Eine neue Studie zeigt: Essstörungen bei jungen Frauen nehmen alarmierend zu und haben sich in den letzten 20 Jahre verdoppelt. Wissenschaftler:innen führen den Anstieg von Essstörungen unter anderem auf sozialen Druck und Schönheitsideale in sozialen Medien zurück. – Ein Kommentar von Rosalie West.
Die Zahl stationärer Behandlungen von Mädchen zwischen 10- und 17 Jahre mit Essstörungen hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. So machten sie 2023 über alle Altersgruppen hinweg fast die Hälfte (49,3 Prozent) aller stationären Behandelten wegen Essstörungen aus. Bezogen auf alle, die wegen Essstörungen in einer Klinik behandelt wurde, waren 93 Prozent Frauen.
Unrealistische Körperideale direkt ins Kinderzimmer
Bei Essstörungen handelt es sich um multifaktorielle Erkrankungen, die nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen sind. Obwohl sie sich auf unterschiedliche Weise zeigen können, teilen sie einen zentralen Kern: die übermäßige Fixierung auf Gewicht, Aussehen und den eigenen Körper. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit nennt neben biologischen und individuellen Ursachen für Essstörungen auch „soziokulturelle“ Ursachen wie „vorherrschende, extreme Schönheitsideale, starre gesellschaftliche Regeln (und) raue Umgangsformen unter Gleichaltrigen“.
Dies bestätigt auch eine österreichische Studie von 2024, welche feststellte, dass sich die Sozialen Netzwerke stark auf das Selbstbild von Jugendlichen auswirkt. Etwa zwei Drittel der Jugendlichen, insbesondere Mädchen (76 Prozent), stimmten dieser Aussage zu.
Durch den direkten Zugang zu Meinungen aus dem Internet prasseln diese Schönheitsideale seit geraumer Zeit durchgehend auf Kinder und Jugendliche ein. Während der Jugend, wenn Identität und Selbstwert noch im Aufbau sind, können diese überhöhten Schönheitsideale, laut der österreichischen Studie, zu einer erheblichen Belastung werden.
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Fast drei Viertel der Jugendlichen (71 Prozent) geben an, dass die Bilder in sozialen Netzwerken dazu führen, dass sie sich mit anderen vergleichen. Knapp mehr als ein Viertel der Befragten berichtet von negativen Gefühlen nach dem Durchscrollen von Social-Media-Feeds. Besonders einflussreich sind dabei Accounts aus den Bereichen Beauty und Fitness: Drei Viertel der Befragten sehen hier einen direkten Einfluss auf Kinder und Jugendliche. Etwa die Hälfte gibt an, dass sie schon einmal aufgrund solcher Inhalte Veränderungen am eigenen Aussehen vorgenommen hat.
„In einer Lebensphase, in der die eigene Identität noch nicht gefestigt und das Selbstwertgefühl oft nur schwach ausgeprägt ist, können solche übersteigerten Ansprüche an das eigene Aussehen zu einer großen Belastung werden“, sagte die KKH-Psychologin Franziska Klemm. Sie führt weiter aus: „Je intensiver die Nutzung sozialer Medien ist, desto größer ist auch das Risiko für eine Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und damit verbundene Essstörungen.“
Wie Influencer:innen das Selbstbild prägen
Auch die Algorithmen auf Plattformen wie Instagram und TikTok beeinflussen unsere Wahrnehmung, indem sie gezielt Inhalte verbreiten. Diese Mechanismen sind nicht nur auf politische oder kommerzielle Inhalte beschränkt, sondern wirken sich auch auf unser Selbstbild aus. Ein besonders prägnantes Beispiel dafür sind Schönheitsinfluencer:innen, die durch ihre Präsenz und Inhalte Schönheitsideale setzen und verstärken.
Wer dachte, der Trend zu extrem schlanken Körpern sei vorbei, täuscht sich. In ihrem Jahresbericht bezeichnet die American Society of Plastic Surgeons den „Ballet Body“ als den aktuell beliebtesten Look. Die New York Times erklärt, warum auf den Laufstegen großer Modehäuser wieder „ultra thin“ gefragt ist. Und die New York Post titelt aufsehenerregend: „Bye-bye booty: Heroin Chic is back“
„Wenn Jugendliche jetzt Videos von einer Influencerin sehen, die sie sehr mögen, dann hat eine Botschaft wie ‚Du bist nur okay, wenn du dünn bist‘ eine größere Bedeutung als eine dünne Person im Fernsehen.“ erklärt Prof. Dr. Eva-Maria Skoda, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
Influencer:innen haben sich zu einflussreichen Werbe-Akteur:innen entwickelt, die weit über das Setzen von Trends hinausgehen: Sie prägen Kaufentscheidungen und beeinflussen das Konsumverhalten ganzer Bevölkerungsgruppen – und das als zentraler Bestandteil der Marketingstrategien vieler Unternehmen. Durch ihre Reichweite und vermeintliche Glaubwürdigkeit können Influencer:innen Produkte präsentieren, Meinungen lenken und gezielt Kaufverhalten steuern.
Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaft ist „die Creator Economy […] eine rasant wachsende Branche, die laut Prognosen in den nächsten Jahren weiter an Einfluss gewinnen und Umsatzsteigerungen erzielen wird“.
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Milliardenprofite auf Kosten junger Menschen
Dabei agieren sie jedoch nicht im Alleingang: Hinter ihnen stehen große Konzerne und Kapitalist:innen. Modetrends wirken oft wie zufällige Erscheinungen, tatsächlich steckt hinter ihrem Aufstieg aber eine gezielte Strategie, bei der unterschiedliche Akteur:innen eine entscheidende Rolle spielen.
Trendforscher:innen analysieren beispielsweise gesellschaftliche Strömungen und sagen voraus, welche Farben, Schnitte und Materialien in den kommenden Jahren gefragt sein werden. Modehäuser und Labels nutzen diese Erkenntnisse, um ihre Kollektionen frühzeitig an die prognostizierten Entwicklungen anzupassen.
Kapitalist:innen der Kosmetik- und Modebranche verdienen Milliarden mit Produkten, die Unsicherheiten ausnutzen – häufig auf Kosten junger Menschen. Werbung setzt gezielt auf bestimmte Schönheitsideale, um Produkte zu verkaufen. Die ständige Wiederholung solcher Bilder in TV-Spots, Plakaten und Online-Anzeigen beeinflusst unser Schönheitsverständnis.
Keine freie Entscheidung
Schönheitsideale sind in einer patriarchalen Gesellschaft nie neutral, sondern spiegeln gesellschaftliche Verhältnisse wider. Sie definieren, welche Körperformen und Verhaltensweisen als erstrebenswert gelten, und stabilisieren so Normen und Hierarchien. So galten in der Renaissance üppige Frauenkörper als Zeichen von Wohlstand und Fruchtbarkeit, während im 20. Jahrhundert schlanke, sportliche Figuren Attraktivität und Selbstdisziplin symbolisierten – immer mit dem Ziel, gesellschaftliche Erwartungen, besonders an Frauen, zu prägen.
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Diese „äußeren Vorgaben“ beeinflussen, wie wir uns selbst wahrnehmen und wie wir handeln. Man kann sich zwar in einem schicken Kleid wohler fühlen, weil das Ambiente bestimmte Erscheinungsformen verlangt, gleichzeitig ist dieses „Wohlfühlen“ aber nicht rein autonom, sondern von den gesellschaftlichen Erwartungen geprägt.

