Die Krankheitstage in Deutschland sind seit der Pandemie auf einem enorm hohen Niveau. Das hat vielseitige Gründe, doch deutlich wird, dass die Gesundheitsversorgung immer schlechter und das Gesundheitssystem zunehmend auf Profitmaximierung ausgelegt wird. – Ein Kommentar von Eduard Dunker.
22 Tage im Jahr fehlen die Menschen in Deutschland im Schnitt auf der Arbeit. Die Zahl der Krankentage stieg während der Corona-Pandemie stark an und bleibt seitdem auf einem ähnlich hohen Niveau – zum Vergleich: Vor der Pandemie lag der Durchschnitt noch bei rund 18 verpassten Arbeitstagen pro Jahr. Erhebliche Gründe dafür sind eine seit Corona stark ansteigende Zahl an Atemwegsinfektionen und immer mehr psychische Erkrankungen. Letztere sorgen häufig für besonders lange Arbeitsunfähigkeit.
Laut einer Statistik der Betriebskrankenkassen (BKK) besteht ein Hauptgrund für Arbeitsunfähigkeit weiterhin in Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems – hochgerechnet beläuft sich die hierdurch verursachte Arbeitsunfähigkeit auf 4 Fehltage pro Jahr. Neu ist, dass seit dem Jahr 2022 auch Atemwegsinfektionen ebenfalls für 4 Fehltage verantwortlich sind. Psychische Erkrankungen nehmen hingegen schon lange kontinuierlich als Grund für das Nichterscheinen auf der Arbeit zu.
Es gibt eine Vielzahl an Gründen für die immer schlechtere psychische Gesundheit: So zum Beispiel die Sozialen Medien, die darauf ausgerichtet sind uns abhängig zu machen, oder die zunehmende Perspektivlosigkeit durch immer mehr Kriege, die Klimakrise oder miserable Jobaussichten. Treffen tut es alle, besonders stark betroffen sind Jugendliche. Auch die Corona-Pandemie mit ihren Lockdowns hatte katastrophale Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Menschen und die Entwicklung vieler Jugendlicher.
Corona wirkt bis heute nach
Die Pandemie ist auch verantwortlich für den Anstieg an Atemweginfektionen. Mit dem Virus ist eine immer wieder kehrende Krankheit hinzugekommen, quasi eine weitere saisonale Grippe. Außerdem wirkt derzeit ein sogenannter Nachholeffekt: gibt es in einem Jahr deutlich weniger Infektionen in der Gesellschaft, zum Beispiel durch Social Distancing oder Masken, gibt es in den nachfolgenden Jahren mehr Infektionen – auch so lässt sich das starke Anstieg begründen. Außerdem hat sich auch das soziale Bewusstsein der Menschen, sich krank zu schreiben, geändert: mehr Menschen melden sich krank, um die Kolleg:innen nicht anzustecken.
Es stimmt also, dass mehr Menschen in Deutschland krank werden. Die so starke Erhöhung hängt aber auch mit Maßnahmen zusammen, welche die Statistik nach oben verschieben. Seit neustem sind alle Arztpraxen verpflichtet, Krankmeldungen an die Kassen direkt weiterzumelden. Dadurch werden wesentlich mehr Fälle dokumentiert als zuvor.
Gesund ist, was die Wirtschaft will
Ebenso gibt es regionale Unterschiede in der Anzahl von Krankentagen in Deutschland: In Süddeutschland, vor allem Baden-Württemberg fehlen die Menschen im Schnitt am seltensten auf der Arbeit, während in Sachsen Anhalt und im Saarland die Fehlzeiten am höchsten sind. Im Ruhrgebiet gibt es die meisten Krankmeldungen. Das lässt sich auf eine große Menge von Unterschieden in den Bundesländern zurückführen – Ernährung und Sportangebote haben zum Beispiel einen massiven Einfluss auf die Gesundheit. Am Ende ist es also auch ein Ergebnis der verschiedenen Lebensbedingungen und damit eine Frage des Geldes.
Die neu erschienenen Zahlen haben erneut die Debatte um den Karenztag und die telefonische Krankschreibung eröffnet. Unternehmer:innen fordern, für den ersten Tag der Arbeitsunfähigkeit keinen Lohn zahlen zu müssen. Die steigende Zahl der Krankheitstage wird – gegen jeden Befund von Expert:innen – als bloßes „Blaumachen“ abgetan, anstatt das Problem an der Wurzel zu fassen.
Auch mal krank zur Arbeit schleppen – für die deutsche Wirtschaft!
Auch die Regierung hält weiter an den Krankschreibungen fest, damit wir uns zur Arbeit zwingen, bevor wir eh zum Arzt müssten für eine Krankschreibung. Ärztevereinigungen fordern jedoch für eine tatsächliche Entlastung des Gesundheitssystems eine Krankschreibung erst nach 5 Tagen – unnötige Arztbesuche mit Wartezimmern voller Ansteckungsgefahr blieben so erspart.
Profitmaximierung regiert die Gesundheit.
Anders als man es sich vielleicht erhofft, reagiert die Politik auf immer mehr Krankheiten nicht mit Entlastung und Arbeitsschutz, sondern mit Spardiktaten im Haushalt und Scheinlösungen.
Auch das Krankenhaussterben in Deutschland setzt sich dieses Jahr munter fort – und damit nimmt auch die flächendeckende Versorgung der Menschen weiter ab. Bis Oktober haben allein dieses Jahr 15 Kliniken geschlossen.
Grund dafür sind Einsparungen. Wie das bundesweite Bündnis Klinikrettung berichtet, setzt sich die von der Bertelsmann Stiftung – einer deutschen Denkfabrik – erdachte Strategie der Krankenhausschließungen zur Senkung der Gesundheitsausgaben durch. Die vom letzten Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) auf den Weg gebrachte Krankenhausreform goss genau das nämlich in Gesetzesform. Vorgesehen ist im Extremfall die Schließung von bis zu 1.400 Krankenhäusern, die auch in ländlichen Regionen die Versorgung sicherstellen. Diese sollen durch nur 330 Super-Kliniken ersetzt werden. Gleichzeitig gehen hier auch Tausende von Arbeitsplätzen verloren.
Teil der Reform ist u.a. die Verkleinerung und Spezialisierung von Kliniken, wodurch die gesamt Palette möglicher Eingriffe und Behandlungen schrumpft. Das kann durchaus die Qualität der Behandlungen verbessern, doch ihre Erreichbarkeit wird mit Sicherheit schlechter.
Es wirkt schon fast paradox: die Bundesregierung unterstützt die Schließungen sogar mit Prämien. Profiteure dieser Kampagne sind vor allem die 5 größten Klinikkonzerne Fresenius, Helios, Sana, Asklepios und Rhön-Kliniken, denn nur sie sind in der Lage, tatsächlich solch zentralisierte Kliniken zu schaffen, wie die Reform sie vorsieht.
Diese Konzerne sind wie alle Unternehmen am Ende nicht darauf aus, die flächendeckende Gesundheitsversorgung sicherzustellen, sondern jeden letzten Tropfen Gewinn aus den Patient:innen heraus zu quetschen.
Patienten zweiter Klasse
Nirgendwo sonst wird die Profitlogik des Kapitalismus und der Klassengesellschaft mehr auf die Spitze getrieben als im Gesundheitssystem: Hier werden Menschen quasi „natürlich” in zwei Klassen eingeteilt.: in Kassen- und Privatpatient:innen. Zugespitzt: Arbeiter:innen gegenüber Kapitalist:innen mit all ihren Helferlein in Form von Beamt:innen.
Sehr deutlich, wessen Leben wichtiger ist, wird es auch bei den neuen Plänen der Regierung für die Gesetzlichen Krankenkassen (GKV): Die Krankenkassenbeiträge steigen weiter an, während bei den Leistungen gekürzt werden soll. Dieses Jahr stiegen die individuellen Sätze, die zu dem Beitragssatz von 14,6 Prozent hinzu kommen, um 0,8 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent. Bei der DAK, einer der größten deutschen Krankenkassen, wuchs Beitragssatz sogar um 1,1 Prozent. Teilweise war der Anstieg sogar noch größer.
Was sich wie wenige Prozente anhört, schlägt hochgerechnet und in Kombination mit den allgemein steigenden Lebenskosten ganz schön ins Gehaltskontor. Auch nächstes Jahr werden die Beiträge voraussehbar wieder ansteigen.
Außer Sparmaßnahmen und teureren Krankenkassenbeiträgen hat die Regierung keine Antwort auf die immer schlechtere gesundheitliche Versorgung. Gleichzeitig fehlt es offensichtlich – anders als oft behauptet – nicht am Geld. Immerhin fließen hunderte Milliarden in die Bundeswehr, aber bei den tatsächlichen Problemen der Arbeiter:innenklasse interessiert die Regierung höchstens, wenn wir nicht mehr zur Arbeit kommen. Dann geht es aber nicht um unsere Gesundheit, sondern darum, uns kurzfristig doch zum Job zu schleppen.

