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Milliardär:innen in Deutschland: Diskret aber einflussreich

Eine neue Recherche von ZEIT Online über die derzeit 184 Milliardär:innen in Deutschland zeigt: Zwar agieren sie weniger offen als Miliardär:innen in den USA, jedoch bleibt ihr Einfluss groß und ihre Zahl nimmt zu.

Am 21. Oktober veröffentlichte ZEIT Online ihre Recherche über die 184 Milliardär:innen in Deutschland mithilfe von Daten des Analyseunternehmens Altrata. Diese Daten sollen einen Schritt tiefer gehen als bisherige Analysen und auch andere Vermögensarten wie etwa Immobilien analysieren. Denn: Die Recherche zeigt, wie Milliardär:innen ihr Vermögen verschleiern, es in Familienholdings, Stiftungen etc. verschwindet und ihre Forderungen oft nur durch Vertretung dieser in die Öffentlichkeit getragen werden.

Trotz Krise: Mehr Milliardär:innen als vor 10 Jahren

Während es 2015 noch 130 waren, gab es 2024 schon 184 Milliardär:innen, ein Zuwachs von ganzen 41,5 Prozent. Nur in den USA und in China gibt es mehr, jedoch ist Deutschlands hohe Position aufgrund der verhältnismäßig kleinen Bevölkerung auffällig. Was außerdem zu beobachten ist: Das Vermögen der Milliardär:innen hat sich im letzten Jahrzehnt auf 703 Milliarden Euro fast verdoppelt und wuchs dabei nur mit kleinen Einbrüchen stetig an.

Selbst während der Coronapandemie konnte von 2020 auf 2021 ein Zuwachs von knapp 100 Milliarden verzeichnet und der Einbruch 2022 schon 2023 wieder ausgeglichen werden. Besonders in Deutschland wächst das Vermögen stark an. Vergleichsweise stieg das Vermögen der Milliardär:innen in Italien, Frankreich und im Vereinigten Königreich „nur“ leicht an.

Deutsche Milliardär:innen steigern Vermögen in Pandemie um fast 80%

Grund sei laut der ZEIT Deutschlands Wirtschaftsstruktur, dessen Unternehmen oft inhaber- oder familiengeführt sind, die als sogenannte „hidden champions“ also Weltmarktführer in der Güterproduktion sind oder Dienstleistungen anbieten. Diese haben besonders durch die voranschreitende internationale Verwicklung der Wirtschaft profitiert, sei es zum Beispiel durch leichteren Zugang zu neuen Absatzmärkten oder durch die Auslagerung der Produktion in unterdrückte Länder. Da das Vermögen praktisch aller Milliardär:innen zu einem bedeutenden Anteil als Betriebsvermögen besteht, nimmt dadurch auch die Zahl an Multimillionär:innen und Milliardär:innen zu. So zum Beispiel lief es bei vielen BMW-Erben.

Die Recherche zeigt außerdem, dass Vermögen vor allem auch weitergegeben wird. So war bei 72 Prozent der Milliardär:innen „eine Erbschaft entweder die alleinige Grundlage ihres Reichtums oder zumindest ein wichtiger Startvorteil“, heißt es laut der ZEIT. Dadurch ergab sich auch, dass die meisten Milliardär:innen zwischen 40 und 60 Jahre alt sind, die reichsten in der Regel mindestens 50. Besonders viele Milliardär:innen sind dabei alt, weiß sowie christlich-konservativ.

Milliardär:innen in Deutschland: Diskret statt öffentlich

Anders als in den USA, in denen Milliardär:innen eher durch einen Aufstieg kleinerer Kapitalist:innen entstehen, als in Deutschland, wo eine Erbschaft meist der Grund ist, sind die Kapitalist:innen hierzulande eher diskret, statt ihre Pläne offen groß zu verkünden und wie im Fall von Elon Musk sogar die Social-Media-Plattform Twitter (nun X) zu kaufen. Laut ZEIT Online sei dadurch auch der Einfluss der Milliardär:innen geringer als in den USA oder ließe sich zumindest nicht so eindeutig nachweisen.

USA: Regierung der Milliardäre

Derzeitige Angriffe auf die Arbeiter:innenklasse wie die geplante Abschaffung des 8-Stunden-Tages, die Streichung des Bürgergeldes für die Grundsicherung sowie die Auflockerung von Vorschriften, die Firmen befolgen müssen, als Teil des derzeitigen „Herbst der Reformen“, zeigen jedoch, dass die Regierung die Forderungen des „Brandbriefes“ vom Januar 2024 klar umsetzt.

Das letzte ähnliche „Modernisierungsprogramm“, bei dem ähnlich „Weiterentwicklung“ von Firmen gefordert wurde, war bei der Agenda 2010. Diese hat Leiharbeit, Hartz IV und höhere Krankenkassenbeiträge herbeigeführt. Auch wenn deutsche Milliardär:innen heute nicht so laut einen autoritären Staatsumbau fordern wie in den USA, profitieren auch sie von der Rechtsentwicklung in Deutschland und stehen selbst nicht entgegen der CDU und ihrer Annäherung zu faschistischen Kräften wie der AfD.

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