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Bluoqons Tout: „Wir werden unsere Schule noch hundertmal und öfter blockieren“

Die Protestbewegung Bloquons Tout in Frankreich geht in die zweite Runde: Am Donnerstag hat der zweite Protesttag stattgefunden, um für einen Generalstreik zu mobilisieren. Wir haben mit Lara C.* gesprochen, die in Frankreich zur Schule geht und sich an den Protesten beteiligt.

Lara, Du machst momentan ein Auslandsjahr auf einem Lycée in der Bretagne und bekommst die Proteste in Frankreich hautnah mit. Kannst du uns erzählen, was du so erlebt hast?

Ja, letzte Woche war an unserer Schule richtig viel los. Am Mittwoch gab es einen Streik, da war die Polizei noch nicht da. Diesen Donnerstag war dann wieder Streik an den Schulen – diesmal war die Polizei sehr präsent.

Wir Schüler:innen waren schon ab sechs Uhr morgens, manche sogar noch früher, da, um die Eingänge unserer Schule zu blockieren – mit Mülltonnen und Baumaterialien. Die Blockade war fast fertig, als die Polizei kam. Alles ging ganz schnell: Wir haben versucht, eine Kette zu bilden, aber wurden auseinander getrieben und auf die andere Straßenseite gedrängt. Einige Schüler:innen wurden eingekesselt, von manchen wurden sogar die Personalien aufgenommen.

Die Polizei hat angefangen, unsere Blockade abzubauen – unseren Kampfgeist konnten sie uns aber nicht nehmen: wir entschieden, den Schuleingang mit unseren Körpern zu blockieren und sind vor den Eingang gerannt. Die Polizei konnte unsere Kette nicht brechen. Ein Polizist schubste eine Schülerin brutal auf den Asphalt. Nachdem diese Situation allgemeines Entsetzen auslöste und gefilmt wurde, ließen die Cops uns in Ruhe, und wir konnten unsere Blockade weiter fortführen.

Später haben wir einen zweiten Eingang im Innenhof mit Mülltonnen blockiert. Irgendwann zog die Polizei ab, und unsere Blockade blieb bestehen – am einzigen Lycée in der Stadt. Bei den anderen Schulen hat die Polizei die Blockaden auflösen können.

Neben der Polizei war jedoch auch die Presse sehr präsent, was sicher zur Zurückhaltung der Cops beitrug – und worüber wir Schüler:innen uns auch sehr gefreut haben.

Wie haben denn die Proteste angefangen?

In Frankreich gibt es aktuell große Streikaufrufe über Social Media, die unglaublich viel in Bewegung setzen. An den Schulen organisieren die Schüler:innen die Blockaden meist eigenständig, es gibt kaum feste Strukturen von außerhalb. Manchmal schließen sich jedoch Organisationen an, um die Blockaden zu unterstützen.

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Wie ist die Beteiligung an den Streiks und Protesten? Wie sprechen Lehrer:innen und Mitschüler:innen bei dir in der Schule über die Proteste?

Wir sprechen mit den Lehrkräften nicht über die Planung, und auch sonst reden wir eher wenig über die Geschehnisse. Je mehr Leute im Vorfeld von einer geplanten Blockade wissen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende etwas dazwischenkommt. Viele Lehrkräfte stehen den Blockaden aber positiv gegenüber oder streiken sogar selbst.

Dass Lehrkräfte – wie in Deutschland – versuchen, eine Blockade aufzulösen oder sich offen mit der Polizei solidarisieren, habe ich hier noch nicht erlebt. Das ist wirklich sehr ermutigend.

Von meiner Klasse waren fast alle auf der Demonstration, und mehr als die Hälfte war entweder bei der Blockade selbst aktiv oder hat die Aktion zumindest unterstützt. Es gab richtig viel Zusammenhalt unter den Schüler:innen – man hat gemerkt, dass alle irgendwie gemeinsam hinter der Sache stehen.

Gab es einen Moment, der dich besonders geprägt hat?

Auf der Großdemo nach der Blockade ist mir ganz kurz gefühlt das Herz stehen geblieben, als die Polizei angefangen hat, Tränengas-Granaten in die Demo zu werfen. Dann habe ich aber mitten in der Menge einen Genossen aus meiner Klasse getroffen, und wir haben uns eingehakt – einfach bestes Gefühl! Außerdem fand ich es inspirierend zu sehen, wie selbstverständlich sich die Leute gegen die Polizei und ihre Repressionen gewehrt haben. Das hat diesem Gefühl von Angreifbarkeit etwas Kämpferisches entgegengesetzt.

Was ich sehr witzig fand: Viele hatten Taucher- oder Skibrillen dabei, letzte Woche war sogar jemand mit einer Gasmaske auf der Demo.

Was steht hinter den Protesten und warum sind auch gerade Schüler:innen und Jugendliche auf der Straße?

Hinter den Protesten steckt vor allem die Wut über die geplanten Kürzungen im Sozialstaat. Es sollen zum Beispiel zwei Feiertage gestrichen und gleichzeitig Sozialleistungen gekürzt werden, während immer mehr Geld ins Militär fließt. Viele hier haben das Gefühl, dass gerade Arbeiter:innen, Jugendliche und auch Rentner:innen die ganze Krise ausbaden müssen. Dazu kommt das Schulsystem, das viele Schüler:innen in Frankreich richtig frustriert. Die Schultage sind oft extrem lang – manchmal bis 18 Uhr – und das sorgt für zusätzlichen Druck.

Viele Schüler:innen stellen sich grundsätzlich gegen Militarisierung. Wir haben keine Lust, in den Kriegen der Herrschenden zu sterben oder unsere Klassengeschwister zu töten. Solange Menschen in Armut leben, während weiterhin Geld ins Militär gesteckt wird, werden wir unsere Schule noch hundertmal und öfter blockieren.

Bei den Streiks geht es auch darum, Druck auf die französische Regierung auszuüben und auf den Genozid in Gaza aufmerksam zu machen.

Siehst du da Parallelen für Deutschland?

Ja, wir fühlen uns als Schüler:innen nicht dem Nationalstaat verbunden, sondern unserer Klasse. Deshalb kämpfen wir international solidarisch gegen Wehrpflicht und Aufrüstung. Am Ende sollen wir es sein, die in einem Krieg aufeinander schießen, der nicht unser Krieg ist. Dagegen wehren wir uns — jeden Tag, an jedem Ort.

Wie reagieren Polizei und Regierung auf die Proteste?

Die Regierung zeigt bisher wenig Bewegung. Der neue Premierminister Sébastien Lecornu macht im Prinzip genauso weiter wie sein Vorgänger Bayrou – er redet zwar davon, mit der Opposition ins Gespräch zu kommen, aber an den Sparplänen selbst will er nichts ändern. Gleichzeitig setzt die Polizei sehr stark auf Härte: Es sind riesige Polizeiaufgebote unterwegs, und der Innenminister hat sogar angekündigt, mit „massiven Mitteln“ gegen Blockaden vorzugehen.

Was ist für den Generalstreik geplant?

Für den Generalstreik sind wirklich riesige Aktionen geplant: Es soll über 250 Demonstrationen im ganzen Land geben, nicht nur in Paris oder Lyon, sondern auch in vielen kleineren Städten. Die Gewerkschaften sprechen davon, dass vielleicht über 900.000 Menschen teilnehmen könnten.

Schon am 10. September hat man gesehen, wie groß die Mobilisierung ist – damals waren viel mehr Leute auf der Straße, als die Regierung gedacht hatte. Und obwohl 80.000 Polizist:innen im Einsatz waren, konnte der Staat die Proteste nicht klein halten. Viele hier haben deshalb das Gefühl, dass die Bewegung gerade erst richtig Fahrt aufnimmt.

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Glaubst du, dass auch Schüler:innen in Deutschland von den Erfahrungen in Frankreich etwas lernen können?

Ja, das gilt aber bestimmt auch umgekehrt. Es sind unsere Schulen – wenn wir Aktionen durchführen möchten, können wir das tun, ohne Angst vor unseren Lehrer:innen oder der Polizei zu haben: Unsere Rechte können sie uns nicht absprechen und schon gar nicht unseren Kampfgeist.

Schüler:innen sind eine Gruppe, die sich unglaublich gut mobilisieren lässt, die man nicht einfach alle von der Schule verweisen kann und die viel gemeinsam hat. Diesen Vorteil müssen wir nutzen – egal, ob es im Kampf gegen Aufrüstung, Wehrpflicht oder den Genozid in Palästina geht. Ob Frankreich oder Deutschland, wir haben alle dasselbe Ziel: Hoch die internationale Solidarität!

*Der Name wurde redaktionell geändert. Der echte Name ist der Redaktion bekannt.

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