Zeitung für Solidarität und Widerstand

Transparenz unerwünscht: ZF geht gegen eigene Beschäftigte vor

Um Produktionskosten zu sparen, fungieren osteuropäische Länder als „verlängerte Werkbank“. So auch beim Getriebehersteller ZF, der mindestens einen Teil der Produktion nach Ungarn auslagern will. Weil diese Informationen an die Öffentlichkeit gelangten, erstattete ZF Anzeige gegen die eigenen Angestellten. – Ein Kommentar von Rosalie West.

Der deutsche Technologiekonzern ZF plant, tausende Stellen in Deutschland zu streichen und stattdessen nach Ungarn auszulagern. ZF ist ein Hersteller von Bauteilen wie Getrieben, welche größtenteils in der Auto- und Marineindustrie verwendet werden. Das Unternehmen ist nach Bosch der zweitgrößte Autozulieferer in Deutschland.

Obwohl ZF im ersten Halbjahr 2025 weniger Umsatz gemacht hat, konnte das Unternehmen seinen operativen Gewinn – also vor Zinsen und Steuern – um zwölf Prozent auf 874 Millionen Euro steigern. Der Umsatz ging unter anderem durch die Auslagerung des Bereichs Achsmontage um über zehn Prozent auf 19,7 Milliarden Euro zurück.

Autozulieferer ZF will 12.000 Stellen in Deutschland streichen

Gleichzeitig hat ZF bereits im vergangenen Jahr damit begonnen, bis zu 14.000 Stellen abzubauen. Bis zum Jahr 2028 soll in Deutschland fast jeder vierte Arbeitsplatz wegfallen.

Das ertragreichste Werk hat der Hersteller in Saarbrücken. Nun ist genau dieses Werk in den Nachrichten: Denn ein Teil der bestehenden, aber auch neue Arbeitsplätze sollen nach Ungarn verlagert werden.

Stellenabbau in der Industrie

Der Stellenabbau in Deutschland und die gleichzeitige Verlagerung nach Ungarn bei steigendem Umsatz bei ZF fügen sich dabei nahtlos in einen anhaltenden Trend ein. Auch bei anderen großen deutschen Industrieunternehmen wie Audi und Siemens ist ein großer Stellenabbau geplant.

Autoindustrie: Sparprogramme und Stellenstreichungen

Als Mischkonzern hat Siemens seine Finger in vielen verschiedenen Bereichen. Mit seiner Sparte „Digital Industries“ ist der Konzern allerdings unzufrieden. Die Siemens AG verzeichnet zwar massive Profite – 2,1 Milliarden Euro allein im ersten Quartal. Der Umsatz im Automatisierungsgeschäft war dem Konzern zuletzt aber allem Anschein nach nicht groß genug.

Deswegen sollen nun vor allem in diesem Bereich Arbeitsplätze gestrichen werden – in Deutschland betrifft das rund 2.600 Arbeiter:innen.

ZF lässt Beschäftigte weiter warten

Gespannt blickten die Beschäftigen der Aufsichtsratssitzung am 29. Juli entgegen, bei der Entscheidungen über die Zukunft des Werks in Saarbrücken erwartet wurden. Der Aufsichtsrat von ZF verschob die Entscheidung jedoch.

Die Geschäftsleitung und Vertreter:innen des Betriebsrats und der Gewerkschaft IG Metall verständigten sich am Rande der Sitzung derweil darauf, bis Ende September über Maßnahmen im Geschäftsbereichs Antriebstechnik zu verhandeln. „Wenn wir merken, dass das Unternehmen es nicht ernst meint, werden wir weitermachen mit den Maßnahmen, die wir bis jetzt ergriffen haben. Das geht nur mit eurer Unterstützung“, erklärten Betriebsrat und IG Metall in einer Nachricht an die Beschäftigten.

An der Veröffentlichung der internen Pläne zur Verlagerung – von zumindest einem Teil – der Produktion nach Ungarn stört sich ZF jedoch erheblich. Nachdem ihr Vorhaben des Stellenabbaus an die Presse gelangte, hatte der Vorstand des Unternehmens juristische Maßnahmen ergriffen – gegen die eigenen Angestellten.

Reportage: Zum Schichtwechsel bei ZF in Nürnberg

ZF stellte Anzeige gegen Unbekannt und gab Listen mit mehreren hundert Angestellten weiter, die laut ihnen in Frage kämen, firmeninterne Informationen weitergegeben zu haben. Vor Gericht wurde dem Vorhaben schnell ein Riegel vorgeschoben. Mit der Presse zu sprechen und Informationen weiterzugeben verstoße nicht gegen das Gesetz zum Schutz von Betriebsgeheimnissen und sei keine Straftat.

Die Interessen hinter der Verlagerung nach Ungarn

Die Verlagerung der Produktion nach Ungarn ist kein Zufall und für deutsche Firmen aus mehreren Gründen besonders attraktiv: Niedrige Unternehmenssteuern, schwache Gewerkschaften und politische Rückendeckung für Konzerne bieten ideale Bedingungen. Die ungarische Regierung unter Viktor Orbán hatte in den letzten Jahren unter dem Begriff „Standortsicherheit“ gezielt um ausländische Investitionen geworben – auf Kosten der Rechte und Interessen der Arbeiter:innen.

Für deutsche Kapitalist:innen ermöglichen die deutlich niedrigeren Löhne und Produktionskosten eine Steigerung der Profite. Damit können Verluste durch wirtschaftliche Krisen in anderen Bereichen ausgeglichen werden.

Zum anderen wird Ungarn durch diese wirtschaftliche Verflechtung immer stärker an Deutschland gebunden – nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch. Das Land entwickelt sich zunehmend zu einem Absatzmarkt und Investitionsraum für deutsches Kapital, was der deutschen Regierung zugleich als politisches Druckmittel dient.

So kann etwa mit dem Verweis auf wirtschaftliche Konsequenzen, Einfluss auf unliebsame politische Entscheidungen genommen werden. Merz hatte Ungarn bereits Konsequenzen angedroht, wenn sie in ihrer Russlandpolitik nicht auf EU-Linie bleiben.

Ungarn: Historischer Verbündeter des deutschen Imperialismus

Diese Entwicklung ist Teil eines längerfristigen Trends seit der EU-Osterweiterung. Mit dem Beitritt osteuropäischer Länder zur EU wurde ein einheitlicher Binnenmarkt geschaffen, der es deutschen Konzernen erlaubt, Produktionsstandorte dorthin zu verlagern, wo Löhne niedrig und Arbeitsrechte schwächer sind – ohne Zollschranken oder rechtliche Hindernisse. Länder wie Ungarn oder Rumänien wurden systematisch als „verlängerte Werkbänke“ – wie sie in der Branche genannt werden – des deutschen Kapitals etabliert.

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!