Im Boden des östlichen Mittelmeeres liegen Erdgasvorkommen von signifikanter Größe. Die Staaten der Region, aber auch Großmächte, streiten sich um die Rechte zur Förderung dieser Ressourcen. Die USA unterzeichneten jüngst einen Deal mit Griechenland – aber wollen auch mit der Türkei die Wogen glätten.
Auf der Schiffsroute zwischen den viel beachteten Kriegsschauplätzen der Ukraine und Westasiens befindet sich ein weiterer Konfliktherd der seit Jahrzehnten die Staatenwelt in Unruhe versetzt: das östliche Mittelmeer. So ist die strategisch wichtige Insel Zypern im Zentrum bereits seit der türkischen Invasion im Jahr 1974 zwischen der griechisch geprägten Republik Zypern im Süden und einem türkischem Nordteil gespalten.
Konflikt um Zypern: Griechenland stockt Militär gegenüber Türkei auf
In Libyen herrscht seit 2011 Bürgerkrieg, wobei das Land de-facto in eine West- und Osthälfte geteilt ist. Im Westen befindet sich eine international anerkannte und von westlichen Mächten unterstützte Regierung mit Sitz in Tripolis. Der Ostteil, deren politisches Zentrum die Stadt Bengasi ist, steht primär unter der Kontrolle der Miliz von Khalifa Haftar. Die Haftar-Miliz wird hierbei von Russland, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt.
Zu beachten ist jedoch, dass beide Seiten gelegentlich miteinander kooperieren und die ausländische Unterstützung ebenso flexibel ist. Das zeigt sich vor allem in der europäischen Abschottungspolitik gegen Fluchtbewegungen in der Region.
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Zwischen Diplomatie und Kanonenbootpolitik
Nun entstehen in dem Ringen der Regional- und Großmächte um Einfluss im Mittelmeerraum neue Dimensionen, was durch die Entdeckung von Erdgasvorkommen in der Nähe von Zypern im Jahr 2011 angestoßen wurde. Amerikanischen Untersuchungen zufolge befindet sich im östlichen Mittelmeer eine entsprechende Menge an Erdgas, mit der sich theoretisch der deutsche Verbrauch für 40 Jahre decken ließe.
Die Türkei schickte beispielsweise im Jahr 2020 ein Forschungsschiff für Probebohrungen in griechisch beanspruchte Gewässer, wobei Kriegsschiffe für die Eskorte zuständig waren. Es folgte ein diplomatischer Eklat und die verstärkte Aufrüstung der griechischen Marine und Luftwaffe.
Türkei und Griechenland: Streit um Territorien und Erdgasvorkommen im Mittelmeer
Die aktuelle Entwicklung schwächt die Position der Türkei erheblich. Die ostlibysche Regierung hat ein seit 2019 geplantes Abkommen über die Erdgasförderung mit Ankara nicht ratifiziert. Es hätte der Türkei ermöglicht, eine Art Korridor im Mittelmeer zu schaffen, in dem nur die Türkei das Erdgas förden dürfe. Griechenland und Ägypten setzten 2020 als Reaktion auf diese Missachtung der griechischen Ansprüche einen eigenen Vertrag auf, der ihre Ausschließlichen Wirtschaftszonen (AWZ) festlegen sollte.
Ausschließliche Wirtschaftszonen (AWZ) sind Meeresgebiete, die sich bis zu 200 Seemeilen vor der Küste eines Staates erstrecken, in denen dieser das alleinige Recht zur Nutzung der wirtschaftlichen Ressourcen hat.
Da weder Athen noch Ankara von ihren Forderungen abrücken, sehen sich nun die USA in der Position, den Konflikt zwischen den beiden formellen NATO-Verbündeten zu schlichten. Nach amerikanischer Vorstellung soll eine „Vier-Länder-Konferenz“ von Griechenland, der Türkei, Ägypten und Libyen zu einer Einigung führen.
Am 7. November unterzeichneten die USA und Griechenland jedoch auch einen 20-jährigen Vertrag zur Versorgung Europas mit LNG (Liquified Natural Gas). Dieser soll ab 2030 die bisherige Importmenge an US-LNG um 2 Milliarden Kubikmeter pro Jahr erhöhen. Laut griechischem Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis soll der Großteil des Gases über die Transbalkan-Pipeline unter anderem in die Ukraine exportiert werden.
Zahlreiche Akteure, zahlreiche Ziele
Es lässt sich vermuten, dass wohl auch die USA Interesse am mediterranen Erdgas haben, was sich z.B. am Treffen des amerikanischen Konzerns Chevron mit Vertretern der libyschen Regierung erkennen lässt. Die Mitgliedsstaaten der EU bekunden ebenso Interesse, vor allem nach dem Beginn des Ukrainekrieges und dem erklärten Ziel von russischen Importen unabhängig zu werden. Ferner schwächt der Konflikt den Zusammenhalt des NATO-Bündnisses, weswegen die USA und EU ein Interesse haben, dass es dort nicht zu einer Eskalation kommt.
Aber auch Ägypten zieht Nutzen aus seiner Beteiligung am Streit um das Erdgas. Die Militärregierung unter Abdel-Fattah Al-Sissi strebt eine Annäherung an den westlichen Machtblock an, was sich beispielsweise auch an der Kooperation mit Israel zeigt.
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Das Interesse der beiden Hauptkonfliktparteien – der Türkei und Griechenland – geht allerdings auch über den reinen Profit der Erdgasförderung hinaus. Die griechische Wirtschaft wurde durch die ab 2013 einsetzende Eurokrise schwer getroffen, und die von der EU und vor allem Deutschland diktierten Sparmaßnahmen sorgten für erheblichen Unmut in der Bevölkerung. Somit besteht hier die eindeutige Absicht, mit der Förderung von Erdgas die eigene Machtposition gegenüber dem Rest der EU zu stärken. Das äußert sich auch in der massiven Aufrüstung Griechenlands.
Türkei und Griechenland: Streit um Territorien und Erdgasvorkommen im Mittelmeer
Aber auch die Türkei steckt tief in einer Wirtschaftskrise. 58,5 Prozent betrug die Inflationsrate im Jahr 2024. Auch hier könnte der Export des gefragten Rohstoffes Erdgas die Machtposition gegenüber der EU stärken. Es bleibt abzuwarten, ob das formelle Militärbündnis zwischen Griechenland und der Türkei bestehen bleibt oder ob sich letztere einem anderen Machtblock zuwendet, um im Mittelmeer freie Hand zu haben.

