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Gewalt in der Geburtshilfe: Selbstbestimmung bleibt für viele eine Wunschvorstellung

Geburten gelten als etwas Besonderes – für viele Frauen enden sie jedoch in Gewalt, Schmerz und Demütigung. Fehlende Aufklärung, Zeitdruck und finanzielle Zwänge in Kliniken erschweren eine sichere und selbstbestimmte Geburt. – Ein Kommentar von Malou Winkler.

„Name it – each woman is a rose!“ heißt der Ruf der Roses Revolution, einer Initiative, die sich mit Gewalt im Kontext von Geburten befasst. Seit 2013 ist die ursprünglich in Spanien gegründete Initiative auch in Deutschland vertreten und gewinnt jedes Jahr an Bekanntheit.

Am 25. November, dem Tag gegen Gewalt an Frauen, legen jedes Jahr mehr Betroffene rosafarbene Rosen vor die Geburtseinrichtungen, in denen ihnen die Gewalt widerfahren ist. Durch Initiativen von Betroffenen und dem Brechen des Schweigens, aber auch Stimmen der Hebammen selbst kommen gewaltvolle Erfahrung mehr und mehr ans Tageslicht.

Gewalt während der Geburt – ein Tabuthema bis heute

Geburten sind in ihrem Ablauf und mit den psychischen und körperlichen Folgen bis heute ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Auch unter den Gebärenden selbst werden die Folgen und Ängste selten thematisiert und es gibt kaum organisierte Austauschmöglichkeiten. Lange Leidensgeschichten über Schmerzen, Inkontinenz oder posttraumatische Belastungsstörungen werden individualisiert und totgeschwiegen. Ein elementarer Faktor, um Komplikationen und traumatische Erfahrungen zu minimieren, sind die Aufklärung über die Durchführung und Nachsorge der Geburt.

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Die Daten, wie viele Frauen Gewalt während und um die Geburt erfahren, schwanken stark. Je nach Quelle liegt die Zahl zwischen 10 Prozent und 50 Prozent. Das hängt auch damit zusammen, dass es keine einheitliche Definition von Gewalt während der Geburt gibt.

In Internetforen für Betroffene decken sich die Berichte: Behandlungsmaßnahmen ohne Zustimmung, schlechte oder gar keine Aufklärung, Anschreien, Nicht-Ernstnehmen und die Folgen davon. Eine klare Einteilung in Gewaltformen, klare Definitionen und Studien fehlen. Sicher unterteilen lassen sich die Gewalttaten in körperliche und psychische Gewalt, selten auch sexualisierte Gewalt:

Unter die körperliche Gewalt fallen spezifisch bei der Geburt angewendete klinische Maßnahmen, die ohne Aufklärung und darauffolgende Einwilligung durchgeführt werden. Das Verweigern von Schmerzmitteln oder geburtseinleitenden Medikamenten – oder gegenteilig: die ungefragte Gabe derselben.

Verschiedene geburtshilfliche Maßnahmen sind seit Jahren in ihrer Anwendung umstritten. Bis heute fehlt das notwendige Studienmaterial und die dazugehörige Finanzierung. Die Forschungsgelder, die in den Bereich Frauengesundheit fließen, sind seit ihrer Existenz marginal, für den Haushalt 2026 sind nur 0,22 Prozent für den Bereich Frauengesundheit vorgesehen.

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Zu diesen Maßnahmen gehört zum Beispiel der umstrittene Kristeller-Handgriff, welcher durch Druck auf den Bauch die Geburt beschleunigen soll. Der Griff hat eine hohe Fehleranfälligkeit und die Wirksamkeit ist nicht sicher belegt. Bereits seit 2018 raten die WHO und Gesundheitsinitiativen von der Anwendung ab.

Betroffene berichten von ungefragten Durchführungen und keinerlei Aufklärung und dass ihnen auch bei Ablehnung kein Gehör geschenkt wird. Die Folgen sind beim Kristeller-Handgriff, aber auch bei anderen Maßnahmen, Gesundheitsgefährdung von Mutter und Kind sowie zum Teil langjährige Beschwerden nach der Geburt.

Neben den klinischen Fehlern und Übergriffen, berichten Betroffene auch von direkten körperlichen Angriffen in Form von Kneifen oder Schlagen. Begründet wird dies damit, die Gebärenden ruhig zu stellen, einzuschüchtern oder den Geburtsprozess voranzutreiben. Gebärende werden fixiert oder in Positionen gezwungen, in denen sie über den Zeitraum der Geburt ausharren sollen. Auch schmerzhafte und unangekündigte vaginale Untersuchungen und gewaltvolles Aufreißen des Muttermundes sowie Dammschnitte ohne Einwilligung gehören dazu.

Die psychische Gewalt ist ebenso vielfältig und reicht von Spötteleien, Anschreien und Beleidigungen zu dem Nicht-Ernstnehmen oder Ignorieren von Aussagen und Schmerzen.

Gute Vor- und Nachsorge braucht finanzielle Mittel

Der Geburtsprozess dauert in der Regel zwischen 4 bis 18 Stunden, von einem Kaiserschnitt abgesehen. Heute gibt es eine Reihe an Vorbereitungsmaßnahmen, die die Schwangeren wahrnehmen können, um sich entsprechend auf die Geburt und die darauffolgende körperliche Rückbildung vorzubereiten.

Reguläre Geburtsvorbereitungskurse werden von der Krankenkasse übernommen. Zusätzlich dazu gibt es eine Vielzahl an Angeboten: Schwangerschaftsyoga, Sport in der Schwangerschaft, Kurse zur Linderung von Rückenschmerzen usw. – mit entsprechenden Teilnahmegebühren, die selbst gezahlt werden müssen.

Ähnlich ist die Sachlage nach der Geburt: Weit verbreitet sind Rückbildungskurse nach der Schwangerschaft, bei denen die Krankenkasse die Kosten übernimmt. Dabei bleiben persönliche Fragen und Problematiken jedoch unbeantwortet und die Kurse gleichen mit hohen Teilnehmerzahlen, kurzer Zeitdauer und wenig Raum für Gespräche eher einer Massenabfertigung.

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Verstärkt wird das durch Bedingungen in der Kostenübernahme der Krankenkassen: Die Rückbildungskurse müssen in einem bestimmten Zeitraum fertig abgeschlossen sein und dürfen nur von lizenzierten Hebammen oder Physiotherapeut:innen durchgeführt werden. Durch die schlechte Vergütung sinken die Angebote der Kurse, wodurch sowohl die Kostenübernahme komplizierter wird als auch die Teilnahmezahlen weiter steigen.

Den Personen wird sowohl in der Vorbereitung als auch der Nachbereitung vermittelt, dass die Geburt etwas Besonderes sei, ein Höhepunkt im Leben oder etwas „Heiliges“. Für Ängste, Unsicherheiten oder Gewalterfahrungen gibt es keine Angebote.

Dementsprechend selten sind Anlaufstellung für Beratung bei Gewalterfahrungen und mit der Bewertung der Erfahrung werden die Betroffenen alleine gelassen. Dabei spielt Scham eine große Rolle: Die Schuld wird primär bei den Betroffenen selbst gesucht, die die Geburt nicht als etwas besonders Schönes empfunden haben, sondern lange mit den Folgen und Erinnerungen zu kämpfen haben.

Die Aufklärung in diesem Bereich findet hauptsächlich über Initiativen von Frauen im Bereich Gesundheitsforschung oder den Betroffenen selbst statt. Dort werden nicht nur Erfahrungsberichte geteilt, sondern auch über Gewalt im Geburtenkontext aufgeklärt. Dabei bleibt es bisher bei Onlineplattformen und Petitionen.

Zuletzt hatte die Initiative für eine gerechte Geburtshilfe in Deutschland 2018 eine Petition im Bundestag eingereicht, in der sowohl eine Datenerfassung als auch gesetzliche Veränderungen gefordert wurde. Die Antwort folge zweieinhalb Jahre später mit der Aussage, dass alle Maßnahmen der WHO weitestgehend umgesetzt werden.

Zeitknappheit und Unterfinanzierung als Ursachen

Seit Jahren steigt die Rate an Kaiserschnitten und mit knapp 30 Prozent in Deutschland ist die Rate im EU-Vergleich sehr hoch. Das liegt nicht nur daran, dass die Vorsorge eine bessere geworden ist und die Sterblichkeit von Müttern und Neugeborenen dadurch minimiert wird. Ein Kaiserschnitt dauert zwischen einer halben Stunde bis Stunde, eine Geburt im Durchschnitt 13 Stunden. Eine gute Planbarkeit und der schnelle Ablauf sowie eine höhere Vergütung durch die Fallpauschale machen es für Kliniken weniger zeitintensiv und lukrativer, wenn Frauen mit Kaiserschnitten gebären.

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Dass die negativen Erfahrungen so häufig sind, lässt sich genau damit erklären: Erwartet wird Effizienz, eine schnelle und unkomplizierte Geburt, wenig Schmerzen, keine Extrawünsche. Die Klinik arbeitet in Deutschland nach Profit, welcher am höchsten ist bei kurzen Zeitfenstern und standardisierten Verfahren.

Wird nur einer dieser Faktoren nicht erfüllt, kommt es aufgrund des eng getakteten Zeitplans, einer starken Unterfinanzierung im Geburtensektor und den regelmäßigen Überstunden zu den oben genannten Folgen. Das Problem wird damit auf die Gebärenden ausgelagert, die sich nicht an den streng getakteten Alltag der Klinik halten können, anstatt auf das Gesundheitssystem selbst.

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