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Köln und Berlin: Blockaden und Applaus beim lautstarken Protest gegen den „Marsch für das Leben“

Am 20. September zog erneut der sogenannte Marsch für das Leben durch Berlin und Köln. Insgesamt war die Mobilisierung der Abtreibungsgegner:innen schwächer als zuvor. Begleitet wurde der Marsch von verschiedenen Gegenprotesten, die auf breiten Zuspruch trafen.

Auch dieses Jahr fand in Berlin und Köln der Marsch für das Leben statt. Er wird seit jeher von verschiedenen Strömungen getragen, die sich gegen Schwangerschaftsabbrüche und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen und LGBTI+-Menschen aussprechen. 2025 fand er das erste Mal zeitgleich auch in Zürich statt.

In Berlin waren dieses Jahr unter anderem Beatrix (AfD) und Sven von Storch (Zivile Koalition, Freie Welt.de), Vadim Derksen (AfD-Funktionär aus Berlin) und Mechthild E. Löhr (CDU), Funktionärin der Lebensrechtsbewegung, anwesend. Getragen wird der Protest aber auch von der katholischen Kirche und religiösen Fundamentalist:innen, die sich in diesem Bündnis wiederfinden.

Neben Demonstrationen nutzen die Abtreibungsgegner:innen auch eine starke Lobbyarbeit zur Durchsetzung ihres reaktionären Gedankenguts. Als Beispiel wurde hier die kürzlich gescheiterte Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin erwähnt. Sie gilt als Unterstützerin des Rechts auf Abtreibung. Die rechts-konservative Bewegung verstärkte durch ihre Lobbyarbeit und eine Medienkampagne den Druck auf die CDU, um ihre Wahl zu verhindern.

Der Machtkampf um das Bundesverfassungsgericht

Berlin: Schwächste Beteiligung seit Jahren und lautstarker Widerstand

In Berlin musste der Marsch für das Leben schon von Beginn an eine Niederlage einstecken: Denn mit nur 2.200 Menschen war er so schwach besucht wie seit 2004 nicht mehr. Anreisende aus Bremen wurden bereits in den frühen Morgenstunden mit Protest konfrontiert: 30 Aktivist:innen der Basisgruppe Antifa hatten sich ihnen in den Weg gestellt und konnten so die Abfahrt um über eine Stunde verzögern. Die herbeigerufene Polizei reagierte mit mehreren Festnahmen auf den Protest.

Auf der Kundgebung neben dem Eingang des Berliner Hauptbahnhofs wurde sich inhaltlich vor allem auf die Abtreibung von Föten mit diagnostizierter Behinderung eingeschossen. Auch die Rolle der traditionellen Familie und die weibliche Rolle als Hausfrau stand im Fokus. Angesprochen auf den aktuellen Sozialabbau erklärte eine Teilnehmerin der Demonstration gegenüber Perspektive Online, dass das Problem nicht an fehlenden Kita-Plätzen läge, sondern daran, dass man „als Mutter lieber zu Hause wäre und seine Kinder versorgen würde.“ Auch des ermordeten faschistischen Aktivisten Charlie Kirk, der diese Rollenbilder v.a. in den USA predigte, wurde gedacht.

„Außer einem Beitrag in neokolonialer Manier einer weißen deutschen Rednerin, die in Indien eine ‚Lebensrechtsorganisation’ gegründet hat, gab es kaum Bemerkenswertes. Vielmehr wurde gesungen, der Mythos der verlorenen Meinungsfreiheit bedient“, fasste Ella Nowak vom Bündnis What the Fuck zusammen

Warum der „Marsch für das Leben“ lebensfeindlich ist

Begleitet wurde die Demo der „Lebenschützer:innen“ von vielfältigem Gegenprotest. Nachdem die Kundgebung der Fundamentalist:innen begonnen hatte, stellte sich eine Gruppe junger Menschen samt einem Transparent mit der Aufschrift „Mein Körper, meine Wahl – Selbstbestimmungsrecht erkämpfen“ in die Nähe der Bühne. Neben Teilnehmer:innen der fundamentalistischen Demo griff auch die Polizei schnell ein und begleitete die Antifaschist:innen vom Gelände.

Gegen 14:30 Uhr kam es dann zu einer zeitweisen Blockade der Route des Marschs für das Leben durch das What the Fuck-Bündnis: rund 100 Leute rannten zeitgleich auf die Luisenstraße, direkt am Gebäude der Charité – die Demonstration der Abtreibungsgegner:innen musste für 20 Minuten stehen bleiben. Die Polizei räumte die Blockade jedoch innerhalb weniger Minuten – und setzte dabei auch sexualisierte Gewalt gegen Teilnehmende ein, indem sie ihnen an die Brüste fasste.

Neben der Blockade gab es noch andere Proteste, die sich entgegen stellten: so wurden eine Gegenkundgebung auf der anderen Seite des Berliner Hauptbahnhofs und eine Gegendemo durchgeführt. Teilnehmer:innen dieser Veranstaltungen wiederholten, dass es ihnen „um das Recht auf Selbstbestimmung über die eigenen Körper und die aller Menschen“ gehe.

Neben den Gegenprotesten und Blockaden verteilten Aktivist:innen der Föderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO) innerhalb Berlins in den U- und S-Bahnen der Stadt sowie in verschiedenen Stadtteilen Flyer und Plakate. Dabei kamen sie mit Anwohner:innen über den Marsch für das Leben und die Angriffe auf das Selbstbestimmungsrecht ins Gespräch. Sascha L. von der Organisation Betriebskampf zeigte sich zufrieden mit dem Aktionstag: „Wir versuchen hier, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und für das Selbstbestimmungsrecht am eigenen Körper zu werben. Bisher haben wir dafür auch größtenteils positives Feedback bekommen.“

Köln: Applaus von den Balkonen – Polizei fährt groß auf

Auch in Köln fand der Marsch für das Leben statt. Dieser zog hier mit 1.200 Menschen durch die Innenstadt. Und wie auch in Berlin gab es hier einige Blockadeversuche: Dafür hatten sich Aktivist:innen unter die Menge gemischt und schon teils während der Anfangskundgebung durch Störaktionen für Unruhe gesorgt. Der erste Blockadeversuch konnte den Marsch für eine gewisse Zeit verzögern.

Zudem gab es auch hier eine große Gegendemo – mit bis zu 3.000 Teilnehmer:innen. Über 1.000 Menschen schlossen sich dem Antikapitalistischen Block an. In den ersten Reihen trugen Aktivist:innen ein Banner mit der Aufschrift: „Wir sind keine Maschinen der Reproduktion! Wir sind Frauen im Kampf für die Revolution!“

Auch der Kampagnen-Slogan des Frauenkollektivs „Unsere Körper, unsere Wahl – gegen ihre Kriege, Kampf dem Kapital“ war auf einem Transparent im Antikapitalistischen Blocks zu lesen. Charlotte E. vom Frauenkollektiv betonte gegenüber Perspektive: „Es ist wichtig auf die Straße zu gehen, denn wir können uns nicht darauf verlassen, dass es parlamentarisch geregelt wird. Und wir können auch sehen, dass Reformen sehr schnell wieder rückgängig gemacht werden.“

Mein Körper, doch wessen Entscheidung? – Warum Selbstbestimmung heute nicht selbstverständlich ist

Aktivist:innen der Gegendemo beschrieben die Stimmung insgesamt als „sehr kraftvoll und motiviert“. Eine Besonderheit in Köln war jedoch wieder die starke Polizeipräsenz: Aus verschiedenen Bundesländern waren Polizist:innen nach Köln gebracht worden, darunter das, für seine Brutalität bekannte, bayerische Unterstützungskommando (USK). Obwohl die Demonstration trotz einer hohen Polizeipräsenz größtenteils friedlich verlief, griff die Polizei kurz vor dem geplanten Ende die Spitze des Demonstrationszugs an.

Noch auffälliger als in Berlin war die Zustimmung, die der Gegenprotest bei den Anwohner:innen in Köln auslöste. Ein Teilnehmer berichtete nach der Demonstration, dass „überall Leute applaudiert und Parolen mitgerufen haben“.

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