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Zyklustracking-Apps: Die moderne Überwachung der Frau

Es gibt Apps, die versprechen, bei der Organisation des Menstruationszyklus behilflich zu sein. Vertraulich, versteht sich. Eine scheinbar progressive Entwicklung, doch dahinter steckt mehr. – Ein Kommentar von Manon Keun.

Zyklustracking-Apps sind dafür da, Frauen und menstruierende Personen bei der Überwachung und Organisation ihres Menstruationszyklus‘ zu unterstützen. Doch zunehmend verändern sich solche Apps in ihrem Design: Obwohl die Kalenderfunktion im Fokus stehen sollte, werden viele Apps dieser Art eher als ein „Wellness-Portal“ konzipiert. Es ist neben dem Tracken der Menstruation und damit einhergehenden Körperzuständen und Beschwerden häufig auch möglich, auf Gesundheits- und Lifestyle-Empfehlungen oder andere bezahlte Inhalte zuzugreifen.

Ein Beispiel dafür liefert die App Clue, vertrieben von einem Berliner Start-Up. Auch ärztliche Ratschläge sind dort zu finden. Das monatliche Abo ist dabei kostenpflichtig. Eine andere App namens 28 beinhaltet sogar einen AI-Doktor, mit dem man chatten kann, Rezepte, die auf den weiblichen Hormonzyklus zugeschnitten sind, sowie personalisierte Workouts und die Möglichkeit, eine zweite Version der App auf das Telefon des Partners oder der Partnerin zu laden.

Solche Apps klingen verheißungsvoll, denn Menschen, die menstruieren, werden in diesen Tagen oft nicht genügend unterstützt. So ist die Menstruation häufig eine Belastung im Alltag. Es fehlt an Sichtbarkeit, Aufklärung und einem Gesundheitssystem, das die verschiedenen Körperzustände, Beschwerden und eventuellen gesundheitlichen Einschränkungen menstruierender Personen ernst nimmt und behandelt. Ob Zyklustracking-Apps, die vor allem aus wirtschaftlichen Interessen überhaupt auf den Markt kommen, das leisten können, ist fraglich.

Die Pille als Kontrollinstrument

Gehen wir ein paar Schritte in der Geschichte der Verhütungsmittel zurück: als die Antibabypille in den 1960ern auf den Markt gebracht wurde, war sie nicht etwa als emanzipatorisches Mittel für Frauen gedacht, sondern um das Wachstum der nicht-weißen und armen Bevölkerung zu kontrollieren Auch Laborversuche für die Pillenentwicklung in Puerto Rico fanden ausschließlich an Schwarzen Frauen statt, mit grausamen Folgen wie (Zwangs-)Sterilisation, massiven Blutungen, Verlust von Körperteilen.

Teilgenommen haben die Probandinnen meist aus ökonomischen Zwängen heraus: freiwillig hätten sie sicher nicht an den jahrelangen, gesundheitsschädlichen Studien teilgenommen, die sogar die Umsiedlung in Blocks erforderten, die extra für diese Versuchsserien gebaut wurden.

Die Pillen, die dann schließlich auf den Markt kamen, waren in sehr abgeschwächter Zusammensetzung produziert. Verschrieben wurden sie nur verheirateten Frauen – unter Einwilligung des Ehemanns. Viele Frauen erlitten durch die Einnahme der Pille depressive Verstimmungen, Thrombosen, Libido-Verlust und andere Symptome. Bis heute die Auswirkungen der Pille auf die Gesundheit nicht vollständig geklärt. Seit 1972 ist die Pille in Deutschland ohne Einwilligung des Ehemanns erhältlich.

Die ersten verkäuflichen Pillenmarken boten zumeist einen Zähl-Blister für die Einnehmende (Frau) und einen zweiten Kalender für den Partner (Mann), der beispielsweise an das Band einer Armbanduhr gesteckt werden konnte. Während sich das auf den ersten Blick toll anhört, weil es progressiv anmutet, die Verhütungsverantwortung als Paar teilen zu können, ist dieser zweite Kalender sehr kritisch zu bewerten. Denn das patriarchale Machtgefüge zwischen Mann und Frau machte zugleich die gänzlich selbstbestimmte Einnahme der Pille unmöglich.

Wenn Abtreibungen strafrechtlich verfolgt werden, der Mann ohnehin einer Pilleneinnahme zustimmen muss, diese dann sogar nachverfolgen kann und die Einnahme möglicherweise gesundheitsschädlich ist, dann wird die Pille vor allem ein Kontrollinstrument über Frauen und menstruierende Personen und ist alles andere als eine Befreiung.

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Die Pille als emanzipatorische Errungenschaft

Natürlich war es eine gewisse Errungenschaft, dass menstruierende Personen nun ein Mittel besaßen, über ihre Fruchtbarkeit zu verfügen. Wenn allerdings die Produktion und Organisation solcher Mittel nicht in den Händen derjenigen Menschen liegt, die es betrifft, dann stellt das ein Problem dar: So verdienen Pharmakonzerne heute viel Geld an den Antibabypillen, während die Verhütenden sich nicht über die Langzeitfolgen im Klaren sein können.

Eine Pille für den männlichen Hormonzyklus wurde im Übrigen bereits entwickelt und getestet. Allerdings erlitten männliche Probanden ähnliche Nebenwirkungen wie die Frauen bei der Antibabypille. Des Weiteren finden sich keine Investor:innen für das Projekt einer Vermarktung dieser „Männerpille“. Dabei könnte eine Männerpille eine Art „ausgleichendes“ Verhütungsmittel darstellen und eine gleichberechtigte Verhütung ermöglichen, indem sichere Verhütung nicht länger meist „Frauensache“ ist.

Der Zugriff auf Verhütungsmittel stellt also eine große Errungenschaft dar, allerdings hat ihre Verfügbarkeit längst nicht die Geschlechterungleichheit aufgelöst. Deshalb muss man Verhütungsmittel noch immer auch als Machtinstrument begreifen: In Polen beispielsweise wurde die Verfügbarkeit von frei zugänglichen (also ohne Rezept erhältlichen) Abtreibungspillen zuerst eingeschränkt, später folgte ein generelles Abtreibungsverbot durch die PiS-Partei. Auch die neue liberal-konservative Regierung hat dieses Verbot (noch) nicht wieder aufgehoben.

Heftige Proteste gegen faktisches Abtreibungsverbot in Polen

Zyklustracking-App: Kalender, Berater, Arzt, Polizist

Ähnlich ambivalent sind auch Methoden darüber zu bewerten, die eben bei der Organisation des Zyklus und des Verständnisses vom eigenen Körper unterstützen können. Sie können sehr hilfreich und dienlich sein. Grundsätzlich sind solche Tracker orientiert an einem 28-Tage-Zyklus und basieren auf einem generellen genormten Körperverständnis. Häufig propagieren Femtech-Unternehmen ihr Projekt als Forschungsvorhaben und bitten menstruierende Personen um Unterstützung in ihrem „Forschungsprojekt“. Die Daten könnten helfen, Forschung über Menstruation voranzutreiben.

Die Apps sind aber nicht unbedingt von fortschrittlichen Ärzt:innen entwickelt. Das birgt die Gefahr, einen gegenteiligen Effekt als den gewünschten, unterstützenden zu erleben. Der Tracker könnte z.B. Zweifel, Stress und Sorge über das „richtige“ Funktionieren des Körpers auslösen.

Menstruationstracker haben außerdem Zugriff auf eine große Menge persönlicher Daten, solange diese nicht über einen lokalen Server laufen. Benutzer:innen sollten deshalb genau überprüfen, welche Daten geteilt, ausgewertet und weiterverarbeitet werden können.

Eine Studie, welche die 20 meist heruntergeladenen Menstruationsstracker untersuchte, kam zu dem Schluss, dass die Datensicherheit der Apps sehr schlecht ist. Sie legt nahe, dass diese Apps die erlangten Daten verwenden, um sie zu verkaufen und andere Firmen aus der „Femtech“-Branche zu bedienen. Lisa Malki, eine Forscherin der Studie, sagt: „Es gibt eine Tendenz, das App-Entwickler:innen Menstruations- und Fruchtbarkeitsdaten einfach als ‚weitere Daten’ betrachten, während diese Daten die Macht haben, Benutzer:innen zu stigmatisieren und kriminalisieren“.

Eine Studie der Universität Cambridge kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die sensiblen Gesundheitsdaten aus Menstruations-Apps ein Goldmine für Werbetreibende seien und enorme Risiken für die Sicherheit und Privatsphäre der Nutzerinnen bedeuteten.

Peter Thiels 28 und Evie

Der Hauptinvestor in die App 28 ist Peter Thiel, der eine antitrans-orientierte, christlich-fundamentalistische und rechte Ideologie propagiert. In diesem Interesse finanziert er auch das Frauenmagazin Evie, das in direktem Zusammenhang mit der App steht. Die App und das Heft dämonisieren Abtreibung, hormonelle Verhütung und geben Empfehlungen für ein Leben als zukünftige Ehefrau und Mutter.

Evie betont, Frauen in ihrem Feminismus fördern zu wollen. Neben dem Trad Wife-Dasein, werden Frauen beispielsweise auch dazu angehalten, nicht länger „wie Männer zu trainieren“ und keinesfalls schwere Gewichte zu heben. Als Verhütungsmethode wird die „natürliche Empfängnisverhütung” empfohlen, also das Vermeiden von Sex an fruchtbaren Tagen, die statistisch nicht sonderlich sicher ist.

Das Verwenden der App 28 kann nicht ohne die direkte Berührung mit rechten Inhalten und auch nicht ohne die Freigabe der persönlichen Daten zur Verwendung für Thiel Capital stattfinden. Auch in Deutschland ist 28 erhältlich.  Die Überwachungstechnologie ist ein großes Interessens- und Investionsfeld des Tech-Milliardärs Peter Thiel, wesentlicher Anteilseigner von Palantir Technologies.

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Strafrechtliche Verfolgung wegen Abtreibung

Etwas überraschender ist die strafrechtliche Relevanz dieser erlangten App-Daten: 2021 musste eine 15-Jährige in UK infolge eines Abgangs der Polizei ihre Chat- und Suchverläufe offen legen, damit diese nachverfolgen konnte, ob die Betroffene eine Abtreibungspille eingenommen hatte.

2022 wurde in Nebraska die 17-jährige Celeste Burgess verhaftet, die mit Hilfe ihrer Mutter eine Spätabtreibung durchführte – es gibt in Nebraska in 97 Prozent der Counties keine Abtreibungskliniken. Ohnehin wird dem Ersuchen nur in sehr seltenen Fällen stattgegeben, auch schon vor der Abschaffung des Roe v. Wade-Gesetzes.

Obwohl die illegale Abtreibung von Celeste Burgess schon vor der Abschaffung des Gesetzes stattfand, wurde nun nach Gesetzesänderung auf dieser Grundlage investigiert. Dafür wurden u.a. ihre ausgelesenen Facebook-Daten als Hauptbeweismittel verwendet. Meta hatte diese auf Anfrage freigegeben.

Es gibt weitere derartige Fälle aus den USA und UK. Und es ist bekannt, dass in Ländern, in denen Abtreibung nicht legal ist, die strafrechtliche Verfolgung möglicher „Täter:innen“ auch über digitale Daten stattfinden kann – entsprechende Apps also nach dem Gesetz gar nicht anders können, als die Daten an die Polizei freizugeben.

Solche Daten können sein: Informationen über den Kinderwunsch einer Nutzerin, psychische und körperliche Belastungen, sexuelle Aktivitäten, eventuell sogar so konkrete Informationen wie ein Abtreibungsdatum, außerdem Chat-Verläufe, in denen Fantasien oder Sonstiges verschriftlicht wurden.

Über 75 Prozent der Deutschen für Entkriminalisierung

In Deutschland ist Abtreibung nicht legal, aber bis zur 12. Woche straffrei. Bundeskanzler Friedrich Merz betonte zuletzt, dass man „den Paragrafen §218 (der Abtreibung illegalisiert) nicht einfach so abschaffen könne, da dies einen Großkonflikt verursachen würde. Kein zweites Thema würde derart polarisieren“. Er sprach sich dafür aus, den Paragrafen 218 beizubehalten. Doch Statistiken verzeichnen in der Bevölkerung eine relativ große Einigkeit in dieser Frage: Je nach Umfrage sind 74  bis 80 Prozent der Deutschen für die Abschaffung des §218.

Dennoch bleibt Abtreibung mindestes für diese Legislaturperiode in Deutschland illegal. Mit Blick auf die Entwicklungen in anderen westlichen Nationen ist es geboten, auch die relative Straffreiheit hierzulande als etwas Unsicheres, etwas offensiv zu Verteidigendes zu bewerten. In diesem Sinne gilt auch eine besondere Vorsicht bei der Nutzung von Menstruationtracking-Apps und die Überlegung, ob sich der altbewährte Papierkalender nicht doch genauso gut eignen würde. 

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