Der Vorstoß der USA für einen Waffenstillstand in der Ukraine bringt neuen Schwung in die Verhandlungen. Die führenden EU-Länder zeigen sich offen für Gespräche, während Trump auf schnelle Entscheidungen und Gebietsabtritte pocht. Derweil schwindet die Moral an der ukrainischen Front.
Vor fast vier Jahren eskalierte der Krieg in der Ukraine, der bereits seit dem Jahr 2014 durch den Einmarsch russischer Truppen im Osten des Landes schwelte. Er war anfangs von dynamischen Veränderungen der Frontlinie geprägt, die sich ab dem zweiten Kriegsjahr verfestigten und zu einem langen Stellungskrieg geworden sind.
Laut Schätzungen des US-Center for Strategic and International Studies (CSIS) sind bis zum Juni 2025 etwa 350.000 Soldat:innen in diesem Krieg gestorben. Hinzu kommen rund 1 Million Verwundete.
Die Stimmung an der Heimatfront fällt
Zuletzt wurde der Krieg selbst von einem Korruptionsskandal in der ukrainischen Regierung überschattet. Dabei sind enge Vertraute des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj tief in den Korruptionsskandal verwickelt.
Diese Faktoren spiegeln sich auch in der Stimmung der ukrainischen Bevölkerung wider: Diese befürwortete schon im August mit 69 Prozent ein schnelles Ende des Kriegs. Zudem sind die Zustimmungswerte Selenskyjs – aufgrund des Korruptionsskandals – innerhalb der letzten Wochen um mehr als 40 Prozent gefallen und liegen mittlerweile bei unter 20 Prozent.
Der Rückgang der Kriegsbereitschaft zeigt sich auch in der steigenden Zahl an Deserteur:innen: so sind zwischen Januar 2022 und Oktober 2025 insgesamt mehr als 311.000 Fälle von Desertion verfolgt worden. Die meisten davon fanden in den ersten zehn Monaten des Jahres 2025 statt.
Auf die zunehmende Kriegsmüdigkeit in der Ukraine und auf Fluchtversuche ukrainischer Männer reagieren deutsche Politiker:innen wie Carsten Linnemann, Generalsekretär der CDU, mit der Forderung, ukrainischen Deserteuren, jungen Männern und Kriegsdienstverweigerern die Einreise nach Deutschland zu verwehren, um sie zum Kämpfen an der Front zu zwingen.
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Trumps Plan: Abtreten von Territorien
Aktuell steht ein neuer Plan der US-Regierung zur Beendigung des Kriegs in der Ukraine im Raum: er umfasst 28 Punkte, die sich um die Bereiche Territorium, Wiederaufbau der Ukraine, Rehabilitation Russlands, humanitäre Fragen, Wahlen und Waffenstillstand sowie Sicherheitsgarantien und Demilitarisierung drehen.
Der Plan wurde von dem US-Sondergesandten Steve Witkoff und dem russischen Sondergesandten Kirill Dmitrijew erarbeitet. Witkoff war zuletzt auch federführend in den Verhandlungen rund um den Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas.
In der Territorialfrage schlägt der Plan vor, die Frontlinie im Süden einzufrieren und Russland im Osten die vollständige Kontrolle über die Gebiete Donezk und Luhansk zu übertragen. Zudem soll die Halbinsel Krim offiziell als de facto russisches Gebiet anerkannt werden. In den vergangenen Monaten und Wochen war bereits deutlich geworden, dass ein Waffenstillstand ohne Gebietsabtretungen unrealistisch ist.
Beim letzten Treffen zwischen Donald Trump und Selenskyj im Oktober hatte der US-Präsident auf eine Einigung gedrängt und gewarnt, dass Wladimir Putin die Ukraine „zerstören“ werde, falls kein Abkommen zustande komme. Die Grenzen „sollten dort aufhören, wo sie sind“. Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte bereits Anfang 2024 davon gesprochen, dass die Ukraine eine realistische Haltung in Bezug auf territoriale Fragen einnehmen müsse.
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Kapital-Investitionen für Wiederaufbau
Der Wiederaufbau der Ukraine ist im Plan zugunsten US-amerikanischer Kapitalinteressen konzipiert: Neben dem Wiederaufbau ziviler Infrastruktur wie Wohnvierteln und Städten sollen auch wirtschaftliche Kapazitäten im Interesse US-amerikanischer Großkonzerne ausgebaut werden. So ist die Errichtung modernster Rechenzentren für KI-Nutzung in der Ukraine geplant. Zudem sollen die Gas-Infrastruktur ausgebaut und Bodenschätze erschlossen werden.
Der Gesamtwiederaufbau soll mit 200 Milliarden Dollar finanziert werden, die sich je zur Hälfte aus eingefrorenen russischen Vermögenswerten und europäischen Mitteln speisen. Demnach sollen 50 Prozent aller Investitionsgewinne an die USA fließen.
Aufhebung der Sanktionen gegen Russland
Zusätzlich sieht der Plan die Rehabilitation Russlands vor: Das Land soll vollständig in die Weltwirtschaft reintegriert werden, indem alle Sanktionen aufgehoben werden. Die USA und Russland würden ein langfristiges Abkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit in den Bereichen Energie, natürliche Ressourcen, Infrastruktur, Künstliche Intelligenz, Rechenzentren und die Gewinnung seltener Erden in der Arktis abschließen. Zudem soll Russland wieder in die G7 – also in die Gruppe der sieben führenden Industrieländer – aufgenommen werden, sodass diese wieder zur G8 würde.
Unter den humanitären Fragen sind mehrere Punkte enthalten: Vollständige Amnestie für alle Kriegshandlungen, die Einrichtung eines humanitären Ausschusses für Gefangenenaustausch, die Rückkehr von Zivilist:innen und Familienzusammenführungen – mit besonderem Fokus auf die Rückführung von Kindern. Zudem sollen Maßnahmen zur Linderung des Leids der Konfliktopfer ergriffen werden. Ein Bildungsprogramm soll Hass zwischen den Bevölkerungen abbauen, der Nationalsozialismus als Ideologie verboten und entsprechende Aktivitäten sollen untersagt werden.
Beschränkung des Militärs
Der Waffenstillstand tritt in Kraft, sobald sich beide Seiten auf die vereinbarten Gebiete zurückgezogen haben. Die Ukraine verpflichtet sich, innerhalb von 100 Tagen nach „Friedensschluss“ Wahlen abzuhalten.
Abschließend sieht der Plan weitreichende Sicherheitsgarantien für alle Beteiligten vor: Russland, die Ukraine und Europa verpflichten sich gegenseitig, einander nicht anzugreifen und die letzten 30 Jahre als beigelegt zu betrachten. Eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine wird ausgeschlossen, stattdessen darf sie der EU beitreten. Es dürfen keine NATO-Truppen in der Ukraine stationiert werden, europäische Kampfflugzeuge würden in Polen stationiert.
Die Ukraine verpflichtet sich, keine Atomwaffen zu besitzen und ihr Militär auf 600.000 Soldat:innen zu begrenzen. Die USA legen sich im Gegenzug fest, bei einem erneuten russischen Einmarsch alle bisherigen Maßnahmen wieder in Kraft zu setzen. Die Ukraine wiederum könnte die Sicherheitsgarantien verlieren, wenn sie „ohne Grund Moskau oder Sankt Petersburg mit Raketen beschießt“.
Auch eine Souveränität der Ukraine wird im Plan benannt, wenngleich die ökonomische und militärische Abhängigkeit der westlichen Länder, wie im Plan beschrieben, fortgesetzt werden würde. Zudem werden weiterhin große Lücken im Haushalt der Ukraine klaffen, die durch die westlichen Verbündeten gestopft werden müssten. Im Jahr 2024 lag das Defizit im ukrainischen Haushalt bei etwa 41 Milliarden US-Dollar und damit 19 Prozent höher als noch 2023.
Zur Absicherung der Sicherheitsfragen soll eine Arbeitsgruppe zwischen Russland und den USA eingerichtet werden, die für die Umsetzung des Abkommens zuständig ist. Darüber hinaus soll ein „Friedensrat” unter Leitung von Donald Trump die Umsetzung überwachen und Verstöße sanktionieren.
US-Präsident Donald Trump hat der Ukraine eine Frist bis Donnerstag gesetzt – diese allerdings zwischenzeitlich manchen Interview-Schnipseln zufolge schon wieder relativiert. Bis dahin solle sich die ukrainische Regierung entscheiden. Sollte dies nicht passieren, droht Trump mit dem Lieferstopp von Waffen und Geheimdienstinformationen.
Russland und Europa die Reaktionen auf den Plan
Die Reaktionen aus Russland und der EU auf diesen US-Vorstoß könnten unterschiedlicher nicht sein: Während Wladimir Putin diesen Plan als gute Verhandlungsgrundlage betrachtet, sind die Reaktionen in Deutschland gespalten.
Außenminister Johann Wadephul (CDU) versucht, den Plan als Verhandlungsgrundlage zu verstehen, während Stimmen wie die des CDU-Politikers Roderich Kiesewetter fordern, Europa müsse die Luftabwehr in der Westukraine übernehmen und somit direkt in den Krieg eingreifen. In der deutschen Medienlandschaft und auch bei Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) herrscht die Auffassung vor, dass Deutschland und Europa unbedingt mit am Verhandlungstisch sitzen müssten, und dass der Plan einer Kapitulationserklärung der Ukraine gleichkomme.
Im Gegensatz zu den Reaktionen aus Deutschland hat sich der britische Premierminister Keir Starmer zurückhaltend geäußert und betont, dass die Ukraine selbst entscheiden müsse, ob und wie sie Frieden wolle. Diese Haltung entspricht im Kern der Formulierung Wadephuls.
Aus diesen Aussagen, verbunden mit Zusicherungen, an der Seite der Ukraine zu stehen, lässt sich interpretieren, dass Europa die ukrainische Regierung auch weiterhin unterstützen könnte, selbst dann, wenn weder die USA noch die eigene Bevölkerung den Krieg weiter unterstützen sollten. Zudem vermuten einige Expert:innen, dass die europäische Seite versucht, sich einen Platz am Verhandlungstisch zu sichern.
Die nationalen Sicherheitsberater Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens sowie weitere europäische außenpolitische Berater wollen sich am Sonntag in Genf treffen, um gemeinsam über den Plan zu diskutieren.
Rheinmetall-Aktie fällt
Neben den Reaktionen aus der Politik gab es auch direkt Auswirkungen an der Börse: Als Resultat der Veröffentlichung der Pläne ist der Wert die Rheinmetall Aktie direkt um 10 Prozent gefallen. Das Finanzportal Börse Express spricht in dem Kontext gar von einer „Friedensangst“, welche die Anleger von Rheinmetall geschockt habe.
Dies spricht dafür, dass zumindest die Anlegenden davon ausgehen, dass dieser Plan realistischerweise zu einem Einfrieren des Kriegs führen könnte. Dies würde sich zumindest kurzfristig negativ auf die Unternehmensinteressen von Rheinmetall auswirken.

