Die Farbe auf dem Banner ist gelb. Daneben halten Jugendliche rote Flaggen, Fäuste und eine brennende Leuchtfackel in die Luft. Auf dem Banner steht „Kämpfen wie die Jugend in Nepal!“. Das Licht der Fackel erhellt das am Abend aufgenommene Foto. Zu Recht sind Jugendliche hier vom Kampf der Jugend in Nepal, dem kleinen Bergland zwischen Indien und China, inspiriert. – Ein Kommentar von Jan Licht.
In Nepal hat sich im September die „Generation Z“ – gemeint sind die ab 1997 Geborenen – erhoben. Anlass war das Verbot Sozialer Medien. Aber nicht aus Handysucht stürzten die Jugendlichen in wenigen Tagen die Regierung, sondern weil tausende Videos das Internet geflutet hatten, die den perversen Reichtum insbesondere der Kinder der politischen Elite anprangerten.
Auch in einem bitterarmen Land wie Nepal (20 Prozent der 30 Millionen Einwohner:innen leben unterhalb der Armutsgrenze) schwelgen die Eliten im Luxus. Dumm nur, wenn sie ihn auch nach außen darstellen. Noch dümmer, wenn sie sich dabei sicher fühlen. Ergebnis war ein Umbruch nach nur einem Großprotesttag, bei dem die Polizei zwar brutal versuchte „Ruhe und Ordnung“ zu schaffen – und so über 50 Menschen tötete –, die Wut der Jugend aber Regierungsgebäude und Häuser der Bonzenpolitiker:innen wortwörtlich in Flammen setzte. Nicht umsonst ist auf dem Foto der deutschen Jugendlichen eine Leuchtfackel abgebildet.
Kurz zuvor war dieselbe Wut in Indonesien aufgeflammt: Vor allem Jugendliche, aber auch verarmte Arbeiter:innen protestierten gegen die Erhöhung der Politiker:innen-Gehälter. Diese hatten sich selbst noch einmal einen Bonus in Höhe des 10-fachen Mindestlohns gegönnt. Dumm nur, wenn die Parlamentarier dann nach der Abstimmung ihre offensichtliche Freude über die eigene Korruption öffentlich in Selfies darstellen.
Ergebnis war eine bis heute andauernde Massenprotestwelle. Und natürlich versuchte auch hier die Polizei „Ruhe und Ordnung“ zu schaffen und tötete dabei ebenfalls mehrere Menschen und verletzte tausende Weitere. Auch hier gingen Regierungsgebäude und Politikervillen in Flammen auf. In Indonesien sitzt die Regierung zwar noch im Sattel. Für wie lange, ist aber die Frage angesichts des Muts und der geeinten Initiative der indonesischen Jugend.
Indonesien: Massive Proteste nach Gehaltserhöhung für Parlamentsabgeordnete
Das Feuer am Leben erhalten
Protest und Aufstand funktionierten: In Indonesien wurde die Gehaltserhöhung für die Politiker:innen wieder zurückgenommen, der Social Media-Bann in Nepal wurde mit der gestürzten Regierung aufgehoben. Insbesondere, weil in beiden Ländern die Reichen und Mächtigen so leichtsinnig waren, ihren ergaunerten Reichtum dann auch noch schamlos zur Schau zu stellen.
Ihre Posten, ihre Macht, ihre Ordnung sind eben nicht sicher. Sie sind, wie Rosa Luxemburg einmal sagte, „auf Sand gebaut“. Sie stehen also erst einmal da, aber in ihrem Fundament ist sie bröckelig. Eben jenes Fundament ist in den brutal ausgebeuteten Rohstoff- und Arbeitskraftlieferantenländern wie Nepal und Indonesien noch sehr viel anfälliger als in Deutschland. Hier ist der Baugrund der BRD und wahrscheinlich auch die ein oder andere Politikervilla (etwa die eines Jens Spahn), etwas stabiler. Aber unerschütterlich sind sie alle nicht.
In Deutschland gab es beispielsweise die Novemberrevolution von 1918/19, die den Kaiser und die Könige absetzte, in der aber auch eben jene Rosa Luxemburg auf Befehl der SPD umgebracht wurde.
Demokratie und Arbeiter:innenbewegung war den deutschen Mächtigen dann nämlich auch zu viel und so finanzierten sie schon früh Adolf Hitlers NSDAP. Damit die Aufstände Nepals und Indonesiens, und die vieler anderer Länder also nachhaltig eine ganz andere Gesellschaftsordnung schaffen, braucht es noch mehr als nur den Kampfesmut für den unmittelbaren Sturz der Regierung. Es braucht den langen Atem, der die neuen Errungenschaften gegen die alte Ordnung verteidigt. Es braucht mehr als die Wut des Moments. Es braucht eine langandauernde, fortgesetzte Empörung über Ungerechtigkeit, die sich übersetzt in kluge Strategien, Organisation, Absprachen, Pläne und Aktion.
Die Reichen und Mächtigen können wie in der Novemberrevolution, wie in Nepal, wie in Indonesien mal erschrockene Zugeständnisse machen. Aber ihre Antwort auf die Aufstände wird kommen. Die sich wehrende Jugend, aber auch alle anderen Unterdrückten tun also gut daran, sich auf die nächsten Auseinandersetzungen vorzubereiten. Vielleicht schreiben dann ja irgendwann woanders Jugendliche auf ihr Banner: „Kämpfen wie in Deutschland!“
Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 103 vom Oktober 2025 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

