In der vergangenen Woche fand in München erneut die Internationale Automobil-Ausstellung statt. Auf vielfältige Weise trugen Aktivist:innen ihren Protest mit teilweise hohem persönlichen Einsatz auf die Straßen.
Vom 9. bis zum 14. September fand in der bayerischen Landeshauptstadt München die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) statt. Seit dem 2. Weltkrieg findet sie alle zwei Jahre in Deutschland statt und seit 2021 in München. Es handelt sich um eine der international größten Automobilmessen.
Mit Ausstellungshallen von Mercedes-Benz, BMW, VW, Ford und Konsorten, fanden sich auch in München viele große Konzerne der Automobilbranche zusammen, um sich selbst und ihre neusten Autos zu feiern.
Schon 2021 und 2023 zog die Messe in München viel Protest auf sich und wurde von Aktivist:innen aus verschiedenen politischen Bewegungen zum Anlass für kreative Stör- und Protestaktionen genommen. Das war auch in diesem Jahr wieder der Fall.
Mobilitätswendecamp 2025
Beim so genannten Mobilitätswendecamp im Münchner Luitpoldpark entstand schon ab dem 6. September Stück für Stück ein Raum, der von den Protestierenden gemeinsam zur Versorgung mit Essen, zum Ausruhen und vor allem auch zum inhaltlichen Austausch genutzt wurde.
Die zahlreichen Diskussionsrunden und Vorträge auf dem Camp zeigen auf, dass in München Aktivist:innen aus ganz verschiedenen Widerstandsbewegungen zusammengekommen sind und zugleich, von wie vielen verschiedenen politischen Seiten die Automobilbranche antikapitalistische Kritik erfährt.
So fanden mehrere Veranstaltungen statt, bei denen davon berichtet wurde, dass Raubbau an Mensch und Natur betrieben wird, um die für die Autoproduktion notwendigen Rohstoffe aus der Erde zu holen. Unter anderem gab es Berichte zum Goldabbau in Peru und von den Protesten gegen die Lithiumförderung im nordportugiesischen Covas do Barroso. Auch Kritik an der Teslafabrik in Grünheide vor den Stadtgrenzen Berlins wurde bei einer Diskussion über die Frage von Wassergerechtigkeit geübt.
Anhaltende Proteste in Peru gegen legalen und illegalen Bergbau
In weiteren Veranstaltungen wurde gemeinsam über Perspektiven für eine Gesellschaft ohne oder mit deutlich weniger Individualverkehr diskutiert. Der Ausbau des ÖPNV und des Zugverkehrs allgemein standen ebenso oben auf den Forderungslisten der Aktivist:innen wie die Nutzung der deutschen Innenstädte entsprechend der Bedürfnisse von Menschen statt von Automobilbesitzer:innen und ihren Herstellern.
Deutlich wurde aber auch, dass die Proteste auch von Aktivist:innen getragen wurde, die viele andere gesellschaftliche Fragen und Konflikte mit der Frage der Automobilindustrie und des Umweltschutzes verbinden. So fanden Veranstaltungen zur inhaftierten Antifaschistin Hanna ebenso statt wie zahlreiche Diskussionsrunden zu Fragen des Feminismus.
Zahlreiche kreative Aktionen und verschiedene Protestformen
Schon die ersten Tage der IAA in München und die dementsprechend vorhandene Aufmerksamkeit der Presse wurden von den Aktivist:innen immer wieder genutzt, um mit zahlreichen kreativen Aktionen auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen.
So stellten einige Aktivist:innen am 8. September, auf einer Münchner Straße kurzerhand samt mitgebrachten Zebrastreifen das berühmte Coverbild des Beatles-Albums Abbey Road nach. Mit diesem Flashmob wollten die Aktivist:innen nach eigenen Angaben für einen kurzen Moment in den Mittelpunkt stellen, wie gut sich die Münchner Innenstadt auch für Fußgänger:innen eignen könnte, wenn ihre Interessen gegenüber der Autoindustrie im Vordergrund stünden.
Bereits am 9. September, dem Tag der Eröffnung der IAA, klebten sich einige Aktivist:innen an die Straße um die Zufahrt zum Ausstellungsraum der Mercedes-Tochter AMG zu blockieren. Sie wurden von der Polizei nach einigen Stunden mit einer Flex samt Straßenstück aus dem Weg gesägt und getragen. Am 10. September fand eine Protestaktion in Form einer karikierten Pressekonferenz der großen Automobilbauer in der Münchner Innenstadt statt, bei der die Aktivist:innen nach eigenen Angaben als CEOs der Autobauer „Fart“ und „Stressla“ auftraten. Laut einer kurzen Meldung auf Indymedia gelang es Aktivist:innen offenbar auch im Laufe der Woche „übelriechende Flüssigkeit“ an mehreren Standorten der IAA in München zu verteilen.
Am Donnerstag wurde am frühen Abend eine antirassistische Fahrraddemo in der Münchner Innenstadt organisiert. Aufgerufen hatte hierzu die Karawane München. Im Aufruf wurde insbesondere hervorgehoben, dass die Automobilindustrie auf die Rohstoffförderung der ehemaligen europäischen Kolonien angewiesen ist. Er kritisiert deshalb eine „Fortschreibung kolonialer Ausbeutung“.
Am Freitag, dem 12. September, kam es schließlich zu mehreren Blockadeaktionen in München und dessen Umgebung. Unter anderem blockierten Aktivist:innen des Widerstandskollektivs die Autobahn A9 in der Nähe der Allianz-Arena. Auf einem großen Transparent, das sie über Autobahnschilder hängten war zu lesen: „IAA = Klimahölle, Gutes Leben für Alle = Mobilitätswende“. Andere Aktivist:innen klebten sich einige hundert Meter weiter auch hier auf die Fahrbahn der Autobahn.
Nachmittags fand auf dem zentralen Odeonsplatz in München ein Flashmob von Extinction Rebellion statt, bei dem die Aktivist:innen mit blutiger Verkleidung und Schildern auf die jährlichen (geschätzten) Todesopfer durch Autoabgase und Straßenverkehrsunfälle aufmerksam machten. Abgeschlossen wurde der Tag mit einer weiteren Blockade auf einer großen Zufahrtsstraße zur IAA in der Nähe des Münchner Siegestores. Die Blockade stand hier etwa 7 Stunden auf der Straße, bevor die polizeiliche Räumung gegen 4 Uhr am Samstagmorgen beendet wurden.
Abschluss mit mehreren Demonstrationen am Samstag
Den Abschluss der Woche bildete dann die Großdemonstration gegen die IAA ab 14:30 Uhr am Samstag, dem 13. September. Eingeleitet wurde diese zuvor durch eine Fahrraddemonstration, die zum Auftaktkundgebungsort der „Laufdemo“ führte. Schon an dieser nahmen nach Presseangaben etwa 700 Personen teil.
Aktivist:innen berichteten hier früh von einem massiven Polizeiaufgebot, das unter anderem den Auftaktort so großflächig abgesperrt hatte, dass es mitunter schwierig war, überhaupt zur Startkundgebung zu gelangen. Offenbar hielt es die Polizei außerdem für notwendig, so viele vermeintliche oder tatsächliche Demonstrant:innen wie irgend möglich schon bei der Anreise zu stoppen, um ihre Personalien und Taschen zu kontrollieren – unter anderem in Regensburg.
Allgemein war die Polizei in der ganzen Woche wieder mit einem massiven Aufgebot vor Ort, um die Messe der Autokonzerne vor Protestierenden abzuschirmen. Auf ihrem Telegram-Kanal berichteten die Aktivist:innen sogar, dass selbst zwei Personen, die auf Bobbycars in die Einfahrt einer BMW-Ausstellungshalle gefahren waren, Anzeigen wegen „Hausfriedensbruch“ erhalten hätten.

