Zeitung für Solidarität und Widerstand

Innenministerkonferenz: Massive Eingriffe in Fußball-Fankultur geplant

Anfang Dezember entscheiden die Inneminister:innen über neue Maßnahmen, um die deutsche Fankultur zu kontrollieren. Sechs Folien der Konferenz wurden geleaked. Dagegen bildet sich nun ein breiter Widerstand – in einigen Medien, den Kurven und vereinsübergreifend in Leipzig auf der Straße.

Vom 3. bis zum 5. Dezember 2025 treffen sich die Innenminister:innen der 16 deutschen Bundesländer zur 2. Sitzung der Innenministerkonferenz (IMK) 2025 in Bremen. Die erste Sitzung fand bereits im Juni in Bremerhaven statt und befasste sich mit Themen wie der inneren Sicherheit, Katastrophenschutz und Glücksspiel. Die zweite Runde wird sich nun schwerpunktmäßig mit Themen rund um die Sicherheit in Fußballstadien beschäftigen. Im Vorfeld kam es bereits immer wieder zu populistischen Äußerungen einzelner Politiker:innen, die auf mögliche Ziele der IMK schließen lassen.

Innenministerien fordern mehr „Sicherheit“

Die Innenministerin Niedersachsens Daniela Behrens (SPD) wird seit geraumer Zeit nicht müde zu betonen, wie gefährlich das Niedersachsenderby zwischen Eintracht Braunschweig (BTSV) und Hannover 96 sei. Sie brachte personalisierte Tickets ins Gespräch und sorgte für ein reduziertes Gästekontingent beim Derby. Der BTSV sprach in der Folge davon, dass eine Personalisierung der Tickets bei einem vollen Gästeblock nicht umsetzbar wäre. Doch um die praktische Umsetzung geht es Behrens auch nicht.

Der Diskurs ist längst zu einer persönlichen Fehde zwischen einer beleidigten Innenministerin und unnachgiebigen Fanszenen verkommen. Dieser Disput steht stellvertretend für das Verhältnis zwischen Innenminister:innen und dem Fußballkosmos. Der Bremer Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) streitet sich seit Jahren mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL) um die Umlage der Polizeikosten für Hochrisikospiele.

Wer zahlt für die „Hochrisikospiele“?

Der Innenminister von NRW Herbert Reul (CDU) will die Vereine und Stadionbesitzer:innen in Bezug auf Sicherheit in die Pflicht nehmen und klärt Fans über ihre Fankultur auf. Zu allem Überfluss schlägt sein bayerischer Amtskollege Joachim Herrmann (CSU) in dieselbe Kerbe und postuliert etwas in Richtung von Kollektivstrafen, personalisierten Tickets, Schnellgerichten und Spielabbrüchen.

Die Äußerungen geben einen Vorgeschmack auf die zu erwartenden Ergebnisse der IMK. Vorausgegangen war dieser Dynamik ein Beschluss der letztjährigen Innenministerkonferenz unter dem Titel „Fußball ohne Gewalt: Maßnahmen zur Eindämmung von Gewalt und zur Stärkung der Sicherheit in Fußballstadien“. Es wurde ein Arbeitskreis, namens „Bund-Länder-offenen-Arbeitsgruppe (BLoAG)“,  gebildet – bestehend aus „Vertreter von Politik, Polizei, dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), der Deutschen Fußball Liga (DFL) und der Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS)“.

Diese BLoAG hat sich nun ein Jahr später auf Forderungen geeinigt, die bei der anstehenden 2. IMK 2025 vorgestellt und diskutiert werden sollen. Dem Dachverband der Fanhilfen gelang es, an die Präsentation der Resultate der Geheimtreffen zu kommen und veröffentlichte diese auf Bluesky.

Sechs Folien gegen die gelebte Fankultur

Aus der Präsentation geht hervor, welche Ziele die BLoAG verfolgt und wie sie diese erreichen will. Als Aufhänger wird ein vermeintliches Sicherheitsproblem in deutschen Stadien heraufbeschworen und der Verwendung von Pyrotechnik der Kampf angesagt. Zudem sollen die Einsatzstunden der Polizei reduziert werden. In der Präsentation wird gleichzeitig die „Erhaltung der einzigartigen Fankultur in Deutschland“ formuliert, während massive Eingriffe vorgeschlagen werden.

Als erste Maßnahme soll eine zentrale Stadionverbotskommission von DFL und DFB geschaffen werden. Bisher waren diese Entscheidungen zumeist lokalen Stadionverbotskommissionen der verschiedenen Clubs vorbehalten. Diese sollen zwar nicht aufgelöst werden, aber fortan eher beratender Natur sein. Der Politik ist der Rückgang der Stadionverbote ein Dorn im Auge, weswegen sie zukünftig die bisherigen Spielregeln ändern und bei eigener Einleitung eines Ermittlungsverfahrens direkt ein Stadionverbot aussprechen möchte.

Wie willkürlich die Polizei ein solches einleitet, ist hinreichend bekannt. Die Gefahr besteht, dass durch diese Handhabung Strafanzeigen noch häufiger gestellt werden. Schon jetzt existiert die Möglichkeit, ohne Verurteilung ein Stadionverbot zu erhalten; doch das wurde vielerorts durch die lokale Stadionverbotskommission bis zur Verhandlung ausgesetzt.

Der zweite Punkt umfasst die Stadionsicherheit. Neben verpflichtenden Sicherheitsbeauftragten (Anzahl je nach Ligazugehörigkeit) und besserer Abstimmung zwischen Behörden und Vereinen soll vor allem ein „personalisiertes EDV-gestütztes und manipulationssicheres Check-In-System“ entstehen. Fans befürchten, hinter diesem verklausulierten Satz stecken verschärfte Einlasskontrollen zum Beispiel mit künstlicher Intelligenz oder Gesichtserkennung. Bezüglich der Personalisierung der Tickets wurde wohl bisher noch kein Konsens gefunden.

Drittens und letztens sollen durch sogenannte „Stadionallianzen“ Präventionsarbeit geleistet werden. Die DFL beschreibt das Konzept wie folgt: „Ziel der Stadionallianzen ist die Intensivierung und Weiterentwicklung der Zusammenarbeit von Clubs, Fanprojekten, städtischen Behörden und polizeilichen Sicherheitsbehörden bei der Organisation und Durchführung von Fußballspielen.“

Kritik aus Politik und den Fankurven

An den Plänen der IMK gibt es massive Kritik. Der sportpolitische Sprecher der Hamburger Linksfraktion Martin Wolter beispielsweise erklärte, der Innensenator Andy Grote (SPD) habe sich „weit aus dem Fenster gelehnt“. „Sollte er den geplanten Maßnahmen zustimmen“, so Wolter, outet Grote sich als „Feind der Fankultur und des Fußballs.“

Die größten Kritiker:innen der Forderungen der IMK sind selbstverständlich die Betroffenen. Überregionale Fanorganisationen, Fanhilfen und Ultragruppierungen warnen schon seit geraumer Zeit vor dem ausufernden Sicherheitswahn und verweisen dabei auf eine aktuelle Statistik. Ende Oktober 2025 wurde der neue Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) für die Saison 2024/25 vorgestellt. Die ZIS ist der Polizei zugehörig – die Erhebung also von einem der Akteure, der die Verschärfung sicherheitspolitischer Maßnahmen in Stadien maßgeblich vorantreibt.

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: trotz eines Anstiegs der Zuschauerzahlen von rund einer Million in den ersten drei Profiligen sanken sowohl die eingeleiteten Strafverfahren (um 22 Prozent) als auch die verletzten Personen (um 17 Prozent) und die Arbeitsstunden der Polizei (um neun Prozent) im Vergleich zur Vorsaison. Diese ZIS-Statistik spricht gegen die „Sicherheitsbedenken“ der Innenminister:innen.

Danny Grauper vom Dachverband der Fanhilfen e.V. erklärte hierzu, die Stadien seien „sichere Orte“ und es gebe „keinen Grund“ für weitere „unverhältnismäßige Maßnahmen gegen Fans“. Den von den Innenminister:innen aktuell vorangetriebenen Plänen für „drastische Verschärfungen“ bei der Vergabe von Stadionverboten „mit der Gießkanne“ sowie zur Einführung von personalisierten Eintrittskarten fehle somit die faktenbasierte Grundlage. Die Innenminister:innen und Verbände müssen diesen „Irrweg“, der die Fankultur „beerdigen“ würde, endlich beenden. Es müsse Schluss sein mit der „Geheimniskrämerei von Politik und Verbänden hinter verschlossenen Türen“.

Gemeinsame Demonstration der deutschen Fanszenen

Bereits seit einigen Wochen werden in verschiedenen Stadien gemeinsame Spruchbandaktionen vom „Fanszene Deutschlands“-Bündnis initiiert und kürzlich wurde eine Stellungnahme unter dem Namen „Ein Damoklesschwert schwebt über unserem Fußball!“ veröffentlicht. In diesem Statement fordern die Fanszenen eine Reduzierung von Polizeieinsätzen und Überwachungskosten. Zudem sollte die Rechtsstaatlichkeit gewahrt bleiben und Stadionverbote nicht präventiv oder auf Verdacht verhängt werden.

Abschließend wird „mehr Anerkennung für den Mehrwert der deutschen Kurven“ gefordert. Darunter versteht die Initiative unter anderem die Akzeptanz von Pyrotechnik und die Ablehnung der Überwachung von Fußballfans durch personalisierte Tickets. Um die Bedeutsamkeit ihres Anliegens zu unterstreichen, greift der Fanzusammenschluss zu einem äußerst seltenen Mittel.

Vor 15 Jahren fand in Berlin das letzte Mal eine überregionale große Fandemonstration unter dem Slogan „Für den Erhalt der Fankultur“ statt. Insgesamt beteiligten sich damals 6.000 Ultras unterschiedlichster Fanszenen aus ganz Deutschland. An diesen Sonntag, den 16. November 2025, planen die „Fanszenen Deutschlands“, erneut die Kräfte zu bündeln und zusammen gegen den Sicherheitswahn der Innenminister:innen in Leipzig auf die Straße zu gehen. Aufgerufen wird dazu, sich unter dem Titel „Der Fußball ist sicher! Schluss mit Populismus! – Ja zur Fankultur!“ in Vereinskleidung am Sonntag um 11:30 Uhr in der Goethestraße nahe des Leipziger Hauptbahnhof einzufinden.

Perspektive Online
Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!