Der neue Hebammenhilfevertrag bringt weniger Geld, mehr Bürokratie – und trifft vor allem diejenigen Frauen, die den Beruf tragen und die Kinder gebären. Laut einer aktuellen Umfrage denkt fast jede zweite Hebamme über einen Ausstieg nach.
Seit dem 1. November gilt in Deutschland ein neuer Hebammenhilfevertrag – und sorgt bereits kurz nach Inkrafttreten für erhebliche Unruhe in der Branche. Nach Einschätzung des Deutschen Hebammenverbands (DHV) könnten viele freiberufliche Beleghebammen durch die neuen Vergütungsregeln im Schnitt bis zu 20 Prozent weniger verdienen. Eine aktuelle Umfrage zeigt: Fast jede zweite Hebamme denkt inzwischen über einen Berufswechsel nach.
Minutengenaue Abrechnung statt Pauschale
Mit dem neuen Vertrag soll die Eins-zu-eins-Betreuung unter der Geburt gefördert werden. Hebammen, die sich ausschließlich einer Gebärenden widmen, erhalten dafür künftig einen Zuschlag. Informationen des WDR zufolge sieht die Vereinbarung aber vor, dass die Vergütung sinkt, wenn eine Hebamme mehrere Frauen parallel betreut: Für eine zweite, gleichzeitig betreute Gebärende sollen nur noch 70 Prozent des ursprünglichen Honorars gezahlt werden, für eine dritte entsprechend weniger. Andere Hebammen sprechen gar von noch größeren Einbußen bei der Betreuung weiterer Frauen.
Neu ist auch, dass nicht mehr pauschal pro Geburt, sondern minutengenau abgerechnet wird. Was laut Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) zu einer „gerechteren Bezahlung nach tatsächlichem Aufwand“ führen soll, sorgt bei vielen Hebammen für Verunsicherung: „Wir rechnen mit bis zu 30 Prozent weniger Einnahmen“, fürchtete Beleghebamme Melanie Micheliu bereits im Vorfeld.
Kritik aus der Praxis: Mehr Bürokratie, weniger Planungssicherheit
Die freiberufliche Hebamme Imke Stein vom Hebammenkontor Altona beschreibt den Vertrag als „realitätsfern“. Zwar gäbe es Zuschläge für die exklusive Betreuung einer Frau, doch die meisten Hebammen müssten in der Klinik mehrere Geburten gleichzeitig begleiten. „Ich trage auch für die zweite, dritte oder vierte Frau die volle Verantwortung, werde aber nicht entsprechend bezahlt“, so Stein.
Neben möglichen Gehaltseinbußen kritisieren viele Hebammen den gestiegenen bürokratischen Aufwand. Die minutengenaue Erfassung jeder Tätigkeit erschwere die Arbeit im Kreißsaal zusätzlich. Außerdem entfällt künftig die Vergütung für ambulante Tätigkeiten im Krankenhaus – etwa die Betreuung von Frauen mit leichten Komplikationen oder die Kontrolluntersuchungen bei Unwohlsein. Diese Leistungen dürfen freiberufliche Hebammen nur noch abrechnen, wenn sie in speziellen Hebammenambulanzen erbracht werden.
Krankenkassen sehen Vorteile
Der GKV-Spitzenverband hält die Kritik für überzogen. Die neuen Regelungen würden sowohl die Versorgung von Gebärenden als auch die wirtschaftliche Situation der freiberuflichen Hebammen verbessern, heißt es auf Anfrage des WDR.
Durch die stärkere Förderung der Einzelbetreuung werde die Qualität der Geburtshilfe steigen. Dass parallel betreute Geburten geringer vergütet würden, sei die logische Konsequenz dieser Neuausrichtung.
Sorge um Versorgung und Berufszukunft
Anders sieht das die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Sie warnt, dass die neuen Bestimmungen die Arbeit freiberuflicher Hebammen einschränken und die Versorgung verschlechtern könnten. Wenn Hebammen nur noch stationäre Patientinnen betreuen dürfen, drohten Verzögerungen bei der ambulanten Betreuung und damit Risiken für Mutter und Kind.
Eine Ende Oktober veröffentlichte Studie der Opta-Data-Zukunftsstiftung und des Deutschen Hebammenverbands zeigt, wie angespannt die Stimmung in der Berufsgruppe ist: 44 Prozent der befragten Hebammen denken über einen Berufswechsel nach. Hauptgründe sind die unzureichende Bezahlung, zu viel Bürokratie und hohe laufende Kosten.
Hebammenvertrag: Auf dem Rücken der Frauen
Für die Geburtshilfe bedeutet der neue Hebammenvertrag also konkret: Wenn Hebammen künftig weniger verdienen, steigt das Risiko, dass noch mehr von ihnen den Beruf verlassen werden – mit Folgen für Schwangere, die ohnehin zunehmend Schwierigkeiten haben, eine Betreuung zu finden: „Es wird noch schwerer werden, eine Hebamme zu bekommen“, warnt Imke Stein. „Und am Ende trifft das wieder die Familien und vor allem die Frauen“.
Das gilt dabei nicht nur für Gebärende, denn dieser Beruf ist auch im Jahr 2025 eine Frauendomäne. Laut dem Deutschen Hebammenverband gibt es in Deutschland rund 26.000 Hebammen, davon sind etwa 10.000 in Kliniken fest angestellt, der Rest arbeitet freiberuflich oder in Teilzeit. Genaue Statistiken über das Geschlechterverhältnis in der Geburtenhilfe gibt es nicht – schätzungsweise gibt es in Deutschland allerdings nur 20 bis 30 männliche Hebammen.

