Die Deutsche Bahn soll durch absichtliche Ausfälle die Verspätungsstatistik beschönigt haben. Doch die Pünktlichkeit nimmt weiter ab. Mit der neuen Vorstandschefin Palla und Milliardeninvestitionen aus dem Sondervermögen sollen die Probleme gelöst werden.
Die Deutsche Bahn (DB) lässt wohl absichtlich verspätete Züge im Fernverkehr ausfallen, damit diese nicht in der Verspätungsstatistik auftauchen. Das berichtet der Spiegel nach Gesprächen mit zahlreichen Bahnmitarbeitenden. Hinzu kommt, dass die Deutsche Bahn die Züge dann leer weiter fahren lässt, um sie vom eigentlichen Zielbahnhof wieder losfahren lassen zu können.
Der Spiegel verweist dabei auf die Formulierung einer Nachricht aus einem organisatorischen internen Chat der DB. „Zug fällt zur Verbesserung der Statistik ab Köln aus“, heißt es in einem internen System des Unternehmens. Mitarbeitende der Bahn bestätigen dem Spiegel außerdem, dass es im Konzern inzwischen üblich sei, Züge für statistische Zwecke nicht verkehren zu lassen.
Die Deutsche Bahn dementiert, solche Mittel für schöne Zahlen zu nutzen. Nur in Einzelfällen sei es legitim, aus betrieblichen Gründen Fahrten frühzeitig zu beenden. „Die im vorliegenden Fall von einem Mitarbeiter gewählte Formulierung ist falsch“, kommentierte die DB.
Sparkurs bei der Bahn
Dass es bei der Deutschen Bahn kriselt ist allgemein bekannt. Ausdruck davon ist besonders die rasant steigende Unpünktlichkeit. Im Juli 2023 lag die Pünktlichkeitsquote bei 64,1 Prozent, im Juli 2025 nur noch bei 56,1 Prozent. Im November 2023 und Juni 2024 rutschte die Quote sogar auf unter 53 Prozent.
Das Unternehmen ist zudem mit 22 Milliarden Euro stark verschuldet und hat allein im ersten Halbjahr von 2025 760 Millionen Euro Verlust gemacht. Daher soll bis 2036 unter anderem die Zahl der verfügbaren Sitzplätze im Fernverkehr von 265.000 auf 244.000 reduziert werden.
Neben der Unpünktlichkeit und den Sparmaßnahmen kam im August auch noch das Vorzeigeprojekt der Generalsanierung ins Stocken. Nach der Sanierung der Strecke zwischen Frankfurt und Mannheim wird aktuell auf der Strecke zwischen Berlin und Hamburg gebaut. Der gesamte Sanierungsplan soll laut DB nun aber erst „Mitte der 2030er Jahre“ fertiggestellt werden – statt wie ursprünglich geplant bis 2031.
Kein Wunder also, dass versucht wird, Statistiken gerade zu rücken. Immerhin müssen die Manager:innen gegenüber den Aufsichtsräten und dem Eigentümer, dem deutschen Staat, ordentliche Zahlen liefern. Nur so wird auch weiterhin das Geld für die Infrastruktur fließen. Genau genommen sollen bis 2029 107 Milliarden Euro investiert werden – 81 Milliarden aus dem Sondervermögen für Infrastruktur.
Den derzeit laufenden Sparkurs bei der Deutschen Bahn spüren die Arbeiter:innen am meisten. Im März hatte die Gewerkschaft EVG dann sogar ohne Streiks einen neuen Tarifvertrag beschlossen, der bei einer Laufzeit von 33 Monaten gerade einmal eine Lohnerhöhung von 4,5 Prozent beinhaltet. Angestellte beurteilen den Abschluss „als das zweitschlechtestes Ergebnis aller Zeiten“.
Zudem häufen sich tödliche Arbeitsunfälle. So kam es im Frühling diesen Jahres innerhalb von vier Wochen zu fünf schweren Arbeitsunfällen – vier davon tödlich. Und auch in den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu verherenden Arbeitsunfällen.
Neue Vorstandschefin soll Probleme lösen
Die Probleme lösen soll nun eine neue Vorstandsvorsitzende. Die bisherige Konzernchefin der DB Regio Evelyn Palla löst den abgesetzten Bahnchef Richard Lutz ab. Sie will nun „aufräumen“. Wie genau sie die Probleme der Bahn lösen will, um sie „pünktlich, sicher und sauber“ zu machen, ist unklar.
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) will die Bahn dazu „schneller, schlanker und wirtschaftlicher“ machen. Unter anderem hat er vor, die Infrastruktur stärker vom DB-Konzern zu entflechten um mehr politischen Einfluss über den Sektorbeirat ausüben zu können. Dahinter könnte auch das Interesse stecken, die Bahn noch besser in die Kriegsvorbereitungen im Zuge des „Operationsplan Deutschland“ einbeziehen zu können.
Ex-Chef Lutz hatte beispielsweise das Geld aus dem Sondervermögen für die Infrastruktur der Bahn begrüßt, zweifelte jedoch gleichzeitig an, ob damit die „Finanzierungslücke geschlossen werden kann“. Auch der Personalmangel, besonders in den Stellwerken wird wohl auf absehbare Zeit nicht gelöst werden können.

