Zeitung für Solidarität und Widerstand

Reaktionäres Gedankengut im Viertel – Denkmal für Femizid-Opfer statt für Bismarck

In Frankfurt Höchst stießen Unbekannte im vergangenen Jahr im Zeichen antikolonialen Widerstands eine Statue Bismarcks um. Während die Stadt sie wieder aufstellen will, zeigt das Solidaritätsnetzwerk Widerstand und das Frauenkollektiv präsentiert eine fortschrittliche Alternative. – Ein Kommentar.

Frankfurt Höchst: Neben traditionellen Fachwerkhäusern, lieblichen Straßenzügen und pittoresken Grünflächen befindet sich ein in die Jahre gekommener Sockel. Auf dem entwurzelten Stumpf stand ein altehrwürdiges, in Bronze gegossenes Abbild des Volkshelden Otto von Bismarcks. Ende 2024 wurde die Bismarck-Statue von einer antikolonialen Gruppe umgestoßen.

In der Ortsbeiratssitzung des Wahlbezirks 6 wurde im Juni nun beschlossen, das Bismarck-Denkmal wieder in Frankfurt-Höchst aufzustellen. Die freiräumliche Situation am Brüningpark würde sonst an Qualität verlieren, und die Erhaltung der historischen Monumente im Stadtbild sei wichtig. So lautete die Argumentation des Ortsbeirats unter Führung der CDU für die Wiederaufstellung der Statue – nicht ohne positiven Bezug auf die Leistungen des preußischen Politikers als „Vollender der deutschen Einigung” und „Begründer des modernen Sozialstaats”.

Diese Errungenschaften sind allerdings mehr als nur umstritten. Otto von Bismarck wurde 1871 Reichskanzler und regierte das Deutsche Reich im Sinne von Kaisertreue und des sich formenden deutschen Kapitals. Dafür setzte er nach innen wie nach außen auf militärische Stärke, um die Arbeiter:innenklasse in ihren Versuchen der Organisierung niederzuschlagen, und eroberte Gebiete auf dem afrikanischen Kontinent für ihre Kolonisierung.

Der Höchster Vereinsring – bestehend aus dem Verein für Geschichte und Altertumskunde sowie dem Museumsverein Bolongaro – hingegen meint, dass auch ohne Denkmalsturz z.B. durch eine geplante Gedenktafel am Urkaiser-Bildnis Bismarcks eine Einordnung und Würdigung hätte stattfinden können. Für sie hat das Denkmal zudem „keine politische Bedeutung“. Der Vereinsring schlug nun vor, am entthronten Sockel eine große Plakatwand mit einer trockenen Einordnung der Ereignisse und einer Verurteilung der „Gewalt“ an dem Denkmal zu errichten.

Die von der Stadt beauftragte „Kommission für Erinnerungskultur“  wiederum empfiehlt, die Statue ins neue Bolongaro-Museum zu überführen, statt sie im öffentlichen Raum zu replatzieren.

Heimtückische Darstellung

Die Debatte um die Legitimität von Denkmälern ist nicht neu: öffentliche Räume zeigen schon immer ein zersplittertes Bild von Werten und historischen Ereignissen. Selbst in Anbetracht der zunehmenden rechtspolitischen Einflussnahme, der Salonfähigkeit von rechter Sprache und der zunehmenden Faschisierung der Gesellschaft scheinen Statuen von Kriegstreibern und Rassist:innen zunächst ein Problem von recht niedriger Rangordnung zu sein.

Viel denkwürdiger als die Ehrung deutscher Kolonialherren an sich ist aber die jetzige Forderung, diese aufrecht zu erhalten bzw. wieder herzustellen. Auf den zweiten Blick erkennt man darin eine Kontinuität von Faschisierungsbestrebungen, ausgehend von reaktionären Politiker:innen. Diese sitzen nicht nur in unseren Parlamenten, sondern ihre Stimmungsmache in konkreten Handlungsfeldern, wie hier bei der Gestaltung im Frankfurter Stadtteil Höchst, beeinflusst die Gesellschaft auch ganz subtil.

Die Macht des Städtebaus

Bemerkenswert ist hier die Haltung von Denkmalschutzforscher:innen, nach denen der optimale Aufstellort von Denkmälern in einem Austauschprozess auf Augenhöhe aller Akteur:innen stattfinden und zusammen mit einem kritischen Bild der Vergangenheit erarbeitet werden sollte. Genau dem arbeitet aber die Forderung nach einem unhinterfragten Wiederaufstellen im öffentlichen Raum – mit im besten Falle dürftigem Kontext – aber entgegen. Wenn der Vereinsring den meisten Höchster:innen den Wunsch nach der Bismarck-Statue nun ungefragt unterstellt, vulgarisiert er die kulturhistorische Wissenschaft und entmündigt die Höchster:innen.

Solinetz Frankfurt informiert

Das Solidaritätsnetzwerk Frankfurt hat deshalb mit einer großangelegten Kampagne Aufmerksamkeit auf die reaktionären Pläne des Vereinsrings und des Ortsbeirats 6 gelenkt. Bei Haustür- und Straßengesprächen, einer Demo und mit Flyeraktionen hat man das Thema auf die Tagesordnung gebracht und ist mit Anwohner:innen in Kontakt getreten. Dabei wurde sichtbar, wie wenig Interesse die Stadtverwaltung an den wirklichen Bedürfnissen der Höchste:innen zeigt und wie wenig kompetente und tatsächliche Beteiligung ihnen zugetraut wird.

Zwar bestehen Beteiligungsprojekte bei Neugestaltungen des städtischen Raums, die z.B. Parkanlagen mit Staudenbeeten ausstatten und die Anwohner:innen einbinden sollen, aber die Diskussion zur Wiederaufstellung der Statue lief zum größten Teil an Anwohner:innen vorbei. Bis zur Intervention des Solidaritätsnetzwerks wurde im Stadtteil wenig über die Denkmäler in Höchst gesprochen.

Zwar stand, wie oben angedeutet, ein kontextualisierendes Schild neben der Statue zur Debatte. Dass jedoch ein kleines Schild der prominenten Rolle der Statue im Stadtbild gerecht geworden wäre und über die Gräueltaten Bismarcks Zeugnis abgelegt hätte, ist zu bezweifeln. Das Solidaritätsnetzwerk will klarmachen: Bismarck gehört ins Museum und nicht in mythischen Erzählungen von Volksstaaten.

Für das Solinetz Frankfurt Höchst ist der Kampf gegen die Wieder-Aufstellung der Bismarck-Statue keine Einzelaktion: Mit dem Streitobjekt lassen sich Gespräche über die Vergangenheit ins Hier und Jetzt holen – nicht nur Gespräche zu Bismarcks Gräueltaten, sondern auch zum Widerstand, den er von Sozialist:innen und anderen Widerständigen erfahren hat. Nicht nur Gespräche zum Wieder-Aufstellen der Statue, sondern auch zu denjenigen, die das vorantreiben und was sie damit erreichen wollen.

Frauenkollektiv zeigt Alternative auf

Während die Stadt also plant, einen Militaristen und Kolonialherren auf einen Sockel zu stellen und das Solinetz die Debatte an die Öffentlichkeit trägt, hat das Frauenkollektiv Frankfurt bereits gezeigt, wie es besser gehen kann: Nicht warten, nicht bitten, sondern selbst aktiv werden!

Am 01.09.2025 veröffentlichten die Aktivistinnen ein Video, in dem sie ihr eigenes Denkmal enthüllen. Und so steht dort nun kein Bismarck mehr, sondern ein Denkmal gegen Femizide – ein Denkmal, das nicht nach oben grüßt, sondern in die Nachbarschaft hinein spricht.

Femizide: kein „Familiendrama“

Das neue Denkmal macht auf ein Problem aufmerksam, das viel zu oft unsichtbar bleibt:  die zunehmenden Femizide. Allein in Deutschland wird fast jeden dritten Tag eine Frau von ihrem (Ex-)Partner ermordet. Weltweit sind es zehntausende jedes Jahr.

In den Medien heißt das dann „Eifersuchtsdrama“ oder „Familientragödie“ – als ginge es um ein nachvollziehbaren Einzelfall, nicht um patriarchale Gewalt. Diese Sprache verschleiert, dass hinter den Zahlen ein strukturelles Muster steckt: Frauen werden ermordet, weil sie Frauen sind.

Urteil zu Femizid an Sara D. – Protest gegen das System, das sie im Stich ließ

Der Begriff „Femizid” benennt genau das und macht klar, dass es nicht um individuelle „Ausreißer“ geht, sondern um eine systematische Form von Gewalt, die durch Sexismus, Abhängigkeiten und staatliches Wegschauen gestützt wird.

Rote Schuhe, rote Nelken, klare Worte

Gestaltet ist das neue Denkmal mit roten Schuhen und roten Nelken. Die Schuhe sind ein internationales Symbol gegen Femizide, inspiriert von der mexikanischen Künstlerin Elina Chauvet: Jedes Paar Schuhe steht für eine Frau, die nicht mehr lebt. Die roten Nelken wiederum haben eine lange Tradition als Zeichen linker Trauer und kämpferischer Erinnerung – ein Hinweis darauf, dass Gedenken kein stilles Schweigen bedeutet, sondern der Anfang von Widerstand sein kann.

Die Inschrift lässt keinen Zweifel daran, wie das Frauenkollektiv diese Gewalt einordnet: „Nehmt ihr uns eine, antworten wir alle – Frauen gegen Femizide.“ Das ist nicht nur eine Mahnung, sondern auch ein kollektives Versprechen: Gewalt gegen eine Frau wird nicht mehr still ertragen, sondern als Angriff auf uns alle verstanden, der solidarisch beantwortet wird.

Ein Platz für unsere Kämpfe

Während die einen versuchen, alte Kolonialherren wieder auf einen Sockel zu hieven, zeigt das Frauenkollektiv, was ein Denkmal von heute sein kann: kämpferisch, solidarisch und mitten aus dem Stadtteil heraus.

Das Solidaritätsnetzwerk Frankfurt hatte bereits angekündigt, den Wiederaufbau von Bismarcks Statue verhindern zu wollen. Mit dem neuen Denkmal liegt nun sogar ein konkreter Gegenvorschlag auf dem Platz: Keine Huldigung für Kaiserreich und Kapital, sondern ein Denkmal für die Opfer von Gewalt – und für die Stärke derer, die sich dagegen organisieren.

Denn eines ist klar: Die Frage, wie unsere Viertel aussehen und wessen Geschichte erinnert wird, dürfen wir nicht den Vorsteher:innen im Ortsbeirat überlassen. Dieser Platz gehört nicht Bismarck – er gehört den Menschen wie hier in Höchst.

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