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Al-Scharaa in Washington: Syriens neuer Präsident auf historischem Staatsbesuch

Erstmals seit fast 80 Jahren besucht ein syrisches Staatsoberhaupt offiziell die USA – ausgerechnet Ahmed al-Scharaa, der bis vor Kurzem auf der US-Terrorliste stand. In Washington wird derweil über Syriens Wiederaufbau und dessen Beitritt zum Anti-IS-Bündnis diskutiert. Doch während außenpolitisch Euphorie herrscht, bleibt innenpolitisch noch viel zu klären. – Ein Kommentar von Ali Najjar.

Erstmals seit fast 80 Jahren besucht ein syrisches Staatsoberhaupt offiziell die Vereinigten Staaten. Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa ist am Wochenende in Washington, D.C. eingetroffen, wo er am Montag von US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus empfangen wird. Der Besuch folgt auf den Sturz des langjährigen Machthabers Baschar al-Assad im Dezember 2024 durch eine von al-Scharaa angeführte Offensive von verschiedenen Rebellengruppen.

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Beide Seiten verbinden hohe Erwartungen mit der Zusammenkunft in der US-amerikanischen Hauptstadt. So soll al-Scharaa laut US-Sondergesandtem Tom Barrack ein Abkommen über Syriens Beitritt zum von den USA geführten internationalen Militärbündnis gegen den IS unterzeichnen. Unmittelbar vor al-Scharaas Reise hatte das syrische Innenministerium eine landesweite Offensive gegen verbliebene Zellen der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) verkündet. In 61 Razzien wurden 71 Verdächtige festgenommen sowie Waffen und Sprengstoff beschlagnahmt.

Al-Scharaas Besuch ist der erste eines syrischen Präsidenten in Washington seit der Unabhängigkeit Syriens 1946.

Der aktuelle Staatsbesuch in den USA, wie auch al-Scharaas Rede vor der UN-Vollversammlung im September, werden als Zeichen einer rasant fortschreitenden diplomatischen Normalisierung der Beziehungen zwischen Syrien und dem Westen nach dem Ende der Assad-Herrschaft gewertet. Zentrales Thema bei den Gesprächen in Washington war die Unterstützung für den Wiederaufbau nach den Verwüstungen durch über 14 Jahre Bürgerkrieg. Die Weltbank schätzt die Kosten des syrischen Wiederaufbaus auf mindestens 216 Milliarden US-Dollar.

Vom „Terroristen“ zum Gesprächspartner

Noch vor wenigen Monaten stand Ahmed al-Scharaa auf der Terrorliste der USA – nun wird er in westlichen Hauptstädten als legitimer Gesprächspartner empfangen. Der aktuelle Übergangspräsident war Anführer der dschihadistischen Miliz Hay’at Tahrir al-Sham (HTS), die er aus dem syrischen Ableger des Al-Qaida-Netzwerks gebildet hat.

Seine Rebellen brachten Teile Nordsyriens rund um die Stadt Idlib unter ihre Kontrolle und führten schließlich den Angriff an, der Ende 2024 zum Sturz Assads führte. Die HTS hatte sich zwar bereits 2016 von Al-Qaida losgesagt, blieb aber bis vor Kurzem auf verschiedenen Terrorlisten westlicher Staaten.

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Al-Scharaa selbst, der unter seinem Kampfnamen Abu Mohammed al-Jolani bekannt war, stand bis letzte Woche auch persönlich auf der Sanktionsliste der USA. Erst unmittelbar vor seiner Reise strich das US-Finanzministerium den neuen Präsidenten von der Liste „globaler Terroristen“, was die Einreise erheblich erleichterte. Auch der UN-Sicherheitsrat hob auf Drängen Washingtons die internationalen Sanktionen gegen ihn am 6. November auf.

Die Kehrtwende im Umgang mit al-Scharaa ist bemerkenswert. Früher bekämpfte er als Guerillakämpfer US-Truppen im Irak; jetzt sitzt er mit dem amerikanischen Präsidenten am Verhandlungstisch.

Die schnelle Rehabilitierung al-Scharaas wird jedoch auch kritisch betrachtet. Die neue syrische Führung ist personell stark von HTS-Kräften dominiert und ist in ihrer demokratischen Legitimation begrenzt – im Oktober 2025 wurden zwar erste Parlamentswahlen abgehalten, doch blieben ethnische und religiöse Minderheiten wie Kurden, Christen und Alawiten stark unterrepräsentiert, Frauen gar fast vollständig ausgeschlossen.

Die westlichen Staaten können mit Blick auf ihre eigenen imperialistischen Interessen über solche Defizite hinwegsehen, solange al-Scharaa weiterhin signalisiert, Syrien für geopolitische Interessen und Kapitalexporte öffnen zu wollen.

Geopolitische Motive

Offiziell stellen die USA die Kooperation im Kampf gegen den IS und die Stabilisierung Syriens bei dem aktuellen Besuch in den Vordergrund. Inoffiziell spielen jedoch auch geopolitische und wirtschaftliche Motive die zentrale Rolle.

Die neue Regierung in Damaskus hat den Einfluss des Iran und Russlands in Syrien verdrängt – ein Umstand, der in Washington und europäischen Hauptstädten begrüßt wird. Auch wirtschaftliche Interessen spielen eine treibende Rolle bei der Annäherung an Damaskus. Westliche Staaten haben begonnen, die strikten Sanktionen gegen Syrien zu lockern, um Investitionen und Handel für den Wiederaufbau zu ermöglichen.

Ein weiteres wichtiges Kalkül: Eine ökonomische Erholung soll auch neue Fluchtbewegungen verhindern – und bietet zugleich Chancen für westliche Firmen, sich beim milliardenschweren Wiederaufbau große Profite zu sichern.

Diplomatenkreise berichten sogar, Washington bereite die Stationierung amerikanischer Truppen auf einem Luftwaffenstützpunkt bei Damaskus vor – offiziell zur gemeinsamen Terrorbekämpfung und als Rückversicherung für Israel. Die syrische Regierung hat diese Berichte jedoch umgehend dementiert.

Faktisch hat Israel bereits eigene Schritte unternommen und aggressiv in Syrien interveniert. Seit dem Machtwechsel patrouilliert die israelische Armee verstärkt entlang der Golanhöhen und hat mehrere Luftschläge in Südsyrien geflogen. Israel fordert, dass Syriens südliche Provinzen dauerhaft entmilitarisiert bleiben.

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Innenpolitische Gräben

Während sich al-Scharaa also international um Akzeptanz bemüht, muss er innenpolitisch die tiefen Gräben des Bürgerkriegs überbrücken. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Einbindung der Kurden und anderer Minderheiten in die neue Staatsordnung.

Im März 2025 erzielte die Übergangsregierung eine historische Einigung mit der kurdisch geführten Selbstverwaltung Nordostsyriens/Rojava. Al-Scharaa und Mazloum Abdi, der Oberbefehlshaber der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), unterzeichneten ein Abkommen, das die Integration der SDF-Milizen in die neuen syrischen Streitkräfte und staatlichen Institutionen vorsieht.

Knapp acht Monate nach der Vereinbarung gibt es aber auch Spannungen. Gemeinsame Ausschüsse der Zentralregierung und der Selbstverwaltung nehmen schrittweise ihre Arbeit auf, um die Zusammenführung von Verwaltung, Armee und Sicherheitskräften vorzubereiten. Erste Maßnahmen wurden umgesetzt: So kehrten in der Stadt Aleppo einige kurdisch dominierte Viertel unter staatliche Kontrolle zurück, während sich SDF-Einheiten dort geordnet zurückzogen.

Doch die Lage im Nord-Osten bleibt fragil, da parallel pro-türkische Milizen und Reste des IS weiterhin Angriffe auf die Kräfte der Selbstverwaltung durchführen.

Ali Najjar
Ali Najjar
Muslimischer Sozialist aus Berlin und Perspektive-Autor seit 2023. Fördert gern revolutionären Optimismus und Desillusionierung über den bürgerlichen Staat. Student der Sprachwissenschaften und Palästinenser.

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