetzwerk macht dem Unternehmer Ten Brinke nun Druck. Was sie genau vor haben, erzählen sie uns im Interview.

Könnt ihr zu Beginn einmal erklären, was das Loch am Aufseßplatz ist?

Das Loch am Aufseßplatz ist eine Baugrube mitten im Herzen der Südstadt – von riesigem Ausmaß, so groß wie der übrige Aufseßplatz selbst. Dort regt sich seit Jahren nichts. Geplant war dort vom Bauinvestor Ten Brinke, ein Prestigeprojekt zu errichten. Eine Mischung aus Shopping-Mall, teuren Wohneinheiten und Büroflächen. Dafür hat es Ten Brinke 2019 gekauft.

Den ehemaligen Galeria Kaufhof, der dort zuvor stand, gibt es seit 2012 nicht mehr. Das Kaufhaus am Aufseßplatz hatte eine 100-jährige Geschichte. 2019 kaufte es Ten Brinke und riss es 2021 ab. Seitdem wurde nur noch das Loch ausgehoben. Einen wirklichen Fortschritt nach dem Abriss gab es nicht. Das wirkt sich sehr negativ auf die Anwohner:innen aus.

Sie haben mit einer Mücken- und Rattenplage zu kämpfen. Die Mücken legen ihre Larven im stehenden Wasser. Auch die Geruchsbelästigung ist für die Bewohner:innen Alltag. Es schafft ein hässliches Bild, wie auch das Gefühl, dass das Viertel langsam verkommt. Das riesige Loch, das alle sehen können, reißt quasi eine Wunde ins Herz der Südstadt.

Wie ordnet ihr die Situation in den gesamtpolitischen Kontext ein?

Es gibt verschiedene Beispiele, an denen man sehen kann, wie die kapitalistische Wirtschaft daran scheitert, Wohnraum für alle kostengünstig oder generell zur Verfügung zu stellen. Das ist nicht ihr Zweck, aber eben ein Grundbedürfnis ist.

Der Wohnraum wird zur Ware, der möglichst viel Profit bringen soll. Dafür werden Wohnungen zum Verkauf oder zur teuren Miete gebaut. Aber auch Bestandswohnungen werden teuer saniert, um die Preise zu erhöhen. Dazu werden Stadtteile systematisch „aufgewertet“ und die dortigen Bewohner:innen verdrängt.

„Kapitalistische Profitgier wird über die berechtigten Anliegen der Anwohnenden und des Klimas gestellt“

Bei diesem spezifischen Projekt kann man sehen, dass dem Investor das Geld ausgegangen ist. An anderen Stellen der Republik baut er munter weiter. Für dieses spezifische Projekt fehlen ihm gerade aber die Investor:innen. Durch verschiedene Verzögerungen sind in den letzten Jahren auch die Baukosten explodiert.

Jetzt hat er versucht, diese Probleme durch Ablenkungsmanöver zu kaschieren. Beispielsweise, indem er gesagt hat, dass es eine Klage von einem Anlieger gäbe, die den Baubeginn verzögern würde. Dieses Märchen wurde als solches enttarnt, denn die Klage allein kann den Bau nicht verhindern. Es liegt eine gültige Baugenehmigung vor und Ten Brinke könnte einfach beginnen.

Mit solchen Spaltungsmanövern und Ablenkungstaktiken wird versucht, die Anwohner:innen gegeneinander aufzuhetzen, um vom eigentlichen Problem abzulenken: Nämlich dem Immobilienhai Ten Brinke und wie er den Stadtteil verkommen lässt. Weil an anderer Stelle ein größerer Profit zu holen ist. Und weil an der Umsetzung und der Attraktivität für spätere Anwohner:innen aufgrund der überteuerten Preise der Lage gezweifelt wird.

Wie und mit welchem Ziel arbeitet ihr als sozialistische Stadtteilorganisation dazu?

Unser vorderstes Ziel ist es, der Nachbarschaft zu vermitteln, dass man den Dauerzustand nicht nur stillschweigend akzeptieren muss. Mann muss sich zusammenschließen und organisieren, um die Frage anzugehen, die uns allen hier sehr auf dem Herzen brennt. Man muss anfangen, seine Kraft zu sammeln.

Man hat es an den Spaltungsversuchen von Ten Brinke gesehen. Es wird versucht, uns auseinander zu dividieren. Auch die individuellen Beschwerdebriefen der Südstädter:innen an Ten Birinke oder die Stadt Nürnberg werden leicht mit ein paar Statements abgetan. Dann werden immer nur schöne Erklärungen geliefert, wieso das so ist.

Klar, wenn man das als Einzelne:r hört, dann klingt das erst mal gut und richtig. Aber am Ende ist da nicht mehr so viel dran. Wenn man sich weiter zusammentut, dem Ganzen auf den Grund geht und auch weiter Wirbel macht.

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Wir haben in unserer Kampagne auch schon ein bisschen Wirbel gemacht. Man merkt, dass die Medien jetzt wieder ein wenig mehr über dieses Thema berichten. Wir haben einen Aufruf verfasst und einen offenen Brief mit gesammelten Unterschriften an Oberbürgermeister Marcus König und den Ten-Brinke-Pressesprecher Lutz Ackermann veröffentlicht. Und darin haben wir auch ganz konkrete Forderungen stehen. Allen voran: „Das Loch muss weg!“

Die Nachbarschaft haben wir versucht mit verschiedensten Methoden zu organisieren. Zum Beispiel mit Infoständen, Unterschriftensammlungen um den Platz herum, Haustürgesprächen, Plakatieren und auch einer Demo.

Darüber hinaus wollen wir über den Kapitalismus aufklären, wie er generell und um die Wohnungsfrage herum funktioniert. Beziehungsweise, wie er für uns Arbeiter:innen nicht funktioniert, weil wir mit viel zu hohen Mieten oder Zwangsräumungen oder wie hier mit dem Stillstand und allen daraus entstehenden Nachteilen zu kämpfen haben. Auch wollen wir über die Frage der sozialistischen Stadtgestaltung wie auch dem Wohnungsbau vor Ort ins Gespräch kommen.

Was ist euer bisheriger Eindruck, wie die Menschen im Stadtteil auf die Kampagne reagieren?

Das Thema bewegt sehr viele dort im Umkreis. Es gibt dabei diejenigen, die schon so gefrustet sind, dass sie mit niemandem mehr über dieses Thema reden wollen. Sie wurden vor allem von verschiedenen Stellvertreter:innen enttäuscht. Zum Beispiel Parlamentsparteien, die mal ein bisschen dazu gearbeitet haben, aber es wieder haben sein lassen.

Aber es gibt auch Nachbar:innen, die zwar wütend und gefrustet sind, es andersherum aber sehr begrüßen, dass Leute dort wieder aktiv werden wollen. Vor allem finden sie gut, dass sich die Leute nicht einfach nur hinstellen, um ein paar lauwarme Weisheiten an die Leute zu verteilen. Sondern dass sie eben eine Mentalität haben, die umfasst, dass man die Sache gemeinsam angehen und etwas machen muss – was eben auch unser Ansatz ist.

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Insofern erhält man sehr viel Zuspruch und auch Bereitschaft, um über Probleme im Kapitalismus zu diskutieren. Besonders eben bei dieser konkreten Problematik, die wir hier angehen.

Was sind die nächsten Schritte für euch in der Kampagne?

Wir wollen auf jeden Fall im August die Unterschriften für unseren offenen Brief, ganz konkret die Forderungen der Nachbarschaft sammeln und diese dann im September an Ten Brinke und den Oberbürgermeister übergeben. Wir wollen ihnen damit die konkreten Forderungen der Nachbarschaft nochmal vor Augen führen.

Kurzfristig fordern wir die Lösung des Mücken- und Rattenproblems, volle Transparenz beim Bauprojekt sowie ein Ende spaltender Schuldzuweisungen. Langfristig verlangen wir einen schnellen Umbau der Haltestelle Aufseßplatz, gegebenenfalls eine öffentliche Zwischennutzung des Areals und mehr sozialen Wohn- und Begegnungsraum in der Stadtplanung.

Danach werden wir den Wahlkampf nutzen, um weiter Druck aufzubauen, unbequem zu sein und der Nachbarschaft und ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Zudem wollen wir mit verschiedenen kreativen Aktionen Aufmerksamkeit erzeugen. Da wollen wir aber erst mal nichts weiter vorwegnehmen. Darüber hinaus werden wir auch immer weiter daran arbeiten, die Öffentlichkeit im Stadtteil auszubauen und die Desinformation durch andere vorzubeugen.

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Wie kann man eure Arbeit in, aber auch außerhalb von Nürnberg unterstützen?

Wer in Nürnberg und Umgebung lebt, kann sich sehr gerne unserer Arbeit anschließen und uns kontaktieren. Wir haben vielfältige Möglichkeiten, um sich zu informieren – ob Instagram, Whatsapp-Kanal oder Mailverteiler. Seid gerne mutig und macht einen Schritt auf uns zu, berichtet von euren Problemen oder schließt euch unseren offenen Kampagnentreffen an.

Wenn man außerhalb von Nürnberg lebt, sollte man mit offenen Augen durch sein Viertel laufen und selbst schauen: Wo sind die Probleme? was gilt es dort anzupacken und zu bewegen? Wo lassen uns Arbeiter:innen die Reichen und Schönen und ihre Vermittler:innern aus der Politik jeden Tag zappeln und hängen? Wo können wir Potentiale finden, dass wir Arbeiter:innen, Nachbar:innen oder Schüler:innen uns zusammenschließen und mutig unsere Interessen ihnen gegenüber vertreten?

In Deutschland gibt es so viele Baustellen, im übertragenen Sinne wie auch wortwörtlich, die es anzupacken gilt.

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