Die Menschen klatschen in die Hände, zeigen das Victory-Zeichen, Jubel brandet auf. Das Todesurteil gegen die ehemalige Premierministern Bangladeschs, Sheikh Hasina, wird wie ein gewonnenes Fußballspiel gefeiert. Mehr als ein Jahr nach dem Umsturz im siebtbevölkerungsreichsten Land der Welt werden die Weichen für die Wahlen im Februar 2026 gestellt.
Der Umsturz im Juli und August 2024 begann mit Protesten gegen Quotenregelungen für Arbeitsplätze im Regierungsapparat. Diese wurden über 40 Jahre lang bevorzugt an Unabhängigkeitskämpfer:innen und dann deren Kinder vergeben. Bangladesch war bis 1972 Teil Pakistans, und die Partei, die den extrem blutigen Unabhängigkeitskampf maßgeblich geleitet hatte, die Awami-Liga (Volks-Liga) hatte u.a. durch solche Quotenregelungen die Macht im Staat durch die eigenen Anhänger:innen gefestigt.
Studierende, die nicht Kinder von Awami-Liga-Kader:innen waren, wurden in der Jobsuche nach begehrten Arbeitsplätzen in der Verwaltung massiv benachteiligt. 2018 hatte die Awami-Regierung nach Protesten bereits das Ende der Quoten angekündigt, nach Klagen von Kindern der „Unabhängigkeitskämpfer:innen“ wurde diese Reform im Juni 2024 dann aber wieder zurück genommen. Daraufhin brachen massive Proteste unter den Studierenden aus der sogenannten Gen Z, den ab 1997 geborenen, aus.
Über 160 Tote bei Protesten in Bangladesch – Gericht kippt Quotenregelung
Gen Z Aufstand im Juli 2024
Die Regierung unter der Awami-Liga-Vorsitzenden Sheikh Hasina, Tochter des Unabhängigkeitsanführers Sheikh Mujibur Rahman, antwortete mit massiver Gewalt: Polizei, Armee und die Jugendorganisationen der Awami-Liga töteten hunderte Protestierende. Und wie oft bei Widerständen, die sich gegen ein ganzes System richten, brachte dies das Fass zum Überlaufen.
Die massive Gewalt, die als Juli-Massaker bezeichnet wird, mobilisierte weite Teile der Bevölkerung: Lehrer:innen, Gewerkschaften, dutzende Parteien schlossen sich den Studierenden an. Der Regierungssitz Sheikh Hasinas wurde umzingelt, in den sozialen Medien erzeugten die Bilder von ermordeten Studierenden massiven Hass auf die Awami-Liga. Die Armee, welche die Macht der Hasina-Regierung 15 Jahre lang gesichert hatte, wechselte die Seiten.
Sheikh Hasina floh turbulent nach Indien, das die Verbündete schützend aufnahm. Indien durchdringt Bangladesch ökonomisch und politisch, und die Awami-Liga war ein politisches Werkzeug dieser Verflechtungen gewesen.
Proteste in Bangladesch erfolgreich: Hasina tritt zurück und flüchtet
Seitdem wird Bangladesch durch eine Übergangsregierung geführt, besetzt mit liberalen bürgerlichen Oppositionellen. Diese „dritte Macht“, die weder den klassischen konservativen Oppositionsparteien „Bangladesh Nationalist Party“ (BNP) und Jamaat-e-Islami (Islamische Gemeinschaft, JI), noch der ehemaligen Regierungspartei Awami-Liga angehört, arbeitet an der Sicherung der Staatsmacht und versucht die Strukturen der Awami-Liga zu zerschlagen.
Die Partei, die Bangladeschs Unabhängigkeit angeführt und jahrzehntelang das politische System geprägt hatte, wurde verboten. Ihr wird zu Recht die Gewalt gegen die Studierenden vorgeworfen, und insbesondere das System der letzten 15 Jahre, in denen Sheikh Hasina an der Macht gewesen war: Gewalt gegen Protestierende, Inhaftierung von Oppositionellen wie auch ihr Ausschluss von Wahlen, Todesurteile und Verschwindenlassen waren wesentliche Merkmale dieses Systems.
Linke Kräfte kritisieren die Übergangsregierung als Werkzeug der Armee und forderten während des Aufstands eine Regierung aus Studierenden, Arbeiter:innen und Bäuer:innen.
Indiens schützende Hand
Nun wurde Sheikh Hasina wegen der Gewalt gegen die Protestierenden zum Tode verurteilt. Das Urteil wird so bald nicht vollstreckt werden können. Hasina befindet sich nach wie vor in Indien, und das Land verweigert die Auslieferung an Bangladesch. Dort geht der Staatsumbau weg vom Awami-System und in Vorbereitung auf die Wahlen im Februar 2026 weiter.
Die Anti-Awami-Kräfte vereint nicht vieles bis auf die Opposition zu Sheikh Hasinas Regime: Islamist:innen der Jamaat-e-Islami wie auch Konservative der BNP und die „dritte Macht“ der Übergangsregierung schleifen nun auch die fortschrittlichen Anteile in der Geschichte Bangladeschs. Der Unabhängigkeitskrieg, der sogenannte Befreiungskrieg gegen Pakistan, die wichtige Unabhängigkeitserklärung und ihre Prinzipien – Säkularismus, Demokratie, Sozialismus und Nationalismus –, welche die Grundlagen der Verfassung Bangladeschs bilden, sollen nun den Prinzipien der Juli-Revolution weichen. Welche das sind, bleibt umstritten.
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Die Übergangsregierung und die konservativen Kräfte wollen den Befreiungskrieg, die Unabhängigkeitserklärung und wichtige demokratische Errungenschaften aus der Juli-Charta herauslösen.
Widersprüchliche Anti-Awami-Koalition
Die Juli-Charta wurde im Oktober 2025 verabschiedet und soll die politischen Prinzipien nach der Ablösung des Awami-Regimes festlegen. Die Islamist:innen und Konservativen haben sowieso ein gespaltenes Verhältnis zur Unabhängigkeit Bangladeschs und dem Kampf um sie. Viele hatten an der Seite Pakistans wegen dessen konservativerer und islamischer Ausrichtung gekämpft und teilweise massive Verbrechen gegen die eigene Bevölkerung begangen.
Linke Kräfte haben nun die Unterschrift unter der Juli-Charta verweigert und auch die neugegründete Studierenden-Partei National Citizen Party (NCP) beteiligte sich nicht an ihrer Präsentation. Der Präsident der Kommunistischen Partei Bangladesch (CPB) erklärte hierzu: „Der Befreiungskrieg steht nicht für die Awami-Liga. Er steht für linke, fortschrittliche, patriotische Bürger, und diese Idee wollen wir den Menschen vermitteln.“
Die Rechte auf dem Vormarsch
Trotz des Protests der linken Parteien sind die rechten Kräfte auf dem Vormarsch. Die ersten Wahlen nach dem Umsturz, zum Studierendenparlament der Universität von Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, gewann die Islamistische Studierenden Vereinigung. Abgeschlagen blieben die linken Kräfte sowie die neu gegründete Organisation der Studierendenpartei NCP (National Citizens Party), welche die Organisator:innen des Umsturzes im Juli 2024 aufbauten.
Bangladesch wird im Februar 2026 nun neu wählen. Nach Umfragen sind viele Menschen noch unentschieden, während die rechte ehemalige Opposition von BNP und Jamaat-e-Islami bereits starke Gewinne zu verzeichnen hat. Bangladesch hat sich durch den Umsturz zwar weg von der Dominanz Indiens bewegt, aber der Griff anderer Mächte, wie der Golfstaaten, der Türkei und der USA ist nicht schwächer geworden.
Sie werden weiter dafür sorgen, dass Bangladeschs Bevölkerung für den internationalen Nahrungs- und Rohstoffhandel (insbesondere Reis und Jute) sowie für die Textilindustrie arbeitet – zu Löhnen und Bedingungen, die den internationalen Konzernen gefallen. Das Todesurteil gegen Sheikh Hasina ist in diesem Kontext vor allem Symbolpolitik für all die Menschen, die ihre Leben aufs Spiel gesetzt haben, um Bangladesch freier zu machen.

