Wut über die Gegenwart, Hoffnung auf Veränderung – beides prägt die Ausstellung „Wir sehen rot!“ des Roten Ateliers in Berlin. Malerei, Grafik, Fotografie und Musik machen deutlich: Kunst kann und muss Teil des Klassenkampfs sein. Wer sie erleben will, hat noch bis Mitte September Gelegenheit.
Vom 15. bis 17. August lud das Künstler:innenkollektiv Rotes Atelier zum Eröffnungswochenende ihrer ersten Gemeinschaftsausstellung in die Maigalerie im Verlagsgebäude der Zeitung Junge Welt ein. Unter dem Motto „Wir sehen rot! – Internationale Kämpfe im deutschen Kontext“ präsentieren sie eine Ausstellung, die nicht nur ästhetische Formen ins Zentrum stellte, sondern sie zugleich als direkte politische Praxis verstehen.
Die Ausstellung selbst bot den Besucher:innen eine große Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen: Plakate, Grafiken, Fotografien, Malerei und Videokunst ermöglichten unterschiedliche Zugänge zu den Themen. Dabei standen internationale Befreiungskämpfe, der Kampf gegen Kapitalismus sowie die Solidarität mit politischen Gefangenen im Mittelpunkt.

Mehr als eine Darstellung der Realtität
Die Räume der Maigalerie und die angrenzenden Veranstaltungsorte wurden an den drei Tagen zu einem Treffpunkt für hunderte Interessierte. Das Programm verdeutlichte dabei, dass Kunst nicht bloß Dekoration ist, sondern aus dem tatsächlichen politischen Kampf entsteht und in diesen hineinwirkt.
Revolutionäre Lesungen aus der Geschichte sozialistischer Bewegungen schufen eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ein Hip-Hop-Konzert gefolgt von einer audiovisuellen Performances eines libyschen Musikers brachten weitere künstlerische Ausdrucksformen in das Wochenende.
Im Interview mit der Jungen Welt erzählt der Künstler Le.Mob, was hinter dem Motto steht: „‚Rot sehen‘ bedeutet für uns einerseits Wut. Wir sind wütend über die herrschenden Zustände, den kapitalistischen Alltag, den Genozid in Gaza, die imperialistischen Kriege und die Militarisierung der BRD, über die Klimakrise und die permanente patriarchale Gewalt.“

„Andererseits ist ‚rot sehen‘ bereits Teil der Lösung. Rot ist unsere Farbe, die Farbe des Sozialismus. In der gegenwärtigen Krise wollen und werden wir die Hoffnung nicht aufgeben. So kommen in unserer Kunst sowohl Wut als auch Hoffnung zum Ausdruck“, so Le.Mob.
Ein Gedicht, das diesen Charakter literarisch zum Ausdruck brachte, wurde von der Künstlerin Vandalismus_3000 ausgestellt: „Wir säten Widerstände / Sie versuchten / Sie zu beerdigen. / Sie wussten nicht / Dass es Samen sind. / Sie verwüsteten / Unser Land. / Doch wussten sie nicht, / Dass sie die Erde nicht lockerten, / Damit sie gedeihen.“
Kunst als Teil des Klassenkampfs
In einer Podiumsdiskussion am Samstag Abend diskutierten Kunst- und Kulturschaffende über die Bedeutung von revolutionärer Kunst. Der Autor Olivier David, ein Vertreter des Theaterkollektivs Staub zu Glitzer sowie die Gestalter:innen Lina und Le.Mob vom Roten Atelier versuchten Antworten darauf zu finden, wie Künstler:innen in die Kämpfe der Arbeiter:innen eingreifen können und welche Organisationsformen es dafür braucht.

Dabei wurde deutlich, dass klassenbewusste Kunst nicht bei der Archivierung von Kämpfen stehen bleiben darf. Sie muss aktuelle Krisen aufgreifen, verständlich bleiben, emotionale und materielle Realität abbilden und zugleich Selbstwirksamkeit und kollektives Handeln erfahrbar machen.
Im Zentrum der Debatte stand die Frage, wie revolutionäre Kunst heute aussehen kann. Nicht nostalgisch zurückgewandt, sondern als in die Zukunft blickender Ansatz. Kunst, so eine Perspektive des Podiums, muss Trennschärfe schaffen, Identifikation ermöglichen und damit einen Beitrag zur Ausbildung von Klassenbewusstsein leisten. Oder, wie es der Autor Olivier David auf dem Podium darstellte: „Wenn Bomben in der Realität fallen, müssen auch Bomben in der Literatur fallen.“

Ausstellung bis Mitte September
Mit diesem heißen Wochenende im August hat das Rote Atelier in Berlin angedeutet, welches Potential in kollektiv organisierter Kulturarbeit liegt. Der große Zuspruch und die lebhafte Beteiligung bestätigten den Erfolg der Ausstellung und öffnen die Perspektive für einen Auftakt weiterer revolutionärer kultureller Bildung und kreativer Praxis.
Die Ausstellung „Wir sehen rot! – Internationale Kämpfe im deutschen Kontext“ kann noch bis zum 19. September 2025, mittwochs und freitags von 13 bis 18 Uhr, in der Maigalerie (Torstraße 6, 10119 Berlin) besichtigt werden.

