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Die Deutsche Wirtschaft in der Krise – Kein Licht am Ende des Tunnels

Dass sich die deutsche Wirtschaft seit Jahren von Krise zu Krise hangelt, ist mittlerweile allgemein bekannt. Hinter der Schieflage stecken vor allem die zugespitzte Konkurrenz und die angespannte geopolitische Lage.

Das Ergebnis der deutschen Produktion in der ersten Jahreshälfte von 2025 scheint besser auszusehen als erwartet: sie stagniert. Im Juni sank die Produktion um nur 0,1 Prozent, erwartet waren 1,9 Prozent. Auch das Produktionsplus im Bau-, Industrie- und Energiesektor lag im Juli über den Erwartungen von Ökonom:innen, wie das Handelsblatt berichtet.

Gleichzeitig aber gerät das Hauptgeschäftsmodell der „Exportnation Deutschland” wesentlich stärker ins Wanken als befürchtet: Die BRD liegt nach China und den USA auf Platz drei der größten Exportnationen der Welt – dementsprechend angewiesen ist die deutsche Wirtschaft auf ihr Exportgeschäft.

Laut Statistischem Bundesamt sank der Export im Juli 2025 um 0,6 Prozent im Vergleich zum Juni auf 130 Milliarden Euro. Im Vormonat war der Export noch um 1,1 Prozent gestiegen. Besonders die Exporte in die USA sind dabei stark zurück gegangen. Aber auch die Exporte nach China nahmen im Vergleich zum Vorjahr um 7,3 Prozent ab. Es wird ein Trend deutlich.

Kapitalverbände sehen die Lage sehr dramatisch und prognostizieren einen enormen Abfall der Exporte in diesem Jahr: Der Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) stellte am Donnerstag auf einer Pressekonferenz die Prognose auf, dass der Export 2025 um 2,5 Prozent einbrechen werde, während die Importe etwa um 4,5 steigen könnten.

Auch abgesehen vom Exportgeschäft scheint die Wirtschaft weiter zu schwächeln: Ein weiterer Messwert, der die ökonomische Situation von Unternehmen in Deutschland widerspiegelt, ist die  sogenannte Insolvenzrate.: Im ersten Halbjahr 2025 wurden 12.009 Unternehmensinsolvenzen beantragt, was eine Steigerung von 12,2 Prozent zum ersten Halbjahr 2024 darstellt. Auch Verbraucherinsolvenzen stiegen um 7,5 Prozent im Vergleich.

Insolvenzen steigen in Deutschland um 22,4 %

Zoll-Krieg trifft deutsche Wirtschaft empfindlich

Die Gründe für den Export-Einbruch sind vielseitig. Der Hauptfaktor dürfte aber im Ringen um Absatzmärkte und Industriestandorte liegen, der zum offenen Handelskrieg eskaliert: Im sich immer weiter zuspitzenden Konkurrenzkampf der Staaten und ihrer Monopole geht es nicht nur um Handelsdefizite – wie Donald Trump seine Zollpolitik offiziell begründet –, sondern auch um die Frage, wo gerade in Krisen-, geschweige denn Kriegszeiten die Produktion stattfindet.

Besonders deutlich wird das beim dem Handelsabkommen zwischen der EU und den USA, welches im Zuge des Handelskriegs Ende Juli in Schottland unterzeichnet wurde: Nicht nur erheben die USA auf nahezu alle Produkte 15 Prozent Einfuhrzoll, sondern die EU verpflichtet sich, Energie aus den USA im Wert von 750 Milliarden US-Dollar zu kaufen und außerdem 600 Milliarden Dollar dort zu investieren.

Die hohen Zölle und die Gegenzölle etwa von chinesischer Seite bringen somit das auf Export orientierte deutsche Kapital ganz schön ins Schwimmen. Hinzu kommt, dass China, das Anfang des Jahrhunderts noch einer der Hauptabsatzmärkte für deutsches Kapital war, mittlerweile viele Waren selbst herstellt. Etwa bei E-Autos werden deutsche Hersteller nicht nur aus dem chinesischen Markt verdrängt, sondern auch im Absatz fasst die Volksrepublik mit Marken wie BYD Fuß. Ein empfindlicher Treffer auf die Autobranche – ein zentrales Standbein der deutschen Wirtschaft.

Deutscher Kapitalismus: Unternehmen beschleunigen Stellenabbau

Geopolitische Lage sorgt für Ungewissheit

Dieser verschärfte Wettstreit zwischen den Staaten weltweit findet nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene statt. Der Konkurrenzkampf zwischen den Großmächten spitzt sich auch im Tempo zu. Überall auf der Welt drohen Konfliktherde über zu kochen. Auch das ist schlecht für das Exportgeschäft, denn es birgt immer größere Investitionsrisiken.

Beispielsweise haben etwa der Krieg in der Ukraine und die Konkurrenz zu Russland für deutsche Kapitalist:innen schwere Konsequenzen, die bereits seit 2022 wirken. Der Mangel an billigem russischem Gas bringt Unternehmen in Deutschland durch hohe Energiekosten ins Schwitzen, auch wenn der deutsche Staat hier noch bereitwillig mit Subventionen und Steuergeschenken bereit steht, den in die Krise geratenen Konzernen unter die Arme zu greifen.

Kein Ende in Sicht?

Um aus dieser vielfältigen Krise wieder heraus zu kommen, fordert etwa Dr. Dirk Jandura, Präsident des BGA, unter anderem eine engere Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft und mehr Freiheit im Außenhandel. Diese Forderung wird bereits mit dem Beginn der Ratifizierung des Mercosur-Freihandelsabkommens zwischen der EU und lateinamerikanischen Staaten umgesetzt. Das Ziel: ein breiterer Zugang zu Absatzmärkten.

Eine weitere Forderung, die der BGA in seiner gestrigen Pressekonferenz nennt, ist – wie so häufig – der Bürokratie-Abbau. Was im ersten Moment einfach und verlockend wie ein Abbau lästiger Papierarbeit klingt, verbirgt allerdings häufig deutlich weitreichendere Folgen: es geht dabei vielmehr eher um den Abbau oder die Abschaffung von Verbraucherschutz, Umweltschutz oder Berichtspflichten.

Bürokratieabbau! Aber für wen?

Ein weiterer Hebel für die Wirtschaft sollen die eingeplanten und exorbitanten Rüstungs- und Infrastrukturausgaben sein. Wie die Regierung bereits angekündigt hat, sollen Kürzungen des Bürgergelds, ein höheres Renteneintrittsalter und ein ganzer Berg neuer Schulden helfen, die vielen Milliarden Euro, die benötigt werden, locker zu machen.

Fraglich bleibt aber trotz aller Forderungen und Finanzspritzen, ob die Wirtschaft kurzfristig wieder auf die Beine kommt. Klar ist nur, dass die Regierung die Folgen der Wirtschaftskrise bisher konsequent auf die Arbeiter:innen abgewälzt hat, etwa in Form von massiven Kürzungen beim Sozialstaat. Eine Wende in diesem Trend ist nicht zu erwarten.

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