Die Zahl von Sexualdelikten an Kindern und Jugendlichen bleibt weiter auf einem erschreckend hohem Niveau, so ein Bericht des Bundeskriminalamts. Bundesinnenministerium und BKA nehmen das als Anlass für mehr Überwachung, ein Fokus auf die schwerwiegendsten Ursachen und Prävention bleibt aus. – Ein Kommentar von Herbert Scholle.
Am Mittwoch veröffentlichte das Bundeskriminalamt (BKA) das Bundeslagebild Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen – einen jährlichen Bericht, der Sexualstraftaten an Minderjährigen bundesweit erfasst und auswertet. Mehr als 17.500 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen und beinahe 52.500 Fälle von pornografischen Inhalten von Minderjährigen registrierte das BKA im vergangenen Jahr.
In einigen Bereichen gab es zwar Schwankungen, insgesamt haben sich die Zahlen in 2024 im Vergleich zum Vorjahr aber kaum verändert. Sie bleiben damit weiterhin hoch und auch über dem Fünfjahresdurchschnitt. Dazu muss man aber auch erwähnen, dass dieser insbesondere durch die Pandemiejahre gedrückt wird.
Fokus auf die digitale Welt
Noch interessanter als die Zahlen selbst ist aber wie die Bundesbehörden mit diesen Umgehen wollen. Dazu veranstaltete Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) zusammen mit dem Präsidenten des BKA Holger Münch und der Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen Kerstin Claus am Donnerstag eine Bundespressekonferenz.
Schnell wird hierbei klar worum es ihnen vorrangig geht, Regierung und Sicherheitsbehörden wollen klar einen Fokus auf die digitale Welt legen: Dobrindt pocht auf die Speicherung von IP-Adressen, Münch konzentriert sich auf die Verbreitung kinderpornografischer Inhalte im Internet und Claus erklärt, dass es für Täter:innen zu leicht ist digital Kontakt zu Kindern herzustellen.
Natürlich ist es durchaus richtig und wichtig auch im digitalen Raum gegen den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen vorzugehen. Auch haben Dobrindt, Münch und Claus nicht Unrecht, wenn sie davon sprechen, dass das Internet und insbesondere digitale Kommunikation in diesem Kontext eine besondere Herausforderung darstellen. Aber den Hauptfokus der Bekämpfung von Sexualdelikten an Minderjährigen auf die digitale Welt zu legen widerspricht den vorliegenden Zahlen deutlich und wirft damit einige Fragen auf:
Geheimer Beschluss: Kinderpornografie wird von Polizei nicht gelöscht
Das Bundeslagebild macht nämlich deutlich, dass die Mehrzahl der Straftaten eben nicht von Fremden aus dem Internet begangen wird, sondern in den allermeisten Fällen von Menschen aus dem direkten sozialen Umfeld der Opfer. So kann man dem Bericht entnehmen, dass beim sexuellen Missbrauch von Kindern in weniger als 30 Prozent der Fälle keine Vorbeziehung zwischen Opfer und Tatverdächtigen bestand, bei Jugendlichen sind es sogar weniger als ein Viertel der Fälle. In beiden Bereichen kommen die Tatverdächtigen hingegen in rund 60 Prozent der Fälle aus dem sozialen Umfeld der Täter. Sei es durch Familienangehörige, Freunde oder Bekannte, oder gar formelle soziale Beziehungen wie zum Beispiel Lehrer:innen oder Trainer:innen.
Auch auf andere deutliche Muster und Zusammenhänge wird nicht näher eingegangen. Das Sexualdelikte an Kindern und Jugendlichen zum Beispiel einen klaren Zusammenhang mit patriarchalen Verhältnissen haben – rund dreiviertel der Opfer sind Mädchen, 95 Prozent der Tatverdächtigen sind Männer – wird zwar erwähnt, es wird aber nicht näher darauf eingegangen. Auch wird dieser Aspekt in der Bekämpfung von Sexualstraftaten an Minderjährigen offenbar nicht als relevant gesehen.
Prävention? Fehlanzeige!
Noch verheerender wird der Sachverhalt, wenn man sich bewusst wird, dass in der Pressekonferenz nur sehr wenig zur Prävention von Sexualstraftaten an Kindern und Jugendlichen gesagt wird. Zwar wird immer mal wieder Aufklärung erwähnt oder davon gesprochen, dass man es Täter:innen schwerer machen muss online Kontakt zu Minderjährigen herzustellen, doch wie der Staat konkret dafür sorgen will, dass weniger Kinder und Jugendliche Opfer von sexuellem Missbrauch werden wird nicht erklärt.
Dabei ist gerade der Punkt Aufklärung ein unglaublich wichtiges Thema in diesem Bereich. Insbesondere jungen Kindern klarzumachen was Erwachsene mit einem machen dürfen und was nicht und ihnen die Angst und die Scham zu nehmen Nein zu sagen oder einer vertrauten Person davon zu erzählen wenn Täter:innen Dinge von ihnen verlangen die sie nicht tun wollen, ist ein enorm wichtiger Teil der Prävention. Auch das Phänomen von „Selbstfilmenden“, also Kindern und Jugendlichen die pornografische Inhalte von sich selbst teilen, zum Beispiel aus sexueller Neugier oder um soziale Anerkennung zu erhalten, zeigt, dass altersgerechte sexuelle Aufklärung und der Umgang mit dem Internet und sozialen Medien bisher zu kurz kommt.
Viel lieber konzentriert man sich aber auf die Verfolgung von Täter:innen im Nachhinein oder das seit Jahrzehnten laufende Katz-und-Maus-Spiel im „Dunkelfeld“ Darknet. So kann man nicht nur Überwachungsmaßnahmen fördern, sondern auch einfache politische Erfolge verbuchen. Schließlich ist es viel einfacher davon zu berichten wie viele Täter:innen man festnehmen konnte als wie viele Taten überhaupt gar nicht erst entstanden sind.
Kinderschutz als Vorschub zur Überwachung
Im Umgang mit Sexualstraftaten an Minderjährigen lässt sich insgesamt ein altbekanntes Muster erkennen: Der Schutz von Kindern und Jugendlichen wird vorgeschoben um Überwachungsmaßnahmen und andere Freiheitseinschränkungen zu legitimieren. Ein zuletzt aufsehenerregendes Beispiel hierfür ist der „Online Safety Act“ im Vereinten Königreich. Hier müssen sich User:innen nun online identifizieren, augenscheinlich um Kindern den Zugang zu nicht altersgerechten Inhalten zu verhindern. Effektiv bedeutet das aber, dass die eigentlich privaten Aktivitäten im Internet nun viel einfacher nachzuvollziehen sind.
Es ist einfach zu erkennen warum eine solche Strategie so gut funktioniert: Wer will sich denn schon freiwillig gegen den Schutz von Kindern stellen? Doch uns muss klar sein, dass es dem Staat nicht darum geht Kinder und Jugendliche tatsächlich effektiv zu schützen. Wenn das der Fall wäre, würde man sich bei der Bekämpfung auf die wichtigsten Ursachen also Täter:innen aus dem direkten sozialen Umfeld konzentrieren. Wenn das der Fall wäre würde man beispielsweise durch Aufklärung einen viel größeren Fokus auf Prävention legen.
Nein, den Regierenden und den Sicherheitsbehörden geht es nicht um die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen, diese ist weiterhin nur ein Vorwand um ohne viel Widerstand Überwachung und Kompetenzen für Polizei und Geheimdienste zu fördern. Wenn man das konsequent zu Ende denkt, ergibt sich sogar der genau gegenteilige Anreiz: Wenn die Zahlen zu Sexualdelikten an Minderjährigen sinken würden, gäbe es schließlich weniger Vorwand für weitere Überwachungsmaßnahmen.

