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„Gaza brennt“ – Bodenoffensive auf Gaza-Stadt

Die Bodenoffensive auf Gaza-Stadt ist im vollen Gange: Die israelische Armee richtet sowohl durch Bodentruppen als auch kontinuierliche Luftangriffe enormen Schaden an Gazas Hauptstadt an und töten dutzende Palästinenser:innen. Derweil erkennt der UN-Menschenrechtsrat Israels Vorgehen als Völkermord an.

Das israelische Militär bestätigte am Dienstag die Ausweitung der Bodenoffensive auf Gaza-Stadt. Neben Bodentruppen sind auch Luftangriffe durch Artillerie und Kampfflugzeuge Teil der Operation. Dabei berichtet Al Jazeera über ein enorm brutales Vorgehen, das vor allem durch „übermäßige Feuerkraft“ gekennzeichnet ist: Die IDF zerstört gezielt Hochhäuser und nutzt Sprengfallen um die Überreste von Wohnhäusern in den urbanen Zentren der Stadt zu zerstören. Das gesamte Gebiet wird durch die Angriffe unbewohnbar gemacht.

Die Folgen für die Bewohner ist ebenfalls verheerend, allein am Dienstag tötete die IDF bereits 89 Menschen (Stand 19 Uhr). Laut israelischen Angaben sollen mehr als 350.000 Menschen die Stadt verlassen haben – rund 40 Prozent der Bewohner:innen.

Das Medienbüro der Gaza-Regierung spricht hingegen von 190.000 in Richtung Süden Geflüchteten und rund 1,3 Millionen die in Gaza-Stadt verblieben sind. Außerdem seien 15.000 Menschen die in den Süden geflüchtet waren aufgrund von schrecklichen Bedingungen in den Sicherheitszonen zurück in den nördlichen Gazastreifen gekommen.

Israel rückt auf Gaza-Stadt vor

UN-Kommission: Israel begeht Völkermord

Die Untersuchung des UN-Menschenrats ist derweil zu dem Ergebnis gekommen, dass Israel im Gazakrieg Völkermord begeht. Vier der fünf Tatbestände der UN-Konvention zu Genozid seien erfüllt. Navi Pillay, die Vorsitzende der Untersuchungskommission, erklärte gegenüber Al Jazeera, dass die Kommission unter anderem Premierminister Benjamin Netanjahu, den ehemaligen Verteidigungsminister Yaov Gallant und Präsident Isaac Herzog für den Völkermord verantwortlich macht.

Die Kommission hat verschiedene Anhaltspunkte für den Schluss, das Israel die „völkermörderische Absicht, die Palästinenser im Gazastreifen ganz oder teilweise zu vernichten“ hat: Israelische Soldat:innen haben unter anderem durch den Einsatz von Breitschlagmunition absichtlich Zivilist:innen in Gaza getötet. Ebenso waren Befehle und Bemerkungen der israelischen Regierungsmitglieder ein Anhaltspunkt.

Auch bei der jetzigen Gaza-Stadt-Offensive nutzt die israelische Regierung weiter die bekannt aggressive Rhetorik. Verteidigungsminister Israel Katz erklärte auf X ganz offen „Gaza brennt“, Außerdem erklärte er „Wir werden nicht nachlassen und nicht zurückweichen – bis die Mission abgeschlossen ist“.

„könnte heute Nacht die letzte Nacht für die Geiseln sein“

Teil ebendieser Mission ist laut Israel die Befreiung der verbliebenen Geiseln – 48 befinden sich noch in Gaza, es wird davon ausgegangen, dass 20 von ihnen noch am Leben sind. Das die Befreiung der Geiseln tatsächlich das Ziel der Mission sei zweifeln aber ihre Familien an: In einem Schreiben des Angehörigenforums erklären sie am Dienstagmorgen, aufgrund des Handelns der Regierung „könnte heute Nacht die letzte Nacht für die Geiseln sein“.

Dabei berufen sie sich auch auf die israelische Armeeführung die ähnliche Bedenken hat. So warnte Generalstabschef Eyal Samir, dass die Operation auf einem so dicht besiedelten Gebiet das Leben der Geiseln aktiv gefährde.

Die israelische Regierung beruft sich derweil weiterhin auf den Vorwurf die Hamas nutze Zivilist:innen und Geiseln als menschliche Schutzschilde, für ein solches Vorgehen in Gaza-Stadt gibt es keine Beweise.

Drei Tote im Westjordanland

Auch im Westjordanland geht die israelische Armee weiter aggressiv vor. Wie Al Jazeera berichtet starteten israelische Soldat:innen vermehrt Angriffe, vor allem auf Dörfer und Städte in Nablus. Die IDF hat teils Kameras und Videoaufnahmen der Angriffe beschlagnahmt, außerdem sind Armeefahrzeuge beim Abriss von palästinensischen Gebäuden zum Einsatz gekommen.

Am Dienstagmorgen töteten israelische Soldat:innen zwei Palästinenser in Qalqilya, ihre Leichen werden von der Armee zurückgehalten. Bei den Angriffen wurde zudem ein weiterer palästinensischer Mann angeschossen.

Die israelische Armee behauptet eine selbstgebaute Rakete im Dorf Kafr Nima gefunden zu haben und legitimiert damit die Angriffe.

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Israelischer Luftangriff auf jemenitischen Hafen

Auch außerhalb palästinensischen Gebietes eskaliert Israel weiterhin militärisch, unter anderem bei einem Luftangriff auf den jemenitischen Hafen Hodeidah. Die Bombardierung war Teil einer Reihe von Luftangriffen auf jemenitische Gebiete, bei denen dutzende Zivilist:innen getötet wurden. Bereits in der vergangenen Woche griff Israel vermehrt den Jemen an und tötete dabei 35 Menschen. Israel behauptet die Houthis würden den Hafen nutzen um iranische Waffen zu empfangen.

Die Angriffe auf den Jemen folgen auf ein Attentatsversuch auf Hamas-Führer im katarischen Doha in der vergangenen Woche. Dieser Angriff war in besonderer Hinsicht signifikant, da Qatar bei Friedensverhandlungen zwischen Israel und der Hamas vermittelt. Sowohl Feinde als auch die engsten Verbündeten verurteilten den Anschlag und kritisierten Israels Regierung scharf.

In Reaktion lud Katar viele arabische und vornehmlich muslimische Länder zu einem Gipfel in Doha ein. Dort bekundeten sie ihre Solidarität mit Katar. Man wolle nun eine gemeinsames Verteidigungsstrategie entwickeln, Beobachter spekulieren, dass sich eine Art der arabischen Koalition der Willigen bilden könnte. Viel konkretes ist aber nicht bekannt.

Wenig öffentliche Unterstützung

Mit der Bodenoffensive auf Gaza-Stadt, sowie dem Angriff in Doha macht es Israel seinen engsten Verbündeten derzeit sehr schwer zumindest öffentlich Unterstützung zu zeigen.

So erklärt der deutsche Außenminister Johann Wadephul „Die neuerliche Offensive in Richtung Gaza-Stadt ist […] die vollkommen falsche Richtung“. „Wir lehnen das ab und haben das auch gegenüber der israelischen Regierung deutlich gemacht“ führt er weiter aus. Israel solle jetzt den Weg einer Waffenstillstandsverhandlungen und einem Abkommen über die Freilassung der Geiseln gehen.

Auch Marco Rubio erklärt es gebe nur noch ein „kurzes Fenster“ um einen Waffenstillstand auszuhandeln. Der US-Außenminister ist nach Doha gereist um die Beziehungen zwischen Katar und den USA nach dem israelischen Angriff zu stärken und pocht auf die Wichtigkeit der katarischen Vermittlung. Zudem betont er, „Unsere erste Wahl ist, dass dies durch eine Verhandlungslösung beendet wird“.

Selbst US-Präsident Trump lässt sich vorerst nicht durch ein Statement der Unterstützung für die Bodenoffensive durchringen und antwortet auf Fragen zur Offensive zunächst nur „Ich muss sehen. Ich weiß nicht viel darüber.“ Im gleichen Zug droht er aber der Hamas und wiederholt den Vorwurf diese würden die Geiseln als Schutzschilde nutzen.

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