Zeitung für Solidarität und Widerstand

Nepal: Klassenkampf in den Trümmern einer abgebrochenen Revolution

In Nepal findet der aktuelle Aufstand der Jugend inmitten einer durch eine gescheiterte kommunistische Revolution geprägten Gesellschaft statt. Rauch, Flammen, ausgebrannte Anwesen, bewaffnete Jugendliche in der Hauptstadt Kathmandu. Nepal 2025 ähnelt Nepal 2005. Aber mit wichtigen Unterschieden. – Ein Kommentar von Jan Licht.

Die brennenden Politikervillen, die per Helikopter flüchtenden Bürokrat:innen und Bonzen haben innerhalb weniger Stunden den Blick der Weltöffentlichkeit auf das kleine Land zwischen China und Indien gelenkt. Allerdings brennen dieses Mal nicht nur die Häuser von Armeeoffizieren und monarchistischen Politiker:innen wie im Volkskrieg, sondern auch das Haus „Prachandras“.

Prachandra (der Kämpferische) ist der Kampfname Pushpa Kamal Dahals. Dieser ist Anführer der CPN (M) und war nach dem Friedensabkommen zwischen CPN (M) und anderen politischen Kräften bzw. ihrer Integration in den neuen Staat immer wieder Ministerpräsident des kleinen Berglandes. Wie konnte es dazu kommen, dass der ehemalige scheinbare Volksheld nun von eben jenem Volk attackiert wird, obwohl er selbst gerade in der Opposition ist?

Drei Parteien, drei Männer, drei brennende Häuser

Auch die Häuser von Regierungspolitiker:innen brennen. Es wirkt so, als würde sich Nepals Jugend quer durch das politisch etablierte Spektrum arbeiten und niemanden auslassen. Eben genau diese Gewalt ist ein Indiz für den Charakter des neuen Nepals seit dem Umwandlungsprozess ab 2006. Ein Mehrparteienstaat mit gleich mehreren kommunistischen und sozialistischen Parteien im Parlament, die aber keinen Sozialismus durchsetzen, sondern Nepal als bürgerliches Marktsystem verwalten anstatt der Monarchie.

Waren die Kämpfe im sog. „Volkskrieg“ 1996 bis 2006 von der „Kommunistischen Partei Nepals (Maoistisch)“, der CPN (M) geführt, also organisiert und geplant abgelaufen, so ist der aktuelle Aufstand der Jugend Nepals ohne wirkliche Führung. Das macht ihn aber nicht weniger heftig. Gleichzeitig wirken Großmächte auf die Führung im Land ein.

Denn nicht nur geografisch liegt Nepal zwischen Indien und China. Auch geopolitisch dominieren gerade diese beiden Staaten die nepalesische Politik. Die jeweiligen Parteien stehen am Ende für unterschiedliche Ausbeutungsmodelle Nepals. Mal tendieren sie offen zu China, wie die gerade gestürzte Hauptregierungspartei „Kommunistische Partei Nepals (Vereinigte Marxisten-Leninisten)“, die CPN (UML), die den nun zurückgetretenen Ministerpräsidenten Khadga Prasad Sharma Oli stellte.

Mal wollen sie nah an Indien bleiben, wie die sozialdemokratische „Kongresspartei“ um Sher Bahadur Deuba. Beide regierten Nepal als Regierungskoalition bis zum Aufstand. Die ehemalige Volkskriegspartei Prachandras CPN (M) möchte Nepal zumindest rhetorisch auf eigene Beine stellen und ist traditionell gegen Indien ausgerichtet. Sie paktiert jedoch mit allen Kräften. Ohnehin geht es all diesen Parteien nur darum, an der Macht zu sein.

Am Dienstag, den 8. September, zündete die Jugend Nepals dann dieses System an, indem sie die Häuser von Deuba von der Kongresspartei, Prachandra von der CPN (M) und K.P. Sharma Oli von der CPN (UML) sowie das Parlamentsgebäude, Parteibüros und Regierungsgebäude attackierte. Mindestens 19 Protestierende wurden dabei erschossen, Hunderte weitere verletzt.

Klassenkampf zwischen Nepo-Babys und Gen Z

Der Auslöser der Proteste, das Verbot von Social Media-Plattformen als Reaktion auf Videos, die Korruption und Vetternwirtschaft aufdecken sollten, wird in den Kommentaren und News der deutschen Leitmedien derzeit stark überbetont. Zum Teil wird der Eindruck erweckt, als würde die Jugend Nepals das Parlament stürmen, weil sie nicht auf TikTok gehen könnte.

Sehr konkret geht es den Protestierenden aber um den krassen Widerspruch zwischen Armut und Reichtum in ihrem Land. Nepals Jugend führt damit digital, mit Videos über sog. „Nepo-Babys“, und auch auf der Straße einen Klassenkampf. „Nepo-Babys“ sind Kinder von Politiker:innern und Unternehmer:innen, die durch Korruption und Vetternwirtschaft ebenfalls in Reichtum schwelgen und diesen insbesondere online eben auch darstellen.

Dagegen geht die „Gen Z“ auf der Straße, also die seit 1997 Geborenen, die mit dem scheinbar neuen System Nepals seit 2008 aufwuchsen. Am Anfang hatten viele Menschen noch Hoffnung, aber die vergangenen 17 Jahren haben gezeigt, dass ein bürgerlich-demokratisches Parteiensystem im Kapitalismus die sozialen Probleme Nepals ebenso wenig lösen kann wie die Monarchie, ob konstitutionell oder absolut.

Ca. 4,9 Millionen der knapp 30 Millionen Nepales:innen leben und arbeiten im Ausland, ein Großteil davon in Indien. Sie versuchen, der Armut zu entkommen. Denn 20 % der Nepales:innen leben unterhalb des Existenzminimums und kämpfen jeden Tag ums Überleben. Insbesondere ländliche Regionen sind betroffen. Und auch in Nepal sind soziale Unterschiede ethnisch geprägt: Völker, die unter dem Begriff „Madhesi“ zusammengefasst werden und den Inder:innen kulturell und sprachlich näherstehen, werden beispielsweise immer noch politisch ausgeschlossen und sind im nationalen Durchschnitt ärmer.

Die jüngeren Geschwister oder Kinder der Nepales:innen, die beim Bau der Stadien der WM in Katar verdursteten, an Überhitzung oder durch Arbeitsunfälle starben, oder Kinder der Nepales:innen, die als Haussklaven in den reichen Ölstaaten schuften, begehren nun gegen die Spitze des Korruptionsbergs auf. Dass dieser weiter aufgehäuft werden konnte, liegt letzten Endes am Abbruch der revolutionären Umgestaltung durch die CPN (M) ab 2008.

Eine abgebrochene Revolution

Ganz entgegen dem Welttrend vom „Zusammenbruch des kommunistischen Lagers“ bildete sich durch Spaltungs- und Vereinigungsprozesse Anfang der 1990er eine Gruppe aus maoistischen Kommunist:innen in Nepal heraus, die Maos Theorie des langandauernden Volkskriegs in Nepal umsetzen wollte. Begonnen wurde mit kleineren Guerilla-Aktionen, dem Aufbau von ländlichen Stützpunktgebieten. Da, wo die königlich-nepalesische Armee stark war, griff man nicht an, da, wo sie schwach war, schlug man mit voller Härte zu. Frauen bildeten einen zentralen Teil der Guerilla. Die Angriffe auf brutale Polizisten, unterdrückerische Großgrundbesitzer und Dorfvorsteher, patriarchale Männer und unbeliebte Politiker:innen ließen die Kräfte des Volkskriegs anwachsen.

Die nepalesische Monarchie befand sich seit den 1990ern in immer stärkeren Legitimationskrisen, und schließlich zerstörte die Königsfamilie sich durch innere Streitereien selbst. Währenddessen wuchsen die Kräfte der CPN (M) so weit an, dass sie sich in einem strategischen Gleichgewicht mit der Armee befand. In dieser Situation und auch schon davor gab es natürlich auch Druck von den Mächten, die Nepal ebenfalls beherrschten. Sowohl die USA als auch Indien drohten mit Interventionen, sollte die Revolution den Sturm auf die Hauptstadt beginnen.

In diesem Gleichgewicht und nachdem die Kräfte des Volkskriegs noch einmal bewiesen hatten, dass man sie nicht mehr militärisch auslöschen konnte, begannen 2006 Friedensverhandlungen, die 2008 mit Verträgen endeten. In diesem Prozess veränderte sich die CPN (M) massiv. Sie gab ihr Ziel der Zerstörung des alten Staatsapparats auf. Im Gegenzug wurde die Monarchie abgeschafft. Ihre Armee, die „People’s Liberation Army“ (PLA), wurde in die Streitkräfte Nepals integriert, alle sonstigen Waffen wurden abgegeben. Die Stützpunktgebiete, die lange Jahre nicht mehr unter der Kontrolle des Staates gestanden hatten, wurden aufgegeben.

Stattdessen zog die CPN (M) ins Parlament ein, wurde stärkste Kraft und stellte schnell Ministerpräsidentenposten. Die soziale Veränderung, die sie in ihren Gebieten erzeugt hatte, wie etwa befreite Frauen zu schaffen, endete. Nepal ist heute immer noch von Menschenhandel und Prostitution geprägt. Viele ehemalige Guerilla-Kämpfer:innen gingen ins Ausland, einige wurden sogar Söldner:innen und kämpfen nun in der Ukraine für Russland, um irgendwie noch an Geld zu kommen. Aus revolutionären Parteikader:innen wurden Bürokrat:innen, Abgeordnete, Minister:innen und letzten Endes ein Teil der neuen herrschenden Klasse Nepals.

Als der Sänger Prakash Saput in seinem 16-minütigen Mini-Film zu seinem Lied „Pir“ genau diese Entwicklung darstellte und kritisierte, gab es noch einen vergleichsweise kleinen Aufschrei in der nepalesischen Politik. Widerhall findet seine Kritik aber in den Aktionen der nepalesischen Jugend, die die CPN (M) und insbesondere ihren Anführer Prachandra als Chamäleon darstellt, das eben die Farbe wechselt, wenn es das braucht.

One Piece und Klassenkampf

Der Rauch der brennenden Politikerhäuser und Parteizentralen hat sich noch nicht gelegt, da hat als letzte politische Kraft des alten Staates die Armee interveniert, Straßensperren errichtet und Ausgangssperren festgelegt. Sie will die allgemeine Ordnung – heißt den Ausverkauf Nepals und seiner Arbeitskräfte – weiter aufrechterhalten. Ob die Jugend das mit sich machen lässt und wer nun ans politische Ruder kommt, ist noch nicht klar.

Klar ist nur, dass die Kräfte der letzten 17 Jahre wohl einiges an Überzeugungsarbeit leisten werden müssen, um die Wut der Jugend für sich zu nutzen. Bislang hat diese Jugend sich hauptsächlich Symbole geschaffen: Die rebellische Piratenflagge aus dem Anime „One Piece“, welche bereits von der indonesischen Jugend als Symbol ihres Widerstands gegen die Korruption auserkoren wurde, und der Begriff „Gen Z“. Damit ist der Aufstand der Jugend Nepals in gewisser Weise internationalistisch, denn seine Protagonist:innen sehen sich als Teil desselben Widerstands der Jugend gegen Korruption wie in Indonesien.

Über Symbole hinaus haben einige politische Straßengruppen versucht, Forderungen zu formulieren, wie etwa Politiker:innen festzunehmen und Prozesse gegen sie zu führen und das Parlament durch eine Arbeiter:innenkammer zu ersetzen. Einflussnahmen aus dem Ausland wird es wohl ebenfalls geben. Die mächtigen Nachbarn, Indien und China, werden ihre politischen Handpuppen nicht ohne Ersatz aus der Hand geben. Und so fällt eine weitere Regierung Südostasiens der Wut seiner Bevölkerung zum Opfer.

Wie es weitergeht, wird sich zeigen. Hier in Deutschland können wir vom Drang und Mut der Jugendlichen Südostasiens von Nepal über Bangladesch, Sri Lanka, Myanmar und Indonesien bis hin zu den Philippinen für unsere eigenen Kämpfe einiges mitnehmen.

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