Die Lage im Gazastreifen wird seit Monaten immer dramatischer: Millionen Menschen hungern, Kinder leiden unter akuter Mangelernährung, die israelische Blockade zerstört landwirtschaftliche Flächen und schränkt Fischfang massiv ein, während kaum Hilfsgüter hineingelangen. Was oft als humanitäre Krise bezeichnet wird, ist nicht nur das: Gazas Hungersnot ist ein Ergebnis systematischer Kriegsführung, von der auch andere Imperialisten lernen wollen. – Ein Kommentar von Alexandra Baer.
Seit Mai 2025 verschärft sich die Nahrungskrise in Gaza dramatisch: 39 Prozent der Bevölkerung hungern tagelang, etwa ein Viertel der Bevölkerung lebt unter Hungersnot-Bedingungen, die übrigen im Notfallmodus. Laut Zählungen des palästinensischen Gesundheitsministeriums, wurden mindestens 251 Todesfälle durch Hunger und Unterernährung gemeldet, darunter 108 Kinder (Stand: 17. August 2025). Im Juni 2025 wurden 6.500 Kinder wegen Mangelernährung behandelt – so viele wie noch nie seit Beginn des Konflikts. Im Juli kamen allein in zwei Wochen 5.000 Kinder hinzu.
Die dramatische Ernährungssituation wird zusätzlich durch den drastisch eingeschränkten Zugang zu landwirtschaftlichen Flächen verschärft: Nur 1,5 Prozent der Ackerflächen Gazas sind noch landwirtschaftlich nutzbar – 98,5 Prozent gelten als beschädigt oder unzugänglich. Auch der Fischfang – eine zentrale Nahrungsquelle – unterliegt seit Jahren massiven Einschränkungen durch Israel, teils durch Schusswaffeneinsatz gegen Fischerboote, Festnahmen und Beschlagnahmungen. Inzwischen hat das israelische Militär die gesamte Küste zur Sperrzone erklärt, selbst das bloße Annähern ans Wasser wird mit Waffengewalt unterbunden.
Die israelische Regierung macht die Hamas für das Ausmaß des Hungers verantwortlich – angeblich wegen systematischen Diebstahls der Hilfsgüter. Doch selbst eine interne Analyse der US-Regierung fand dafür Ende Juli keinerlei Beweise.
Teilweise Versorgung, ganze Katastrophe
Offizielle Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Knappheit: Zwischen März und Juni wurden laut Angaben der israelischen Besatzungsbehörde COGAT (Coordinator of Government Activities in the Territories), die die logistische Koordinierung zwischen Israel und dem Gazastreifen organisiert, lediglich 56.000 Tonnen Lebensmittel in das Gebiet gelassen – weniger als ein Viertel des geschätzten Mindestbedarfs in diesem Zeitraum. Selbst bei gerechter Verteilung hätte das Nahrungsdefizit nicht ausgeglichen werden können. Es ist als würde man ein sinkendes Boot mit einem Teelöffel leeren, während ein Rettungsboot ungenutzt bleibt.
Es wird also klar: Israel stellt sicher, dass sich die Bevölkerung Gazas nicht selber ernähren kann, indem die natürlichen Nahrungsquellen für die Palästinenser:innen unerreichbar gemacht werden. Und Israel kontrolliert, dass gerade nur so viele Lebensmittel in den Gazastreifen gelangen, um eine ausbreitende Hungersnot zu verlangsamen – nicht um sie aufzuhalten oder zu lindern. Gleichzeitig müssen Palästinenser:innen an Verteilungsstellen von Hilfsgütern um ihr Leben fürchten: Allein am 1. Juni wurden 32 Menschen bei dem Versuch erschossen, an Lebensmittel zu gelangen – sie blieben nicht die Einzigen, die für eine Handvoll Mehl starben.
Diese Situation ist kein neues Phänomen, sondern langjähriger Teil der militärischen Strategie des israelischen Staates, sowie auch anderer Kriegsparteien. Bereits 2018 waren über 80 Prozent der Bevölkerung im Gazastreifen – 1,6 von 2,1 Millionen Menschen – auf internationale Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Fast 80 Prozent des Wassers in Gaza war schon vor 2023 nicht trinkbar.
Diese strukturelle Abhängigkeit resultierte unmittelbar aus der israelischen Land-, See- und Luftblockade von 2007, die eine Reaktion auf die militärische Übernahme des Gazastreifens durch die Hamas darstellte. Israel schränkte an den von ihm kontrollierten Grenzübergängen sowohl die Anzahl passierender Personen und Güter, als auch deren Kategorien ein. Im Jahr 2006 sagte ein hochrangiger Berater des damaligen Premierminister Ehud Olmert dazu: „Die Idee ist, die Palästinenser auf Diät zu setzen, aber nicht, sie verhungern zu lassen.“
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Systematischer Einsatz von Hunger – damals wie heute
Hunger ist also auch in diesem Genozid kein Kollateralschaden, sondern Teil der Strategie. „Israel hat die effizienteste Hungermaschine gebaut, die man sich vorstellen kann. Der Staat Israel selbst hat seit seiner Gründung Lebensmittel als Waffe eingesetzt. Er kann und wird seine Hungermaschine als Reaktion auf Druck lockern oder verschärfen“, so Michael Fakhri, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.
Ein historisches Beispiel für Hunger als Kriegswaffe imperialistischer Staaten bietet die Belagerung von Leningrad durch die deutsche Wehrmacht von 1941 bis 1944: Die Stadt wurde fast 900 Tage lang vollständig eingeschlossen, der Zugang zu Lebensmitteln und Gütern gezielt unterbunden. Nur eine Route über einen zugefrorenen See, die ständig unter Beschuss stand, ermöglichte minimalen Nachschub. Die Folge war massiver Hunger, der Menschen zu extremen Überlebensmaßnahmen zwang. Die Blockade verfolgte das Ziel, die Bevölkerung auszuhungern, um die Kontrolle über die Stadt zu erzwingen – rund 1,1 Millionen Zivilist:innen starben.
Auch Saudi-Arabien nutzte im jahrelangen Krieg gegen Jemen Hunger als Kriegsmittel. Fast 18 Millionen Menschen im Jemen haben bis heute keinen gesicherten Zugang zu Grundnahrungsmitteln. Fast die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren leiden an Unterernährung.
Während in Gaza Menschen verhungern und ganze Stadtteile dem Erdboden gleichgemacht werden, beobachten z. B. Militärjurist:innen in den USA genau, was dort geschieht – nicht etwa aus moralischer Besorgnis, sondern um daraus juristische Leitlinien für zukünftige Kriege abzuleiten, etwa gegen China. Sie analysieren sorgfältig, wie rechtliche Auslegungen in Gaza umgesetzt werden, um daraus juristische Rahmen für potenzielle Großkriege abzuleiten. Gaza wird so zum Labor und Experimentierfeld, in dem Kriegsführung gelehrt und optimiert wird – dass man dabei über Leichen geht, ist für die Imperialisten Teil des Geschäfts.
Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 102 vom September 2025 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

