Die Nachricht über den Tod des in Lwiw erschossenen Andrij Parubij sorgte international für Aufsehen. Der 54-Jährige galt nicht nur als eine der einflussreichsten Figuren der ukrainischen Politik, sondern auch als eine prominente Persönlichkeit der extremen Rechten. Auch in Deutschland äußerten Politiker von CDU bis SPD ihre Anteilnahme – trotz seiner Biografie. – Ein Kommentar von Azad Dersime.
Parubij, der in der internationalen Presse nach seinem Tod als „pro-westlicher Aktivist“ bezeichnet wurde, war spätestens ab den 1980er-Jahren in der ukrainischen nationalistischen Bewegung aktiv. In den 1990er-Jahren war er an der Gründung der „Sozial-Nationalen Partei der Ukraine“, später Swoboda, beteiligt. Als späterer Kopf ihres paramilitärischen Arms, der „Patrioten der Ukraine“, soll er Angriffe auf politische Gegner und Minderheiten organisiert haben.
Diese Aktivitäten kulminierten während der Maidan-Proteste 2013/14. Als sogenannter „Kommandant der Selbstverteidigung“ wurde er aufgrund der eskalierenden Gewalt bekannt. Besonders berüchtigt ist seine Rolle beim Brandanschlag auf das Gewerkschaftshaus von Odessa im Mai 2014, bei dem über 40 Menschen ums Leben kamen. Zeugenaussagen zufolge soll Parubij militanten Aktivist:innen Befehle erteilt haben, „alles niederzubrennen“.
Trotz – oder vielleicht gerade wegen – seiner Vergangenheit gelang ihm der Aufstieg an die Spitze des politischen Establishments: Von 2016 bis 2019 war er Präsident des ukrainischen Parlaments und zuletzt Abgeordneter der prowestlich ausgerichteten Partei „Europäische Solidarität“. Sein Aufstieg wurde vermutlich durch seine ungebrochene Loyalität gegenüber dem Westen und der NATO begünstigt. Schon während der Maidan-Proteste suchte er Annäherungen an NATO und EU, eine Linie, die sich durch seine gesamte politische Laufbahn zog. Durch eine Verfassungsänderung machte die Ukraine 2019 den Beitritt zur EU und NATO zum nationalen Ziel.
Am 31. August wurde Parubij auf offener Straße in Lwiw mit acht Schüssen erschossen. Nachdem zunächst ein russischer Auftragsmord vermutet wurde, gestand der mutmaßliche Täter Parubij „aus persönlichen Motiven“ getötet zu haben. Die ukrainische Zeitung Vysokyi Zamok berichtete unter Berufung auf unbenannte Quellen, dass der Täter einen Sohn an der Front verloren habe.
Ukrainische Nationalisten und der Westen – ein Bund mit Präzedenz
Die Beziehungen zwischen ukrainischen Nationalisten und westlichen Staaten haben historische Wurzeln, die bis weit vor den Maidan-Protesten zurückreichen.
Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) unter Stepan Bandera bildete während des Zweiten Weltkriegs Verbände, die an der Seite der Wehrmacht kämpften und an Massakern beteiligt waren. Besonders bekannt ist die 14. Waffen-Grenadier-Division der SS „Galizien“, die überwiegend aus ukrainischen Freiwilligen bestand. Diese Einheiten waren an Kriegsverbrechen gegen Juden, Polen und sowjetischen Partisanen beteiligt.
Nach 1945 setzten antikommunistische Stay-Behind-Gruppen der OUN/NPA ihre Aktivitäten fort, unterstützt von westlichen Geheimdiensten wie MI6 und CIA. Viele OUN-Funktionäre konnten ihre politische Arbeit in Exilorganisationen fortführen.
Nazis in der Ukraine: Damals wie Heute
In den vergangenen Jahren reisten wiederholt deutsche Neonazis in die Ukraine, um dort an der Seite rechter Milizen wie des Asow-Regiments zu kämpfen. Recherchen dokumentieren die Präsenz von Mitgliedern deutscher Kameradschaften, NPD-Aktivisten und Rechtsextremisten in ukrainischen Freiwilligenverbänden. Die Ukraine entwickelte sich zu einem internationalen Trainingslager der extremen Rechten.
Slava Ukraini?! – Der ukrainische Faschismus und warum wir gerade hier darüber sprechen müssen
Darüber hinaus intensivierte sich die militärische Zusammenarbeit auf staatlicher Ebene. Unter dem Schlagwort der „totalen Militarisierung“ wurde die ukrainische Gesellschaft nach 2014 schrittweise auf Krieg ausgerichtet – mit westlicher Unterstützung. Deutschland lieferte Waffen, Ausrüstung und Ausbildung. Offiziell diente dies der Stärkung der Verteidigungsfähigkeit, faktisch profitieren jedoch auch rechtsextreme Strukturen, die in die ukrainische Armee integriert sind.
Die Widersprüchlichkeit wird deutlich: Westliche Politiker:innen bekämpfen vermeintlich einerseits Faschismus im eigenen Land, hofieren andererseits aber politische Figuren wie Parubij. Sein Tod rückt diese Ambivalenz erneut ins Licht: Ein Mann, der für Faschismus und Gewalt stand, wird international als „prowestlicher Demokrat“ betrauert.

