Vor einer Woche wurde der rechtsradikale Aktivist Charlie Kirk in den USA bei einer Veranstaltung erschossen. Seitdem wurde der Schütze gefasst, ein klares Motiv bleibt aber noch aus. Die Republikaner nutzen die Situation, um gegen trans Personen und Linke zu hetzen und sprechen sich gegen politische Gewalt aus. Diese Gewalt scheint sie jedoch nur zu stören, wenn sie „einen von ihnen“, also einen weißen Republikaner, trifft. – Ein Kommentar von Thomas Mercy.
Letzte Woche Mittwoch wurde der rechtsradikale Aktivist Charlie Kirk bei einer von ihm organisierten Diskussionsveranstaltung an einer Universität in dem US-amerikanischen Bundesstaat Utah erschossen. Die Tage danach gab es in den USA aber auch internationale große und sehr unterschiedliche Reaktionen auf Charlie Kirks Tod. 33 Stunden nach seinem Tod wurde auch der mutmaßliche Täter Tyler Robinson gefasst. Dieser wurde unter anderem wegen Mordes angeklagt und könnte die Todesstrafe erhalten.
Rechter Kulturkampf um das Motiv des Täters
Noch bevor irgendwelche Informationen über den mutmaßlichen Täter bekannt waren, begannen Medien und Influencer mit wilden Spekulationen und versuchten, die Situation zu nutzen, um gegen trans Personen und Linke zu hetzen.
Das „Wall Street Journal“ veröffentlichte kurz nach dem Geschehnis einen Artikel, in welchem dem Täter eine „transgeschlechtliche, antifaschistische Ideologie“ zugeschrieben wird. Dabei wurde sich auf unverifizierte interne Statements der Polizei bezogen, welche sich als falsch herausstellten.
Auch nachdem sich herausstellte, dass der Täter nicht trans ist, sondern ein 22-jähriger weißer Mann, welcher in einer christlichen und republikanischen Familie aufwuchs, wird immer noch versucht, trans Personen verantwortlich zu machen. Die Tatsache, dass er mit einer trans Frau in einer WG lebte und mit dieser auch angeblich eine Beziehung hatte, wird nun von manchen als Grund für seine Tat gesehen.
Es wurden Patronenhülsen mit eingravierten Nachrichten am Tatort gefunden, über die aktuell viel spekuliert wird. Folgende Gravuren befanden sich darauf: “Hey fascist! Catch! ↑ → ↓↓↓”; “notices, bulges, OWO, what’s this?”; “Bella Ciao”, “If you read this you are gay LMAO.”. Besonders die Benutzung des Wortes „Faschist“ und der Bezug auf das italienische antifaschistische Lied „Bella Ciao“ werden als Anlass genommen, um Tyler Robinson eine linke Ideologie zuzuschreiben. Passend dazu sprach US-Vizepräsident JD Vance erst am Montag davon, dass der „Linksextremismus Teil der Ursache“ sei, warum Kirk getötet wurde.
Transfeindliche Hetze: Realitätsfern und unwissenschaftlich
In den letzten Jahren gab es eine immer stärkere Fokussierung von rechten Kräften auf die LGBTI+-Community, besonders auf trans Personen. Gewalt gegen LGBTI+ nimmt immer weiter zu und die Rechte der Community wurden in den letzten Jahren stark eingeschränkt.
Zwei Wochen vor der Veranstaltung von Kirk gab es einen Amoklauf an einer christlichen Schule in den USA durch eine trans Person. Kirk selbst nutzte dies als Anlass, um gegen trans Personen zu hetzen, und machte die „trans medical industry“ verantwortlich. Als Kirk erschossen wurde, war er mitten in einer Debatte über genau diesen Fall und verbreitete die Idee, dass trans Personen eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen würden.
Obwohl 98 Prozent der Amokläufe von cis-Männern ausgehen und trans Personen meist Ziel von Gewalt sind, statt diese auszuüben, nutzen rechte Kräfte jede Möglichkeit, um dies zu vertuschen und Hetze zu verbreiten.
„Politische Gewalt ist schlecht!“ – aber nur wenn sie sich gegen das Establishment richtet
Wenn man sich die Machenschaften der USA über die letzten Jahrzehnte hinweg anschaut, würde man meinen, dass die Herrschenden dieses Landes mit Gewalt wohl wenig Probleme haben. Kaum ein Land hat so viele Kriege angezettelt, so viele Menschen ermordet und so viele Regierungen aus politischen und wirtschaftlichen Motiven gestürzt.
Dieselben Menschen, die dies zu verantworten haben, inszenierten sich jedoch nach Kirks Tod als empathische Pazifist:innen. Charlie Kirk hatte sehr enge Verbindungen zu Trump und der aktuellen Regierung. Hochrangige Politiker:innen wie Trump oder Kriegsminister Pete Hegseth sprachen Gebete aus und es gab eine Schweigeminute im Kongress.
Auch bei mehreren Footballspielen der National Football League (NFL) dieses Wochenende wurde zu einer Schweigeminute aufgerufen. Schulen in Utah wurden ebenso angehalten, eine Schweigeminute einzuberufen.
International gab es ähnliche Reaktionen. Ein schwedischer Ministerpräsident versuchte ebenso, eine Schweigeminute zu initiieren, und in Österreich gab es eine Gedenkkundgebung vor der Botschaft der USA, an der sich der bekannte Faschist Martin Sellner beteiligte.
Die Heuchelei könnte nicht größer sein. Die Menschen, die mitverantwortlich für den andauernden Genozid in Gaza sind, die jeden Tag zu Gewalt an Migrant:innen und LBGTI+-Personen aufrufen, die sich über George Floyd lustig machten, zeigen sich nun bestürzt über einen Rechtsaußen-Christ, welcher selber sagte, dass er Tode durch Schusswaffen als notwendiges Übel ansieht.
Es geht also offensichtlich nicht um eine prinzipielle Ablehnung von Gewalt, denn diese Gewalt ist im Kapitalismus Alltag – und davon kann der blutige US-Imperialismus ein Lied singen. Am Ende wollen sie uns glauben lassen, dass Gewalt nur vom Staat und seinen Schergen ausgehen darf, ungeachtet der Tatsache, dass genau diese die Übel der Welt zu verantworten haben. Gewalt gegen Teile der herrschenden Klasse wird jedoch nicht toleriert: Stattdessen wird dieser Fall genutzt, um die Klasse weiter durch Kulturkampf zu spalten.

