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Massiver Stellenabbau bei Bosch – deutsche Autoindustrie ächzt weiterhin

Zusätzlich zu den ursprünglich angekündigten 9.000 Stellen will der Autozulieferer Bosch bis 2030 weitere 13.000 Stellen vernichten. Auch andere Zulieferer wie ZF planen einen starken Stellenabbau und die Auslagerung der Produktion ins Ausland. Die Beschäftigten bei Bosch in Stuttgart fordern: „Robert, komm zurück!“

Es ist ein regnerischer Mittwochmorgen in Stuttgart. Das Wetter passt zum Thema: Bosch-Chef Stefan Grosch kündigt an, das Unternehmen werde weitere 13.000 Stellen abbauen – zusätzlich zu den bisher geplanten 9.000 Stellen: „Der Zeitdruck ist groß, Verzögerungen verschärfen die Lage weiter“, so der Arbeitsdirektor, der aber nach eigener Aussage möglichst „sozialverträgliche“ Lösungen anstrebe.

Die Probleme, vor denen Bosch steht, betreffen nicht nur das Stiftungsunternehmen mit Hauptsitz in Stuttgart: Von den 740.000 Jobs, welche die Autoindustrie in Deutschland beheimatet, sind viele bedroht – 50.000 davon sind allein zwischen Juni 2024 und Juni 2025 verloren gegangen.

Stellenabbau und Krise in der deutschen Automobilindustrie

Tatsächlich überrundet das Unternehmen damit nun die direkte Konkurrenz, was den Sparkurs und den Stellenabau angeht: Die Zahnradfabrik (ZF), die nach der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) sogar die Stelle ihres Vorstandschefs neu besetzt hat, weil sein Sparkurs noch nicht hart genug war, liegt „erst“ bei 14.000 Stellen, die hier seit dem letzten Jahr gestrichen werden sollen. Tatsächlich ist zu erwarten, dass zum 30. September auch diese Zahl auf über 20.000 ansteigen könnte.

Das stiftungsgeführte Unternehmen ZF, das der Stadt Friedrichshafen gehört, ist der zweitgrößte Autozulieferer in Deutschland, direkt hinter Bosch. Doch der Kauf eines Bremsenherstellers hatte sich als zu teuer erwiesen und wird so als Grund für die massive Verschuldung und in letzter Konsequenz den Stellenabbau genannt.

Aber auch die eigentliche Kernsparte des Stiftungsunternehmens, der Antrieb, ist defizitär, und schwächelt ob der schlechten Auftragslage. ZF zieht deswegen in Betracht, diese Sparte vollständig auszugliedern. Hinzu kommt eine Auslagerung der Produktion nach Ungarn.

Transparenz unerwünscht: ZF geht gegen eigene Beschäftigte vor

Andere Zulieferer, z.B. Mahle und Continental, waren schon vor Jahren zu stärkeren Umstrukturierungen gezwungen und stehen deshalb jetzt besser da. Doch auch das hatte seinen Preis: so hat Mahle damals circa zehn Prozent der Belegschaft abgebaut, während Continental vor fünf Jahren die Antriebssparte und das automatisierte Fahren samt Software und Elektronik abgespaltet hatte. Dabei wurden auch bei Continental 20.000 Stellen abgebaut.

Diesem Beispiel will nun auch ZF folgen und nach der Achsmontage auch andere Bereiche abstoßen. Einzelne Werke in Gelsenkirchen und Eitorf mussten schon geschlossen werden. Andere trifft die Krise noch härter: So hat der Zulieferer für Türschließsysteme Kiekert in der vergangenen Woche die Insolvenz bekannt gegeben.

Autobauer proben den Kahlschlag

Und auch bei anderen schwächeln die Bilanzen: So kündigte Europas größter Autobauer VW erst am Freitag an, ab dem 6. Oktober in Dresden und Zwickau Schichten zu streichen. In Osnabrück sind die vorübergehenden Produktionsschließungen schon beschlossen: hier werden mehrere Wochen die Maschinen still stehen.

Genauso der US-amerikanische Konzern Ford mit Europa-Hauptsitz in Köln: Ab dem 1. Januar soll dort ein Ein-Schicht-System eingeführt werden, um dem Druck der sinkenden Absätze zu entgehen. Tatsächlich senkt dies zwar die Personalkosten, letztlich bedeutet dies aber auch weitere 1.000 gestrichene Stellen. Und gleichzeitig steigt der Kostendruck bei der Produktion hierdurch weiter.

Auch die IG-Metall, ihres Zeichens größte Einzelgewerkschaft der Welt, reagiert enttäuscht und spricht von einem „schlechten Omen für den Standort“.

Wirtschaftswachstum im Jahresvergleich, Rückgang im Quartal – Autobauer in der Krise

Bosch zieht Konsequenzen

Und so ist also nun auch bei Bosch die erste Entscheidung gefallen: insgesamt 22.000 Stellen wird der deutsche Weltmarktführer bis Ende 2030 abbauen, betroffen sind vor allem die Standorte Stuttgart-Feuerbach, Schwieberdingen, Waiblingen, Bühl und Homburg.

Das entspricht knapp zehn Prozent der Arbeiter:innen in der Autosparte bei Bosch. Ende 2024 hatten noch 231.000 Menschen in diesem Zweig des Konzerns gearbeitet.

Damit steht das Unternehmen, das im Vergleich zum Konkurrenten ZF beispielsweise eine wesentlich höhere Eigenkapitalsquote aufweist, vorerst gut da. Doch die Zeit drängt, und schon eine Woche vor den konkreten Abbau-Absichten wurde bekannt, dass die Automobilbranche des Giganten 2,5 Milliarden Euro pro Jahr sparen will. Ob dafür die nun beschlossenen Stellenstreichungen ausreichen werden, wird sich erst zeigen.

„Robert, komm zurück!“

Die IG-Metall und Arbeiter:innen kündigen deshalb Widerstand an: „Robert Bosch würde im Grab rotieren“, so die IG-Metall. Mit dem Antlitz des Firmengründers auf der Brust demonstrieren die Arbeiter:innen gegen die Kürzungen. Die Message: „Robert, komm zurück!“ Der 1942 verstorbene Patriarch war für seine vergleichsweise soziale Unternehmensführung bekannt. So hatte es auch die Stiftung, der das Unternehmen seitdem gehört, bis jetzt gehalten.

Die IG-Metall will für diesen früheren Kurs „kämpfen wie die Löwen“. Die Sparmaßnahmen werde man in dieser Höhe nicht hinnehmen, so die Gewerkschafter. Auch die Bezirksleiterin Barbara Resch kündigt an, hier noch einmal verhandeln zu wollen: „Zukunft entsteht durch Investitionen, Innovation und Zusammenarbeit – nicht allein durch Sparprogramme“.

Für sie ist es der zweite Brandherd in kürzerer Zeit. Nachdem sie auf der IAA noch Seite an Seite mit den Bossen abgelichtet wurde, muss sie nun versuchen, am Verhandlungstisch im Aufsichtsrat von ZF genauso wie bei Bosch gegen das Spardiktat zu kämpfen.

Dabei verfolgt sie einen anderen Kurs als beispielsweise der ZF-Betriebsrat: Während dieser gegen die Entlassung von Nutzfahrzeugchef Peter Laier stimmte, der bei der Belegschaft beliebt war, hatte sie dort noch mit der Unternehmensführung gestimmt.

Doch bei ZF wie bei Bosch ist klar: die Zulieferer werden radikale Umbrüche durchsetzen müssen, um die Rendite zu sichern. Denn diese ist in der Kfz-Sparte von Bosch mit 3,8 Prozent im Jahr 2024 nur noch etwas mehr als halb so groß wie eigentlich geplant.

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