In der Stuttgarter Innenstadt haben drei Faschisten zwei Antifaschisten, darunter ein Mitglieder der Internationalen Jugend Stuttgart, angegriffen. Die sozialistische Jugendorganisation antwortet mit einer antifaschistischen Kundgebung am Ort des Angriffs. Wir haben mit Nova L.*, einer der beiden Betroffenen, über den Angriff gesprochen.
Nova, was genau ist letzte Woche Mittwoch passiert?
Am Abend war ich mit einem Kumpel in der Stadt unterwegs. Wir saßen am Eingang der Oper, weil es regnete, und wollten uns auf den Heimweg machen. Als wir losgehen wollten, kamen drei Jungs vorbei und haben kurz zu uns rübergeschaut. Die Gruppe ist mir dabei durch ihr Auftreten aufgefallen: Lonsdale Trainingsjacke, Cargo-Hose, Polo-Shirts und Boxerschnitt. Ich dachte, wenn wir kurz warten und dann 20 Meter hinter denen laufen, dann wird schon nichts passieren.
Als wir am Durchgang zur Königsstraße waren, standen die drei dann in einem Halbkreis um einen vermutlich Obdachlosen herum und haben ihn dumm angepöbelt. Als wir dann da waren, haben die sich von ihm abgewendet und einer von den Jungs kam direkt auf mich zu und hat mich angesprochen: „Bist du Antifa? – Ich bin Nazi, willst du mich nicht boxen?“.
Ich meinte dann ja, aber dass es nichts bringt, sich jetzt hier zu kloppen, habe mich abgewendet und wir sind weitergelaufen. Daraufhin haben die drei kurz was auf Ukrainisch oder Russisch geredet und einer hat sein Handy rausgeholt und angefangen zu filmen. In dem Moment wusste ich schon: Ok, jetzt gleich könnte es brenzlig werden. Im Affekt habe ich dann noch schnell mein Handy in meine Tasche gepackt und dann ging es direkt los.
Einer hat mir von hinten in den Rücken getreten, ich bin zu Boden gefallen, ein zweiter hat sich dann auf mich gestürzt und auf mich eingetreten. Nach einer kurzen Auseinandersetzung konnte ich mich irgendwie loslösen, bin aufgestanden und weitergelaufen. Einer der Jungs hat dann in seine Tasche gegriffen und meinte, er hätte ein Messer dabei, da bin ich dann losgerannt, um kein Risiko einzugehen.
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Was kam dir in der Situation in den Kopf, was waren deine Gedanken?
Bevor es zum eigentlichen Angriff kam, war ich schon etwas angespannt. Ich dachte aber nicht, dass die uns angreifen würden. Alle waren einen Kopf kleiner und, wenn ich schätzen müsste, 15-17 Jahre alt. Erst als die ihr Handy zum Filmen rausgeholt haben, wusste ich: Gleich knallt es. Während des Angriffs ging alles sehr schnell, da war ich einfach nur unter Adrenalin. Nach dem Angriff waren wir natürlich erstmal unter Schock.
Denkst du, das waren einfach drei jugendliche Nazis, die Stress wollten, oder steckt da mehr dahinter?
In dem Moment wollten sie einfach Stress anfangen, das hat man auch davor schon gemerkt, wie die so durch den Park gelaufen sind und den Obdachlosen angepöbelt haben. Aber hinter so einem Angriff steckt natürlich eine größere Motivation. Ich denke in erster Linie ist das Ziel natürlich, den politischen Feind anzugreifen und einschüchtern, sodass wir keine antifaschistische Politik mehr machen. Gleichzeitig geht es aber auch darum, sich in der Stadt breit zu machen und offen als Nazis aufzutreten. Das ist meiner Meinung nach ein Mittel, um rechte Jugendkultur zu normalisieren.
Wart ihr einfach zur falschen Zeit am falschen Ort?
Fast nichts hier passiert im luftleeren Raum, auch das nicht. Letzten Mittwoch ist es uns in Stuttgart passiert, nächstes Mal passiert es anderswo. In erster Linie war das zwar ein Angriff auf uns, gemeint war aber die gesamte antifaschistische Bewegung.
Reaktionäre Kräfte und rechte Angriffe nehmen gerade bei uns massiv zu: Rechte Schmierereien wie „Nieder mit der Roten Pest“ oder Hakenkreuze in Stuttgart Ost und Bad Cannstatt, ein gezielter Sprayangriff auf ein indisches Restaurant in Untertürkheim, Angriffe auf das soziokulturelle Zentrum „Prisma“, wo eine Pride-Flagge gestohlen und auf offener Straße verbrannt wurde. Auch das offene Auftreten auf der Straße nimmt zu. Ukrainische Faschos versammeln sich auf dem Schlossplatz, und auch Der III. Weg war bereits in Cannstatt, um Leute zu agitieren.
Warum kann so etwas in Deutschland passieren?
Naja, reaktionäre Politik steht doch schon längst auf der Tagesordnung. Mit der SPD- und CDU-Regierung haben wir eine herrschende Politik, die verantwortlich für eine schärfere Migrationspolitik ist. Wir haben die Justiz, die diese Politik absichert, und wir haben eine Polizei, die diese Politik ganz praktisch durch rassistische Kontrollen, Polizeigewalt oder einer Verfolgung von fortschrittlichen Kräften durchsetzt. Faschistisches Gedankengut verbreitet sich immer weiter und wird Schritt für Schritt in der Gesellschaft akzeptiert. Derselbe Staat, der die sozialökonomischen Grundlagen schafft, die das Ganze begünstigen, betreibt dagegen, wenn überhaupt, nur eine Symptompolitik.
Das zeigt aber umso mehr, dass wir uns auf eben diesen Staat nicht verlassen können und dass wir uns als antifaschistisch konsequent revolutionär organisieren müssen. In der Schule, in den Unis, in den Betrieben, aber auch im Freundes- und Bekanntenkreis müssen wir ein stärkeres Bewusstsein für die Ursachen des Rechtsruck schaffen. Wenn wir in Zukunft solche Angriffe verhindern wollen, müssen wir uns kollektiv organisieren und dem Faschismus auf allen Ebenen und mit den verschiedensten Mitteln entgegentreten. Konkret bedeutet das auch, dass wir uns unsere Städte nicht nehmen lassen dürfen. Wir müssen unsere antifaschistische Praxis auf die Straße tragen und die Faschos in den Kiezen wie im ganzen Land zurückschlagen!
Das war ein politischer Angriff und wir antworten politisch. Als erste Reaktion machen wir eine Kundgebung 50 Meter vom Ort des Angriffes entfernt: Freitag, 19. September um 18 Uhr am Pusteblumenbrunnen auf der Königstraße. Unsere Losung heißt: Auf der Straße gegen Faschismus! Entschlossen gegen Faschismus! Organisiert gegen Faschismus!
*Der Name wurde redaktionell geändert. Der echte Name ist der Redaktion bekannt

