66 Prozent aller befragten trans Personen in Berlin erlebten innerhalb der letzten fünf Jahre transfeindliche Gewalt. Das ergab eine im Juni veröffentlichte Studie von CAMINO.
Im Juni wurde eine Studie zur Verbreitung und zu Erscheinungsformen von transfeindlicher Gewalt in Berlin durch den Camino herausgegeben. In der Studie gaben 66 Prozent aller befragten trans Personen an, innerhalb der letzten fünf Jahre transfeindliche Gewalt erlebt zu haben. Die Studie ist eine Vertiefungsstudie, die auf dem Berliner Monitoring zu queerfeindlicher Gewalt aufbaut.
Camino ist ein Unternehmen, das sich als Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich versteht. Es wird ebenso wie die Studie im Speziellen durch das Land Berlin gefördert.
Die Studie basiert auf einem methodischen Ansatz, der quantitative Datenanalysen und qualitative Tiefeninterviews kombiniert. Die Grundlage der quantitativen Analyse sind unter anderem deutschlandweite Daten des LGBTIQ-Surveys der Agentur für Grundrechte der Europäischen Union aus den Jahren 2019 und 2023, sowie eine im Rahmen des Berliner Monitorings trans- und homophobe Gewalt umgesetzte standardisierte Befragung von 141 trans Personen in Berlin aus dem Jahr 2022. Diese wurden ergänzt durch standardisierte Erhebungen durch Dokumentenanalysen, Recherchen zum Forschungsstand und 15 leitfadengestützte Interviews mit Fachkräften aus dem Bildungsbereich der Berliner Verwaltung als Teil des Arbeitsmarkts sowie dem Gesundheitsbereich.
In der Studie wird ein recht weitläufiger Gewaltbegriff verwendet. Sie schreiben dazu selbst: „Der Auseinandersetzung mit transfeindlicher Gewalt liegt daher auf der Ebene von Grundbegriffen und -verständnissen oftmals einem weiten, expansiven Gewaltbegriff zugrunde. So definiert Ewert Transfeindlichkeit als „die vielschichtigen Formen des Ausschlusses von der Gewalt gegenüber und auch des Einstufens als Fehler oder Abweichung von trans Personen“, die aus einer gesellschaftlich-normativen Ordnungslogik von Zweigeschlechtlichkeit entstehen.
Die Studien, die innerhalb der Studie herangezogen werden, arbeiten jeweils mit einer eigenen, teils engeren Gewaltdefinition.
Transfeindliche Übergriffe und Gewalt – längst keine Seltenheit
Die Studie zeigt, dass transfeindliche Übergriffe und Gewalt längst keine Seltenheit in Berlin sind. In der Studie wurden nur trans Personen befragt. Fast die Hälfte der Befragten (48,2 Prozent) erlebte sogar im letzten Jahr vor der Befragung Übergriffe.
Die Gewalt geht in fast drei Viertel der Fälle (74,2 Prozent) mit explizit transfeindlichen Äußerungen einher. Das lässt auf eine „bewusste ideologische Motivation“ schließen, schlussfolgert die Studie. Am häufigsten tritt transfeindliche Gewalt der Studie nach im öffentlichen Raum auf, also auf offenen Straßen, auf Plätzen oder im öffentlichen Nahverkehr.
Auswirkungen der Gewalt auf trans Personen
Über die ausgeübte Gewalt hinaus befasst sich die Studie auch mit den Auswirkungen der Erlebnisse auf die Betroffenen. Diese empfinden die Gewalt häufig nicht als Ausnahme, sondern als alltägliches Risiko. Dieses Risiko soll auch Auswirkungen auf die Bewegungsfreiheit der Betroffenen haben, sowie auf ihre psychische Verfassung und darauf, ob sie sich trauen, offen zu zeigen, dass sie trans sind.
Gerade einmal ein Sechstel der gewaltbetroffenen Befragten (15 Prozent) gab an, sich in Berlin sicher zu fühlen. Über drei Viertel der Personen gaben an, bewusst bestimmte Orte zu meiden. Über die Hälfte gab an, unauffällige Kleidung zu tragen, und über ein Drittel, Regenbogen-Accessoires zu verstecken.
Gewalt, gestützt durch ein transfeindliches System
Zusätzlich zur transfeindlichen Gewalt werden in der Studie auch andere Kontexte untersucht, die als „gewaltförmig“ beschrieben werden. Hier geht es um die systematischen Unterdrückungserfahrungen, die trans Personen im Kontext des Gesundheitssystems, im Kontakt mit Behörden oder im Internet machen. So gaben über drei Viertel (76,4 Prozent) der Befragten an, mindestens selten problematische Erfahrungen im Gesundheitssystem zu machen. Bei den Behörden liegt die Zahl mit 72,1 Prozent ähnlich hoch. Auch im Internet erleben fast drei Viertel der Befragten Angriffe oder Diskriminierung.
Schlussfolgerungen der Studie
Die Studie wird außerdem ergänzt um Schlussfolgerungen für verschiedene Bereiche, unter anderem den Bildungsbereich, die Arbeitswelt, aber auch im Gesundheitssystem. Die Schlussfolgerungen setzen sich erst einmal vor allem damit auseinander, wie man verschiedene Symptome transfeindlicher Gewalt innerhalb des Systems lindern kann.
Kampf der Gewalt gegen Frauen und trans Personen! Auf die Straße zum 20. und 25. November!
Einige Zahlen in der Studie sind inhaltlich schwer einzuordnen, aufgrund des weiten Gewaltbegriffs. Grundsätzlich zeigt sie aber sowohl das große Ausmaß direkter physischer wie auch psychischer Gewalt an trans Personen, die Auswirkungen dessen auf die Individuen und wie sich die Unterdrückung dauerhaft im gesamten Alltag zeigt.

