Zeitung für Solidarität und Widerstand

Kinderarmut 2024: Jedes siebte Kind armutsgefährdet

Jedes siebte Kind ist armutsgefährdet, fast jedes zehnte wächst mit erheblichen Einschränkungen in Fragen von gemeinsamer Freizeitgestaltung auf. Besonders junge Mädchen sind dadurch von Einsamkeit betroffen.

Sowohl UNICEF als auch das Statistische Bundesamt (Destatis) veröffentlichten innerhalb der letzten Woche Berichte über das Wohlergehen der etwa 14 Millionen Kinder in Deutschland. Im Vergleich zum letzten Jahr ist dabei die Zahl der Kinder, die von Armut gefährdet sind, von 14 Prozent auf 15,2 Prozent gestiegen.

Eine Person gilt dann als armutsgefährdet, wenn sie weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. Das Nettoäquivalenzeinkommen ist ein gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen, das das Einkommen von Personen unter Berücksichtigung von Haushaltsgröße und -zusammensetzung vergleichbar macht.

Fast jedes zehnte Kind lebt mit erheblichen Einschränkungen

Laut dem UNICEF Bericht leben etwa 9,3 Prozent der Kinder bereits mit erheblichen Einschränkungen im alltäglichen Leben. Das heißt, dass sie sich keine gesunden Mahlzeiten, mehrere Schuhpaare, Freizeitaktivitäten oder einen einwöchigen Urlaub leisten können.

Besonders betroffen sind davon laut destastis Minderjährige mit Einwanderungsgeschichte. Sie sind viermal so häufig von Armut gefährdet wie gleichaltrige ohne Einwanderungsgeschichte und machen dabei unter Kinder und Jugendlichen ganze 28,1 Prozent der Bevölkerung aus.

Besonders auffällig ist, dass in Deutschland, als eines der reichsten Länder der Welt, nicht nur im Vergleich zu Norwegen oder Finnland, sondern auch zu Portugal oder Slowenien relativ viele Kinder in Armut leben.

Deutschland: Wer kann sich Schule leisten?

Kinderarmut führt zu Einsamkeit – besonders Mädchen sind betroffen

Ein Symptom von Kinderarmut ist eine stärkere Isolation. Mehr Kinder fühlen sich einsam. Besonders allein gelassen werden dabei Mädchen. Im Vergleich zu 11 Prozent bei den Jungen gaben fast ein Drittel der Mädchen an, sich fast immer einsam zu fühlen. Auch von Lehrer:innen werden sie nicht ausreichend unterstützt.

Kinder reicherer Familien berichten dabei seltener von Einsamkeit, die Schere zwischen am besten und am wenigsten unterstützten Kindern wird dabei immer größer. Der Bericht misst außerdem das psychische Wohlbefinden von Kindern von einer Skala von 0 bis 100. Der Wert von Mädchen aus ärmeren Familien lag bei 51, direkt an der Grenze von 50, die ein Hinweis auf Depressionen sein könnte. Im Vergleich lag der Wert bei Jungen aus reichen Haushältern bei 70.

Armut führt zu ungleichen Bildungsmöglichkeiten

Laut dem UNICEF Bericht ist die Menge an Kindern, die nicht gut lesen können, von 20 Prozent aus dem Jahr 2018 auf 25 Prozent gestiegen. 40 Prozent können nicht gut mit Computern umgehen und Informationen gezielt suchen und über ihre Richtigkeit überprüfen.

Einschnitte in der Bildung: Schere der sozialen Ungleichheit geht auseinander

Eine völlig zufällige Entwicklung oder gar rein durch die wirtschaftliche Lage erklärbare Situation ist dies jedoch nicht. Viele Schulen befinden sich in einem schlechten Zustand und benötigen mehr Förderung, auch für Projekte, die ärmere Familien unterstützen können. Während Schulen unterfördert bleiben, steigen gleichzeitig die Ausgaben für Rüstung und Co.

Einschnitte in sozialen Bereichen und weitere Angriffe auf die Arbeiter:inneklasse werden in Zukunft also wahrscheinlich zu einem weiteren Anstieg der Kinderarmut führen. Ein Rückgang ist derzeit nicht in Sicht.

Perspektive Online
Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!