Männer in Polen versuchen, Frauen einzuschüchtern, indem sie sie wegen „unsittlichen“ Verhaltens filmen und im Internet outen. Ein Trend, bis sich Kinderrechtler:innen einschalteten. Viele sehen Parallelen zur Sittenpolizei im Iran.
„Szon Patrol“ steht auf den gelben Warnwesten, die junge Männergruppen tragen. Sie filmen sich dabei von hinten, wie sie durch polnische Innenstädte und Einkaufszentren laufen. Das Wort „Szon“ ist im Polnischen eine Abkürzung für „Prostituierte“.  Die Jugendlichen verstehen sich als „Sittenpolizei“: Sie patrouillieren durch ihre Städte und Dörfer und filmen Frauen, die in „freizügiger“ oder „provokativer“ Kleidung unterwegs seien. Die Videos und Fotos stellen sie anschließend ins Internet.
Der „Trend“ begann in den Sommerferien und ist im Laufe der Zeit immer größer geworden. Aus einer einzelnen Gruppe Jugendlicher entwickelte sich ein gut vernetztes Netzwerk von Männern mit Reichweite im Internet. Anfang September gingen die Videos auf TikTok viral, wodurch die „Sittenpolizei“ auch über Polen hinaus bekannt wurde.
Dies fällt in eine Zeit, in der Polens Jugend einen Rechtsruck erlebt. Bei der Präsidentschaftswahl 2025 wählten fast 35 Prozent der 18- bis 29-Jährigen die extrem rechte Partei von Kandidat Sławomir Mentzen, so der Deutschlandfunk.
Die jungen Männer erstellten Nutzerkonten in den sozialen Medien, die sie mit „Szon Patrol“ und dem Namen ihrer Stadt benannten. Zusätzlich zu den eigenen Aufnahmen veröffentlichen die Profile auch Fotos und Videos, die ihnen zugeschickt werden, weil sich die Frauen in den Profilen ebenfalls „nicht sittlich“ verhalten hätten.
In den Kommentarspalten finden sich durchgehend sexistische und patriarchale Kommentare. Die Frauen werden nicht nur beleidigt oder bedroht, ihnen wird auch Gewalt angedroht; außerdem werden sie im Internet geoutet und ihre Persönlichkeitsrechte verletzt. Viele der Betroffenen sind minderjährig.
Kinderrechtler:innen fordern Datenlöschung durch Meta
Verantwortliche Kinderrechtler:innen des polnischen Parlaments haben sich inzwischen eingeschaltet und Meta aufgefordert, entsprechende Videos und Nutzerkonten auf TikTok und Instagram zu löschen oder zu sperren. Bis zu 15.000 Bilder und Videos wurden bereits entfernt. Zwar tauchen immer wieder neue Inhalte auf, doch es ist inzwischen schwieriger, Videos der „Szon Patrol“ zu finden. Die Männer versuchen Schlupflöcher zu nutzen, indem sie etwa den Buchstaben „O“ in „Szon“ durch die Zahl Null „0“ ersetzen. Dadurch dauert es länger, bis die Inhalte gelöscht werden.
Die polnischen Strafverfolgungsbehörden leiten rechtliche Schritte ein. Volljährige müssen mit Haftstrafen rechnen. Für Minderjährige, von denen auch einige dem Trend folgten und Frauen kontrollierten, haften die Eltern.
Sittenpolizei in anderen Ländern
Während die „Szon Patrol“ in Polen nicht als staatliche Institution existiert, sehen dennoch einige in den sozialen Medien die Ähnlichkeit zur Sittenpolizei beispielsweise im Iran. Ihre Autorität leitet die „Szon Patrol“ nicht aus Gesetzen, sondern aus einem konservativen Werteverständnis ab, das sie in der Öffentlichkeit durchsetzen will.
Die Wurzel und auch die erwünschte Wirkung einer Sittenpolizei ist der Impuls, die eigene Vorstellung der richtigen Lebensweise speziell für Frauen und LGBTI+ Personen als verbindlich für die Gemeinschaft zu deklarieren und aktiv gegen Abweichungen vorzugehen. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob sie staatlich institutionalisiert oder zivilgesellschaftlich auftritt, christlichem oder islamischem Fundamentalismus folgt.
Der zentrale Mechanismus ist die öffentliche Zurschaustellung von Normverstößen mit dem Ziel der Demütigung und Abschreckung. Ob durch Konfrontationen auf der Straße, das Filmen von Personen oder öffentliche Anprangerungen in sozialen Medien – die Taktik zielt darauf ab, sozialen Druck und Angst zu erzeugen. Von der „Szon Patrol“ ist anders als von der iranischen offiziellen Sittenpolizei keine Festnahme oder Ermordung von Frauen bekannt.
Iran: Studentin demonstriert in Unterwäsche gegen Übergriff

