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GroKo-Pläne: 48-Stunden Woche, 12-Stunden Arbeitstag – und bald auch Rente mit 70?

Die Regierung plant, den 8-Stunden Tag abzuschaffen und stattdessen eine 48-Stunde Woche einzuführen – alles für einen „flexibleren“ Alltag. Die Anhebung des Rentenalters auf 70 ist ebenfalls im Gespräch. Gewerkschaftsnahe Institute warnen vor Anstieg an Krankheiten bei Arbeiter:innen.

Die Regierung unter Friedrich Merz (CDU) hat einen „Herbst der Reformen“ angekündigt. Doch was sind mögliche Bestandteile dieses Gesamtpakets? Ein wichtiger Aspekt dürfte eine Arbeitszeit-Reform sein, welche die schwarz-rote Regierung in Angriff nehmen möchte.

Konkret ist eine 48-Stunden Woche geplant, mit der ein 12-Stunden-Tag ermöglicht werden soll. Grundsätzlich dürfen Arbeiter:innen laut Arbeitsgesetz heute acht Stunden am Tag arbeiten. Dies kann aber schon jetzt durch zahlreiche Ausnahmen umgangen und auf bis zu 10 Stunden ausgeweitet werden. Nun soll dies auch regelmäßig möglich werden.

Schon im Koalitionsvertrag hielten SPD und CDU fest, dass sie eine wöchentliche, statt einer täglichen Höchstarbeitszeit schaffen wollen. Dadurch solle mehr Flexibilität sowohl für Beschäftigte, als auch für die Unternehmen selbst geschaffen werden.

Gleichzeitig kritisiert Merz die heutige Arbeitshaltung der deutschen Gesellschaft scharf, man müsse „wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“. Es bräuchte neue Impulse, um dem demographischen Wandel entgegenzuwirken und eine stabilere Wirtschaft für die Zukunft zu sichern.

„Work-Life-Balance“ auf Kosten der Gesundheit

Mit einer Umstellung auf die 48-Stunden Woche wäre es möglich, an einem Tag bis zu 12 Stunden und 15 Minuten zu arbeiten. Das hat das Hugo Sinzheimer Institut für Arbeitsrecht (HSI) der Hans-Böckler-Stiftung errechnet.

Wer an einem Tag mehr arbeitet, solle nach GroKo-Plänen die Möglichkeit bekommen, an anderen Tagen dafür weniger zu arbeiten. So will die Regierung eine bessere „Work-Life-Balance“ schaffen, unter anderem dafür, dass arbeitende Eltern besser für ihre Kinder oder pflegebedürftige Angehörige da sein können.

Das HSI äußert sich diesem Argument gegenüber kritisch: „Die Vorhersehbarkeit und Planbarkeit von Arbeitszeiten stellen wichtige Schlüsselfaktoren für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie dar“. Insbesondere Frauen würden stärker aus den Berufen heraus gedrängt.

Gleichzeitig sollen auch Unternehmen die Beschäftigten „bedarfsgerechter“ einsetzen können, zum Beispiel im Fall von Auftragsspitzen. Das versteht die Regierung dann unter „Flexibilität“. Dabei wünscht sich im Gegenteil zur geplanten Reform die Hälfte der deutschen Bevölkerung eine Arbeitszeitverkürzung. Laut der Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) ist dieser Wunsch besonders bei denjenigen ausgeprägt, die mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten.

Den 8-Stunden-Tag verteidigen!

Der Verband der bayerischen Wirtschaft (vbw) begrüßt dagegen die Reform und wendet sich gegen die Kritik, dass Arbeitszeiten von mehr als acht Stunden gesundheitsschädlich seien. Der Kapitalverband behauptet, dass es durch die Arbeitstage, an denen man weniger arbeite, einen Ausgleich gäbe, ignoriert dabei jedoch die insgesamt gestiegene Arbeitslast.

Das HSI wiederum argumentiert gegen die 48-Stunden Woche, denn laut der Arbeitsmedizin sei es seit Jahren erwiesen, dass Arbeitstage von mehr als acht Stunden die Gesundheit gefährden würden: Nicht nur kämen unzählige psychische Erkrankungen auf einen zu – darunter am häufigsten das Burn-Out-Syndrom oder andere chronische Erschöpfungszustände – sondern auch körperliche Beschwerden. Arbeiter:innen würden schneller krank und blieben länger krank.

Laut DAK lag die Länge von Arbeitsausfällen aufgrund von psychischen Erkrankungen im Jahr 2023 bei durchschnittlich 33 Tagen. Außerdem steigen die Risiken für Schlaganfälle, Diabetes und ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Schäden. Ebenfalls erhöht sich das Unfallrisiko ab der achten Arbeitsstunde exponentiell, ab der zwölften Stunde verdoppelt es sich. Das führe unter anderem zu Unfällen beim Heimweg oder auf der Arbeit.

„Der Acht-Stunden-Tag ist keine beliebige Größe, sondern ein Fixpunkt zum Schutz der Gesundheit“, betont deshalb Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied bei der IG Metall.

Erwerbsquote gestiegen

Die Daten der letzten Jahre zeigen zudem bereits eine erheblich höhere Produktivität. Sowohl die Zahlen der Erwerbstätigen (46 Millionen), als auch das Gesamtarbeitszeitvolumen (54,59 Milliarden Stunden) inklusive des Arbeitszeitvolumens von Selbstständigen und Familienangehörigen (61,44 Milliarden Stunden) verzeichnet laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Jahr 2023 Rekordwerte. 1991 waren es noch 52,20 Milliarden. Im Jahr 2024 sind ähnliche Werte verzeichnet.

Ebenfalls stieg die Erwerbsquote von Frauen zwischen den Jahren 1991 und 2023 um 16 Prozent auf 73 Prozent. Ein Drittel der Beschäftigten arbeitete 2023 Teilzeit – unter Frauen fast jede zweite. Durch den gestiegenen Anteil an Teilzeit ist auch ein Rückgang bei der durchschnittlich geleisteten Arbeitszeit zu erkennen: 1991 lag sie bei 1.478 Stunden, 2023 bei 1.295 Stunden.

Oft aber arbeiten Frauen nicht freiwillig in Teilzeit. Die unbezahlte Arbeit im Haushalt, Pflege der Kinder oder pflegebedürftiger Familienangehörigen liegt meistens alleinig auf ihren Schultern. Somit werden sie quasi in die Teilzeitarbeit gedrängt.

Anhebung des Rentenalters

Neben der Verlängerung der Arbeitszeiten fordert Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) zudem eine zügige Anhebung des Rentenalters. In einem neuen Impulspapier des „Beraterkreises für evidenzbasierte Wirtschaftspolitik“ heißt es: „Eine weitere Anhebung des Rentenalters müsste jetzt auf den Weg gebracht werden.“ Denn durch das längere und gesündere Leben solle es auch möglich werden, länger zu arbeiten. Den Kreis hatte Reiche für eine „entschlossene Reform im Geiste der sozialen Marktwirtschaft“ einberufen.

Neuer Angriff auf die Renten?

Die Rentenversicherung sei jetzt schon massiv überlastet und mit einem Anstieg von immer älter werdenden Menschen käme die Rentenversicherung personell oder materiell nicht hinterher. Um das Rentenniveau bei 48 Prozent zu halten, müssten zusätzliche 90 Milliarden in den Bundeshaushalt fließen: „Ohne eine entschlossene Reformagenda droht die Rentenversicherung zu einer zunehmenden Belastung des Bundeshaushalts zu werden – und zur tickenden Zeitbombe für die Generationengerechtigkeit“, warnt, auch die kapitalnahe Ökonomin Veronika Grimm.

Um diese „tickende Zeitbombe“ zu besänftigen, soll nun die Rentenzeit an die Lebenserwartung angepasst werden. Der Vorschlag lautet: zwei Drittel der gewonnenen Lebenszeit auf die Erwerbsphase zu übertragen und ein Drittel auf den Ruhestand. Damit soll das gesetzliche Renteneintrittsalter von 67 Jahren aufgelöst werden. Auch Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) hält es für nicht mehr haltbar. Fratzscher steht in seinen Positionen oftmals der SPD nahe. Offen ist, wie weit die SPD bereit sein wird, im Angriff auf die Rechte der Arbeiter:innen mitzugehen.

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