Die Protestwelle der Gen Z hat nun auch Madagaskar erreicht. Die Mobilisierung online spielt auch hier eine zentrale Rolle. Regierungsrücktritte reichen den Demonstrierenden nicht aus, sie fordern mehr.
Am 25. September starteten die Proteste im afrikanischen Inselstaat Madagaskar. Es protestiert auch hier vor allem die Jugend, die sogenannte „Gen Z“ (geboren zwischen Mitte der 1990er und Anfang der 2010er Jahre). Auslöser der Proteste sind die Probleme bei der Strom- und Wasserversorgung im Land: Stromausfälle und Wasserknappheit prägen den Alltag der Madagass:innen.
Wegen Korruption bleibt die Infrastruktur veraltet und kann die Bevölkerung nicht effizient versorgen. Parolen wie „Schluss mit den Ausfällen“ werden bei den Protesten gerufen – unter den Demonstrierenden sind Schüler:innen, Studierende und Arbeiter:innen. Auch in ruralen Gegenden kommt es zu Protesten vor den Büros der Wasser- und Stromversorger.
Die „Gen Z Madagascar“ ist eine Gruppe, die Mitte September in den sozialen Medien aufgetaucht ist und als Organisatorin der Proteste gilt. Sie nimmt Bezug auf weitere aktuelle internationale Proteste der Generation Z, unter anderem in Nepal, auf den Philippinen oder in Indonesien. Erkennbar ist das an „One-Piece“-Fahnen, die auch bei den Protesten in Madagaskar gehisst werden. Einige tragen die Aufschrift: „Erhebt euch, Jugend“. Die Serie „One Piece“ zählt zu den bekanntesten Animes der Welt – gerade unter der Gen Z – und handelt von Kollektivität und Widerstand gegen Ungerechtigkeiten.
Vor allem in der Hauptstadt Antananarivo konzentriert sich die Mehrheit der Proteste: Versperrte Straßen, brennende Reifen, und auch die vor einem Jahr eröffnete Seilbahn wurde in Brand gesetzt. Das Projekt stieß bereits bei seiner Planung auf Widerspruch in der Bevölkerung, da die Menschen eigentlich andere, akutere Probleme haben als den Bau einer Seilbahn.
Außerdem kam es zu Angriffen auf Häuser dreier Politiker:innen, die Verbindungen zum Präsidenten haben. Eine davon ist die Senatorin Lalatiana Rakotondrazafy. Ihre Adressen wurden in den sozialen Medien veröffentlicht und anschließend wurde ihr Haus in Brand gesetzt. Brennende Häuser von Politiker:innen sind Bilder, die kürzlich auch bei den Protesten in Nepal zu sehen waren.
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Repression, Forderungen und Erfolge
Seit Beginn der Proteste wurden mindestens 22 Menschen durch staatliche Sicherheitskräfte getötet. In sozialen Medien tauchten Videos auf, in denen Jugendliche die Leiche ihres getöteten Schulkameraden bei einem Trauerzug auf den Schultern tragen. Zwei oppositionelle Abgeordnete wurden bereits festgenommen. Die Regierung verhängte außerdem eine Ausgangssperre und kappte das Internet.
Berichten zufolge kam es bei den Protesten zu Plünderungen in Geschäften und Banken. Präsident Andry Rajoelina nahm dies zum Anlass, „die Plünderung und Zerstörung von Eigentum und Geschäften” zu verurteilen. Kritische Stimmen ordnen die Plünderungen als inszenierten Versuch der Regierung ein, die Proteste zu delegitimieren und entpolitisieren. Bei neusten Protestaufrufen in den Sozialen Medien wird appelliert, die Straßen zu säubern und Ladenbesitzer:innen beim Schutz ihrer Waren zu helfen.
Die Forderungen der Protestierenden waren von Beginn an der Rücktritt der Regierung, unter anderem von Premier Christian Louis Ntsay und Präsident Rajoelina. Eine Woche nach Beginn der Proteste entließ der Präsident die Regierung. Er selbst bleibt jedoch im Amt. Premier Ntsay soll ebenfalls im Amt bleiben, bis eine neue Regierung gebildet wird. Doch die Protestierenden halten weiterhin an ihrer Forderung fest: Präsident Rajoelina soll zurücktreten. Nach der Entlassung der Regierung protestierten Anfang dieser Woche weiter Tausende in der Hauptstadt.
„Ihre Forderungen wurden gehört, und ich entschuldige mich, wenn es Mitglieder der Regierung gibt, die nicht die Arbeit geleistet haben, die das Volk erwartet hat“, rechtfertigte sich Rajoelina. „Wenn das madagassische Volk leidet, möchte ich Ihnen versichern, dass ich diesen Schmerz ebenfalls spüre.“
„Leben, nicht überleben“
Mehr als 90 Prozent des madagassischen Volkes leben in Armut. Ca. 1,3 Millionen Menschen leiden unter akuter Nahrungsunsicherheit. Nach UN-Klassifizierung der Ernährungssicherheit entspricht dies Stufe drei von fünf. Die Insel verfügt über zahlreiche Rohstoffe, von denen die Bevölkerung jedoch kaum profitiert. Vor allem im Agrarbereich wird Madagaskar ausgebeutet. Seit 2008 „pachtet“ der südkoreanische Konzern Daewoo Logistics für 99 Jahre die Hälfte des fruchtbaren Ackerlands der Insel. Die landwirtschaftlichen Erträge werden nach Südkorea exportiert.
Die Unterentwicklung Madagaskars seit der Kolonialzeit – und die anhaltende intensive Ausschöpfung der Ressourcen, insbesondere durch ausländisches Kapital – macht das Land besonders anfällig für die Folgen von Dürren, Taifunen und Überschwemmungen.
Bisherige Proteste und Umstürze in Madagaskar wurden häufig von Oppositionsbewegungen unter einer Schlüsselfigur mit Führungsanspruch getragen. So stürzte auch der aktuelle Präsident Rajoelina seinen Vorgänger Marc Ravalomanana mit dem Versprechen, im Land eine „wirkliche Demokratie“ aufzubauen. Ähnlich wie bei den internationalen Protesten, auf die sie Bezug nehmen – etwa in Nepal oder auf den Philippinen – ist jedoch auch diese Protestbewegung „führungslos“. Die Jugendlichen und Arbeiter:innen verfolgen jedoch alle dasselbe Ziel: „Leben, nicht überleben“.

