Zeitung für Solidarität und Widerstand

Der Preis des modernen Finanzfußballs

Warum die Premier League der Bundesliga ihre besten Spieler wegkauft, die UEFA den Verein Crystal Palace aus der Europa League gekickt hat und was das mit Multi-Club-Ownership zu tun hat. – Ein Kommentar von Lukas Mainzer.

„Die Bundesliga ist im internationalen Vergleich abgehängt und nicht mehr konkurrenzfähig“. So oder so ähnlich titeln viele Medien und Sportexpert:innen nach dem vergangenen Transfersommer im internationalen Vereinsfußball der Männer, der Anfang September endete. Aufhänger dafür sind vor allem zwei millionenschwere Transfers. Die deutschen Nationalspieler Florian Wirtz und Nick Woltemade verließen für jeweils 125 und bis zu 90 Millionen Euro die deutschen Teams aus Leverkusen und Stuttgart. Beide Spieler schlossen sich mit Liverpool und Newcastle Clubs aus der englischen Premier League an.

Das Besondere dabei: Der deutsche Rekord- und Serienmeister FC Bayern München versuchte, zuvor beide Spieler für sich zu verpflichten. Im Normalfall gelingt es ihnen, als finanzstärkster Club Deutschlands, die besten deutschen Nationalspieler zu verpflichten. Doch dieses Jahr gingen die Münchener in beiden Fällen leer aus. Der deutsche Ex-Profi Michael Ballack sprach davon, die Bundesliga sei „in der Regel für die absoluten Top-Spieler nicht mehr so attraktiv“.

Premier League spielt in einer anderen Liga

Dass die englische Premier League der deutschen Bundesliga enteilt ist, ist jedoch keine Neuheit. Schon seit etwa der 1990er Jahre liegt die Premier League im europäischen Vergleich vorne, was Umsatz und Einnahmen angeht. Und obwohl das Milliardengeschäft  Profifußball in den letzten 30 Jahren bei allen Vereinen der europäischen Top-Ligen boomte, ging die Schere zwischen Premier League und dem Rest immer weiter auseinander.

Das hat vor allem mit der Kapitalisierung und Vermarktung der Premier League zu tun. In England wurde die erste Liga schon 1992 aus der bisherigen Vereins- und Ligenstruktur gelöst und in ein eigenes Unternehmen überführt. Das Unternehmen konnte ab diesem Zeitpunkt die Verträge für Übertragungsrechte selbst verhandeln und die Einnahmen leistungsbezogen über die Vereine verteilen. Das bisherige Solidaritätsprinzip zur Geldverteilung wurde damit durch das Leistungsprinzip ersetzt. Zuvor musste die Premier League etwa auch einen Teil ihrer Einnahmen an die zweite und dritte Liga Englands abgeben.

Auch hatte die Premier League schon vor allen anderen Ligen erkannt, dass die Haupteinnahmequelle des Profifußballs in der Fernsehübertragung liegt. Der rechte US-Medienmogul Rupert Murdoch sicherte sich in den ersten Jahren die exklusiven Fernsehrechte der Premier League und brachte sie erstmals ins Bezahlfernsehen – und das mit Erfolg. In Anlehnung an US-amerikanischen Sport wie Football oder Baseball lag der Fokus mehr auf Entertainment und Familientauglichkeit. Sowohl in den Stadien als auch vor den TV-Geräten boomte der englische Fußball. Der ehemalige Arbeiter:innen- und Vereinssport wurde damit vollständig kommerzialisiert.

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„50+1“ hält Investor:innen in Deutschland zurück?

Der Schritt zur Ausgliederung der ersten Bundesligen wurde in Deutschland erst knapp zehn Jahre später gegangen. Im Jahr 2000 gründeten sich aus den ersten beiden Fußballligen Deutschlands die Deutsche Fußball Liga (DFL). Seitdem steigern sich die Einnahmen der Bundesligaclubs, jedoch können sie mit der Premier League weiterhin nicht ansatzweise mithalten. Das hat auch einen weiteren Grund: die sogenannte „50+1 Regel“. Nach dieser können gemeinnützige Fußballvereine ihre Profimannschaften zwar in Aktiengesellschaften ausgliedern, jedoch müssen immer mindestens 50+1 Prozent der Anteile in den Händen des Vereins bleiben. Damit behalten Vereine die Mehrheit und Entscheidungsmacht ihrer Profiteams.

Ganz im Gegensatz zu England: Dort befinden sich alle Clubs komplett im Privatbesitz von Unternehmen und Einzelpersonen. Prominente Beispiele sind etwa das Königshaus von Abu Dhabi bei Manchester City oder der saudische Staatsfonds in Newcastle. Die finanzkräftigen Clubbesitzer können so unbegrenzt Gelder in ihre Teams stecken und sich dadurch einen sportlichen Erfolg erkaufen. Gleichzeitig können sie als Mehrheitseigner sportliche, wirtschaftliche oder personelle Entscheidungen treffen. Im Vergleich dazu muss der FC Bayern auf Fernseheinnahmen und einzelne Sponsoringverträge zurückgreifen.

Um also international konkurrenzfähiger zu werden, gibt es in Deutschland regelmäßige Debatten um die Abschaffung der „50+1-Regel“, kürzlich etwa erst durch eben jenen ehemaligen Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack. Jedoch gibt es unter den deutschen Fußballfans großen Widerstand gegen die Abschaffung der Regel. Viele sehen sie als letzte Bastion der kollektiven Mitbestimmung und Fankultur im durchkommerzialisierten Milliardengeschäft Fußball. Beim Einstieg von Saudi-Arabien in den englischen Club Newcastle United machten sich auch dort Fans für die Einführung einer 50+1 Regel stark.

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Multi-Club-Ownership oder wer nicht mehr mitspielen darf

Dass die englische Premier League also der Bundesliga wirtschaftlich so weit voraus ist und ihre besten Spieler abkauft, hat logische Gründe. Die Premier League ist der größte und lukrativste Anlaufpunkt im Spitzenfußball weltweit. Wie auch in allen anderen Wirtschaftsbereichen hat sich im Kapitalismus von heute eine Art Monopol im Profifußball gebildet.

Beim Konzept der „Multi-Club-Ownership“ besitzt ein Investor mehrere Clubs in verschiedenen Ländern auf der Welt. Zwischen den Clubs gibt es dann meist eine festgelegte Rangordnung und die Investoren verschieben ihre Spieler dann je nach Erfolgschancen zu einer besser oder schlechter platzierten Mannschaft. Die „City Football Group“ etwa besitzt Teams in Europa, Asien, Australien, Nord- und Südamerika. Doch die besten Talente gehen am Ende an ihre lukrativste Mannschaft: Manchester City in England.

Die Konkurrenz im internationalen Clubfußball zentralisiert sich dadurch immer mehr auf einzelne Investor:innen oder Investor-Gruppen. Um in den großen Wettbewerben wie Champions League oder Europa League dann nicht Mannschaften desselben Investors gegeneinander antreten zu lassen, musste bereits extern eingegriffen werden. Die UEFA kickte in diesem Jahr den englischen Club Crystal Palace aus der Europa League.

Die kapitalistisch zugespitzten Entwicklungen des modernen europäischen Fußballs werden sich vorerst nicht umkehren lassen. Auch mit einem Ende der 50+1-Regel und damit verbundenen massiven Investitionen in deutsche Fußballclubs würde die Bundesliga die Premier League nicht einholen können. Dafür ist das Geld und damit das Machtgefälle zu groß. Der Sport rückt in den Hintergrund.

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