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Angriff auf Soziales Zentrum Essen: „Die Hemmung der Faschisten scheint zu sinken“

Am 29. Oktober griff eine Gruppe jugendlicher Faschist:innen das Soziale Zentrum Philipp Müller in Essen an. Im Gespräch erzählt Marlon S. über die sich häufenden Angriffe und was ihre Antwort darauf ist. Für den 9. November ist eine antifaschistische Demonstration geplant.

Vergangene Woche hat eine Gruppe rechter Jugendlicher einen Einschüchterungsversuch gegen das Soziale Zentrum Essen gestartet – was genau ist passiert?

Am Abend des 29. Oktober klopfte es gegen 20 Uhr an der Tür unseres Vereins. Drei unserer Genoss:innen hielten zu dieser Zeit ein Treffen ab. Da sie davon ausgegangen sind, dass es sich um weitere Genoss:innen von uns handelt, öffneten sie die Tür.

Vor der Tür standen dann allerdings 6 vermummte Personen, die versuchten, in unsere Räumlichkeiten hereinzukommen. Unsere Genoss:innen schafften es, die Tür noch rechtzeitig zu schließen. Daraufhin zündeten die Vermummten Pyrotechnik und riefen laut Parolen mit Bezug auf eine faschistische Jugendorganisation.

Als die Tür geschlossen wurde, begannen die ersten Faschist:innen direkt wegzulaufen. Auch der Rest folgte ihnen dann recht schnell.

Wie schätzt ihr das Vorgehen politisch ein?

Bereits in der Vergangenheit ist es vorgefallen, dass organisierte Faschist:innen Angriffe ausgeübt haben. Vor wenigen Monaten stürmten Menschen – vermutlich aus der gleichen Organisation – mit etwa 20 Personen in einen Bus und schlugen auf Gegendemonstrant:innen ein.

Die Hemmungen der Faschist:innen, Gewalt auszuüben, scheinen zu sinken und in der Zukunft werden sich solche Aktionen bei uns in Essen wahrscheinlich häufen. Allerdings gehen wir davon aus, dass es sich bei diesem Angriff nicht um eine taktische Ausrichtung dieser faschistischen Jugendorganisation handelt. Vermutlich haben sich lediglich einige Mitglieder spontan dazu entschlossen.

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Ähnlich würden wir auch den Angriff im Bus einschätzen. Diese beiden Aktionen haben nämlich recht breite Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Im Vorhinein hat die lokale Presse immer wieder versucht, die Faschist:innen zu verharmlosen. In einigen Beiträgen hat die Presse es sogar so dargestellt, als wären es vor allem die linken Gegendemonstrant:innen, die die Anwohner:innen stören würden. Mit dem ersten Angriff hat sich das dann ruckartig geändert und selbst der Essener Bürgermeister Thomas Kufen positionierte sich öffentlich.

Was ist das Soziale Zentrum Essen und wie engagiert ihr euch gegen Rechts?

Mit unserem Zentrum wollen wir eine Anlaufstelle für die Nachbarschaft sein. Wir wollen einen Raum schaffen, in dem Menschen zusammenkommen können, ohne dass sie – wie typisch im Kapitalismus – Konsum aufgezwungen bekommen. Dafür benötigt es natürlich auch eine Atmosphäre, in der es weder rassistische noch patriarchale Unterdrückung gibt. Stattdessen setzen wir uns für ein solidarisches Miteinander ein.

Bei uns im Verein gibt es verschiedene Vorträge, Kneipenabende und weitere Veranstaltungen, bei denen eben auch Themen wie Faschismus behandelt werden.

Für uns ist es wichtig, dass wir in unserer Arbeit außerdem einen Klassenstandpunkt beziehen. Themen wie Rassismus und Sexismus hängen eben sehr stark mit dem Kapitalismus zusammen. Das muss sich auch in unserer Arbeit widerspiegeln, die daher auch immer antikapitalistisch ist.

Außerdem halten bei uns zwei politische Organisationen, das Solidaritätsnetzwerk und die Internationale Jugend, regelmäßig ihre offenen Treffen ab. Dort werden dann natürlich auch antifaschistische Aktionen geplant.

In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Angriffen auf Soziale Zentren. Müssen wir uns daran gewöhnen?

Solche Angriffe werden in der nächsten Zeit nicht nur in Essen, sondern in ganz Deutschland zunehmen. Von radikalen Gruppen über Kader:innenorganisation bis hin zu parlamentarischen Kräften wie der AfD sehen wir, dass die faschistische Bewegung wächst. Das führt dazu, dass es eben immer mehr faschistische Kräfte geben wird, die dazu bereit sind, Gewalt auszuüben. Außerdem erfahren solche Angriffe immer mehr Zuspruch und nicht mehr die gleiche Gegenwehr, wie es noch vor einigen Jahren gewesen wäre.

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Einerseits müssen wir uns an diese Angriffe gewöhnen und einen offensiven Umgang entwickeln. Andererseits dürfen wir sie nicht normalisieren und aufhören, das Erstarken des Faschismus zu skandalisieren. Jeder dieser Angriffe ist ein weiterer Schritt nach rechts und so müssen wir ihn betrachten.

Wir dürfen unsere Augen nicht vor diesen Gefahren verschließen. Wir müssen uns in der Zukunft mehr damit auseinandersetzen und einen geeigneten Umgang damit finden. Das kann bedeuten, dass man sich auch damit auseinandersetzt, wie man solche Angriffe verhindert.

Vor allem für uns als Soziales Zentrum steht im Vordergrund jedoch die Frage, wie wir politisch darauf reagieren, wie wir nach solchen Einschüchterungsversuchen weiterhin in Aktion treten, uns nicht kleinkriegen lassen und uns eben weiter gegen den Faschismus organisieren.

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Gemeinsam mit dem Solidaritätsnetzwerk und der Internationalen Jugend rufen wir daher am 9. November zu einer Demonstration am Porschekanzel in Essen auf. Denn wir wollen diesen Angriff nicht unbeantwortet lassen und klar machen: Faschistische und rassistische Gewalt haben hier keinen Platz. Egal ob im Nordviertel, in anderen Stadtteilen in Essen oder jeder anderen Stadt.

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