Zeitung für Solidarität und Widerstand

Radrennen: Proteste gegen Israel-Premier Tech bei der Vuelta

Jedes Jahr im Spätsommer findet im Radsport eine der drei wichtigsten Rundfahrten statt: Die Vuelta a España. Dieses Jahr gerät das Sportliche in den Hintergrund.

Seit dem Start der diesjährigen Vuelta am 23. August 2025 sind Palästina-Flaggen aus den Übertragungen nicht wegzudenken. Schon während der diesjährigen Tour de France waren viele Solidaritätsbekundungen und Protestschilder zu sehen. Doch während der Spanienrundfahrt haben vor allem die Anzahl der Proteste und das Aktionsniveau der Protestierenden noch zugenommen.

Im Zuge dessen flammt eine alte Diskussion über die Rolle von politischem Protest beim Sport wieder auf. Dazu stellt sich die Frage, ob israelische Teams von Sportveranstaltungen ausgeschlossen werden sollten. In letzter Zeit werden Sportveranstaltungen vermehrt Austragungsort politischer Proteste gegen den Genozid in Gaza.

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Palästinasolidarische Proteste überall

Die Proteste haben sich im Verlauf der Rundfahrt intensiviert. Fast überall dort, wo Zuschauer:innen am Rand des Rennens stehen, sind Flaggen oder Protestschilder zu sehen. Auch Abschnitte, auf denen keine Zuschauer:innen sind, wurden mit Palästina-Flaggen geschmückt. Diese wurden jedoch teilweise von den Organisator:innen wieder entfernt.

Immer wieder sind auch Sprechchöre am Rande zu hören sowie Boykottaufrufe und Forderungen nach einem Ende des Genozids zu lesen. Wie im Radsport üblich, geschieht dies auch durch auf dem Boden gemalte Schriftzüge. Im Verlauf der Vuelta verstärkten sich die Proteste und wurden kreativer gestaltet. So gelang es Aktivist:innen, beim Mannschaftszeitfahren das israelische Team auf der Strecke zu blockieren und kurz aufzuhalten. Denn gerade diese Disziplin ermöglichte eine Isolierung des Teams und so einen gezielten Protest.

Den bisherigen Höhepunkt der Proteste bildete die 11. Etappe, die in Bilbao im Baskenland starten und enden sollte. Bereits im Vorhinein gab es Bedenken seitens möglicher Proteste während der Etappe. Das Baskenland ist eine autonome Region im Norden Spaniens. Es ist bekannt für seine militante Protestkultur und eine enge Verbindung zur palästinensischen Widerstandsbewegung. Bedeutend für die Region ist die Geschichte der ETA (Euskadi Ta Askatasuna), einer marxistisch-leninistischen Organisation, die von 1959 bis zur Auflösung 2018 für die Unabhängigkeit des Baskenlands kämpfte. Sie schreckte nicht vor militärischer Gewalt zurück und legte 1968 bei der Vuelta eine Bombe auf der Strecke und sorgte so für einen Abbruch einer Etappe.

Laut der spanischen Zeitung El Mundo organisierte der ehemalige ETA Aktivist Ibon Meñika die Proteste in Bilbao. Heute ist er aktiv bei der palästinasolidarischen Gruppe Gernika Palestina. Zahlreiche Demonstrierende im Zielbereich protestierten lautstark und versuchten, die Absperrungen zu verschieben. Die Etappe musste drei Kilometer vor dem Ziel abgebrochen werden. Es gab keinen Sieger und keine Punkte für die Gesamtwertung.

Je nach Austragungsort schwankte das Ausmaß der Proteste der folgenden Etappen. Insbesondere vor dem Start und im Ziel waren die Proteste noch lautstärker und sichtbarer als zuvor. Bei einer Etappe gelang es Protestierenden, auf der Frequenz der Teamradios palästinasolidarische Lieder abzuspielen.

Immer wieder versuchten Protestierende auf die Strecke zu gelangen, wodurch auch unbeteiligte Fahrer anderer Teams zu Sturz kamen. Dies sorgte für eine Diskussion über die Effektivität und Form der Proteste, da es aufgrund der hohen Geschwindigkeiten schwierig ist, gezielt Fahrer zu blockieren. Auch die 16. Etappe am Dienstag musste aufgrund von Protesten auf der Strecke wieder vorzeitig abgebrochen werden. Den Demonstrierenden gelang es unter anderem, einen Baum auf der Strecke zu fällen.

Auch am heutigen Donnerstag beim Einzelzeitfahren wird mit weiteren Protesten gerechnet. Beim Einzelzeitfahren ist es möglich, die Fahrer von Israel-Premier Tech einzeln zu blockieren. Ein massives Aufgebot von mindestens 450 Kräften der Polizei und der Guardia Civil soll die Strecke absichern. Aufgrund zahlreicher Proteste wurde auch die heutige 18. Etappe deutlich verkürzt.

Ein Radsport-Team als Werbung für Israel

Die Proteste richten sich nicht nur gegen das Vorgehen Israels, sondern auch gegen das Radsportteam Israel-Premier Tech, das auch bei der Vuelta startet. Seit 2015 gibt es das israelische Team, das bis 2022 noch als „Israel Cycling Academy“ an den Start ging. Das Team ist nicht dem israelischen Staat unterstellt, sondern entstand aus einer Initiative des ehemaligen Radprofis Ran Margaliot und dem Unternehmer Ron, um den israelischen Radsport voranzutreiben.

Seit 2016 ist der kanadisch-israelische Multimilliardär Sylvan Adams federführend. Adams wohnt seit 2016 in Tel Aviv und bekam die israelische Staatsbürgerschaft verliehen. Er widmet sein Leben dem Ziel, den Staat Israel zu fördern, und bezeichnet sich stolz als Zionist.

2018 gelang es ihm mit viel Aufwand und durch seine erheblichen finanziellen Mitteln, die Italienrundfahr (den Giro d‘Italia) in Israel starten zu lassen. Der Start außerhalb von Europa war eine Premiere und eine geeignete Möglichkeit, den israelischen Staat und das Radsportteam zu bewerben. Adams finanziert neben Radwegen und Sportteams auch noch andere öffentliche Bereiche in Israel. Seit längerer Zeit pflegt er gute Beziehungen zum israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Für viele Radsportfans kann Sport nicht mehr unpolitisch sein. Wie manch anderer Sport wird auch der Radsport schon länger für Staatspropaganda missbraucht. So gibt es im Fahrerfeld Teams, wie z.B. UAE (Vereinigte Arabische Emirate), XDS Astana (Kasachstan) oder Bahrain Victorious. Fans und Teams befürchten, dass auch andere Teams in der Zukunft das Ziel von neuen Protesten werden können.

Die Präsenz des israelischen Teams hat offensichtlich das Ziel, den Staat Israel international zu bewerben. Da der Teamleiter gute politische Verbindung zum international gesuchten Kriegsverbrecher Netanjahu pflegt und Israel gerade einen Genozid in Gaza begeht, sorgt dies nicht nur bei Radsportfans für Unmut. Es erklärt die zunehmenden Proteste während der letzten Rennen.

Die Proteste zeigen Wirkung

Keine Etappe der Vuelta vergeht mehr, ohne über die Proteste und mögliche Störaktionen zu sprechen. Die anhaltenden Proteste fordern unter anderem den Ausschluss des israelischen Teams. Nach der Etappe in Bilbao verkündete der Teambesitzer Adams, man würde sich von den „linksextremen“ oder „terroristischen“ Protestierenden nicht einschüchtern lassen und sagte „Wir werden niemals ohne den Namen Israel fahren.“

Kurze Zeit später entschied man sich aus Sicherheitsbedenken gegenüber den Fahrern dafür, den Schriftzug mit Israel zu entfernen und nur mit dem Team-Logo bei der weiteren Vuelta an den Start zu gehen. Der Weltradsportverband UCI stellte sich genauso wie Netanjahu hinter das Team. Das Team mache Israel stolz, so der israelische Premierminister.

Doch auch aus den eigenen Reihen der Radsportszene werden die kritischen Stimmen lauter. Der kanadische Radprofi Derek Gee verließ kürzlich das Team Israel-Premier Tech (IPT) und kündigte seinen Vertrag. Er sagte, dass er nicht mehr für das Team fahren kann. Hinter den Kulissen fordern wohl einige Teams und Fahrer den Ausstieg bzw. den Ausschluss von IPT, öffentlich halten sie sich aber mit Stellungnahmen zurück.

Spanische Politiker:innen forderten bereits öffentlich den Ausschluss des israelischen Teams. Der Führende der Gesamtwertung, der dänische Radprofi Jonas Vingegaard, zeigte sein Verständnis für die Proteste: „Die Menschen protestieren nicht ohne Grund, denn was in Gaza passiert, ist schrecklich.“ Gleichzeitig bedauerte er aber die Auswirkungen auf die sportlichen Ergebnisse.

Wie geht es weiter mit den Protesten?

Die Proteste haben ihre Wirkung gezeigt und sind aus der Berichterstattung nicht mehr wegzudenken. Weitere Proteste sind angekündigt. Aktuell gibt es Gerüchte, dass die Rundfahrt aufgrund von Sicherheitsbedenken verfrüht beendet werden muss. Statt der üblichen Zieleinfahrt bei der 21. Etappe am Sonntag in Madrid wird wohl über Alternativen nachgedacht, falls die Intensität der Proteste weiter zunimmt.

Die Rennleitung hält aber weiterhin am eigentlichen Plan fest. Wie gewohnt werden die Rufe nach mehr Polizei und mehr Repression immer lauter. Doch die Proteste zeigen: Der Radsport ist der perfekte Ort für kreative und dezentrale Proteste. Es ist quasi unmöglich, hunderte Kilometer an Rennstrecke abzusichern, um Proteste zu verhindern.

Von allen Beteiligten, insbesondere von den TV-Moderator:innen, wird die Demonstrationsfreiheit immer wieder betont, die es ja zum Glück in Europa gebe. Nutzen wir sie.

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