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Der Deal zwischen Riad und Washington – Waffen, Geld und Macht

Washington D.C.: Gestern empfang US-Präsident Donald Trump den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman im Weißen Haus – mit allem Pomp, der einem Staatsbesuch gleicht. Die beiden Machthaber feiern milliardenschwere Rüstungsgeschäfte und führen den neuen strategischen Kurs der USA für den mittleren Osten fort. – Ein Kommentar von Reiner Matzinke.

Obwohl es sich offiziell nur um einen Arbeitsbesuch handelt, inszeniert Trump den Auftritt des saudischen Kronprinzen mit militärischem Zeremoniell, berittenen Ehrengarden, dem Überflug einer Kampfjetstaffel und einem opulenten Dinner im Weißen Haus. Diese Inszenierung hat einen klaren Zweck: Sie soll die vollständige Rehabilitation eines Mannes besiegeln, der nach der Zerstückelung des regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi im Jahr 2018 international diplomatisch isoliert war.

Trump nannte bin Salman einen „sehr guten Freund“ und einen „unglaublichen Mann“. Auf kritische Nachfragen einer Journalistin zum Khashoggi-Mord reagierte der Präsident mit Ausfällen gegen „Fake News“ und der zynischen Bemerkung, dass „Dinge passieren“.

Das Geschäft mit der Sicherheit: Waffen, Atomtechnologie und eine Billionen Dollar

Im Oval Office geht es weniger um Diplomatie als um Transaktionen. Die saudische Agenda ist präzise formuliert und trifft auf einen willfährigen Partner in Trump. Dabei sind die „Deals“ die Trump mit Saudi-Arabien abschließt dabei, den aktuellen Status im sogenannten „Mittleren Osten“ grundlegend zu verändern. So werden Kampfjets des hochmodernen Typs F-35 an das Königreich verkauft werden, trotz der Einwände Israels und der Bedenken der US-Geheimdienste. Dies ist eine Kehrtwende in bisheriger US-Außenpolitik, wo solch avancierten Rüstungstechnologien in der Region nur Israel vorbehalten wurden. Dies geschah, um die militärische Vormachtstellung des Staates in der Region zu festigen.

Zudem sind Gespräche über ein Abkommen am Laufen, welches den Aufbau eines zivilen Atomprogramms fördert und das möglicherweise auch die Stationierung US-amerikanischer Nuklearwaffensysteme auf saudischem Boden beinhalten könnte. Dies wäre zudem an US-Sicherheitsgarantien geknüpft.

Als Gegenleistung hat Kronprinz Mohammed bin Salman angekündigt, die saudischen Investitionszusagen für die USA von 600 Milliarden auf eine Billionen US-Dollar in den nächsten Jahren zu erhöhen. Für Trump, der mit „Investitionen“ und „Arbeitsplätzen” im Wahlkampf punkten kann, ist dies eine willkommene Nachricht. Wie viele Investitionen von diesen Ankündigungen real sind und wie viele davon Trumps typische Übertreibungen, wird sich noch zeigen müssen.

Die Rechnung, die die Trump-Administration für diese Zugeständnisse präsentiert, ist die Normalisierung der Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und Israel im Rahmen der sogenannten Abraham-Abkommen. Dies wäre ein großer außenpolitischer Triumph für Trump.

Gerade diese Normalisierung erlaubt es ein fester Teil des westlichen Machtapparates im mittleren Osten zu werden, anstatt nur ein Zuspieler. Das aktuelle Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und Israel ist somit von einer vorsichtigen Annäherung geprägt, die jedoch an der Palästina-Frage hängt. Während beide Staaten ein strategisches Interesse an einer Normalisierung ihrer Beziehungen haben, bestehen die Saudis auf einer klaren Perspektive für einen unabhängigen Palästinenserstaat als Voraussetzung.

Frieden in Gaza: Mehr Schein als Sein

Trump und die Saudis – ein persönliches Anliegen

Unter der Oberfläche der offiziellen Politik spielen undurchsichtige wirtschaftliche Verflechtungen eine bedeutende Rolle. Trumps Familie pflegt enge Geschäftsbeziehungen in die Golfregion, wo mehrere Trump-brandete Golfplätze und Türme von privaten saudischen Entwicklern gebaut werden.

Noch direkter ist die Verbindung von Trumps Schwiegersohn und ehemaligem Berater, Jared Kushner. Nur Monate nach dem Ende von Trumps erster Amtszeit erhielt Kushners Private-Equity-Fonds ein Startkapital in Höhe von zwei Milliarden Dollar aus dem von Kronprinz Mohammed bin Salman kontrollierten Staatsfonds.

Der Besuch des Kronprinzen im Weißen Haus ist mehr als nur eine diplomatische Routine. Saudi-Arabien befindet sich in einem beispiellosen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruch. Angetrieben von der strategischen Initiative „Vision 2030“ unter der Führung von Kronprinz Mohammed bin Salman transformiert das Königreich seine jahrzehntealte, ölabhängige Wirtschaft in eine diversifizierte Dienstleistungsgesellschaft.

Die Vision 2030 ist eine direkte Antwort auf die drohende Erosion des ölbasierten Wohlstands. Als größter Ölexporteur der Welt generiert Saudi-Arabien noch immer 75 Prozent seiner Staatseinnahmen und 43 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts aus dem fossilen Brennstoff. Das nahende „Peak Oil“-Szenario, mit dem prognostizierten Beginn eines terminalen Nachfrage-Rückgangs um 2030, bedroht die ökonomische Grundlage des Königreichs.

Die strategische Antwort ist keine sozial-ökologische Transformation, sondern eine kapitalistische Umstrukturierung: Der staatliche Public Investment Fund (PIF) soll bis 2030 von ursprünglich 241 Milliarden US-Dollar auf über 2,67 Billionen US-Dollar anwachsen und sich in einen der größten Sovereign Wealth Fonds der Welt verwandeln. Dieses Kapital wird gezielt eingesetzt, um ausländische Technologien zu erwerben, globale Unterhaltungsmonopole zu schaffen und die Abhängigkeit vom Öl durch die Abhängigkeit von anderen kapitalintensiven Sektoren zu ersetzen.

Kultur und Unterhaltung ersetzen Öl

Die erfolgreiche Bewerbung um die FIFA-Weltmeisterschaft 2034 stellt den Höhepunkt einer strategischen Ausrichtung auf Mega-Sportevents dar. Fünf Austragungsorte mit 15 hochmodernen Stadien sind geplant, darunter ein 92.000 Plätze fassendes König-Salman-Stadion in Riad. Diese Infrastrukturprojekte dienen nicht nur der unmittelbaren Wirtschaftsförderung, sondern vor allem der globalen Imagepflege und Positionierung Saudi-Arabiens als „normale“ Nation unter anderen.

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Saudi-Arabien positioniert sich ebenfalls aggressiv als globale Drehscheibe für E-Sport und Gaming. Wie der saudische Investitionsminister Khalid Al-Falih es formulierte: „Das neue Öl ist Sport“. Der Staat investiert 38 Milliarden US-Dollar durch die Savvy Games Group, um Anteile an Gaming-Unternehmen zu erwerben und eine heimische Industrie aufzubauen.

Ebenfalls werden vor allem amerikanische Kulturpersönlichkeiten immer enger an den Hof des Königreiches gebunden. Das im September 2025 stattfindende Riyadh Comedy Festival offenbart die fundamentalen Widersprüche der saudischen Transformation. Während internationale Comedians wie Bill Burr, Dave Chappelle und Kevin Hart für Auftritte bis zu 1,6 Millionen US-Dollar erhielten, wurden gleichzeitig Zensurregeln durchgesetzt, die Witze über die saudische Regierung, das Königshaus und Religion verboten.

Wie Tim Dillon, dessen Auftrittsvertrag nach kritischen Äußerungen auf seinem Podcast gekündigt wurde, zynisch anmerkte: „Sie zahlen mir genug, um wegzuschauen“. Während also Künstler:innen aus Ländern mit Redefreiheit eingeladen werden, bleibt die innere Repression unvermindert: Der Fitness-Influencerin Manahel al-Otaibi drohen 11 Jahre Haft wegen ihrer Online-Forderungen nach Frauenrechten.

Das Riyadh Comedy Festival fand so bewusst im zeitlichen Rahmen des siebten Jahrestags der Ermordung Jamal Khashoggis statt. Die kalkulierte Investition in Entertainment dient der Ablenkung von Menschenrechtsverletzungen. Das Königreich nutzt hochkarätige Events, um von der anhaltenden Repression abzulenken. Diese mittlerweile bekannte Strategie des „Whitewashing“, aber auch des „Sportswashings“ werden dabei immer größer – die kapitalistische Ausbeutung bleibt jedoch dieselbe.

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