Zeitung für Solidarität und Widerstand

Patriarchale Gewalt in Beziehungen: „Verantwortung und Schuld liegen niemals bei den Betroffenen, sondern immer bei den Tätern.“

Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen haben wir mit Lena Müller* gesprochen, die in ihrer Beziehung psychische Gewalt erlebt hat. Sie möchte berichten, welche Hürden es beim Schutz gibt und welche Unterstützung ihr tatsächlich geholfen hat.

Heute ist der 25. November, der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Warum ist es dir wichtig, gerade jetzt über deine Erfahrungen zu sprechen?

Der 25. November ist wichtig, weil er zeigt, dass Gewalt gegen Frauen kein Einzelfall ist. Auch ich habe Gewalt erlebt – und ich weiß, wie viele von uns betroffen sind. Heute darüber zu sprechen heißt, sichtbar zu machen, was sonst oft unsichtbar bleibt.

Du hast in Deiner Beziehung psychische Gewalt durch deinen (Ex-)Partner erlebt und dich vor einigen Monaten getrennt. Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass etwas in der Beziehung nicht stimmt oder dich belastet?

Es war ein schleichender Prozess. Immer wenn ich etwas Kritisches gesagt habe, hat er für mehrere Tage den Kontakt abgebrochen und mich dafür bestraft – irgendwann habe ich mich gar nicht mehr getraut, etwas zu sagen. Er hat Türen geknallt und einmal auch gegen die Wand geschlagen als er wütend wurde. Er hat behauptet, meine Freundinnen seien gegen unsere Beziehung, nur um mich zu isolieren. Wenn ich etwas ansprach, hieß es: „Das habe ich nie gesagt“, sodass ich irgendwann selbst an meiner Wahrnehmung gezweifelt habe.

Mit der Zeit war ich ständig angespannt, habe nur noch darauf geachtet, wie sich seine Stimmung verändert, und mein Verhalten komplett angepasst. Da wurde mir klar, dass etwas überhaupt nicht stimmt.

Wie ging es dann nach der Trennung weiter?

Nach der Trennung hat er nicht aufgehört, mich unter Druck zu setzen. Er hat mich beleidigt, ist plötzlich vor meiner Tür aufgetaucht, obwohl ich klar gesagt hatte, dass ich keinen Kontakt mehr will. Als ich ihn blockiert habe, schrieb er von neuen E-Mail-Adressen weiter. Er hat morgens Sturm geklingelt. Meine Sachen hat er wochenlang zurückgehalten, nur damit ich wieder mit ihm reden muss.

Er hat sogar meine Eltern angeschrieben, sich selbst verletzt und mir die Schuld dafür gegeben. Ständig wollte er irgendetwas zurück, das er mir geschenkt hatte – einfach nur, um Macht über mich zu behalten. Und dann diese Drohung, dass er „immer einen Weg finden wird, mich zu erreichen“. Ich habe sehr viel Angst, was passieren könnte und gleichzeitig bin ich unglaublich wütend.

Das klingt sehr heftig. Du hast Dir ja sicherlich irgendwie Hilfe gesucht. Wie hast du das Thema Gewaltschutz erlebt – zum Beispiel eine Schutzanordnung oder Unterstützung durch Behörden?

Ja, diese Situation war für mich unglaublich belastend und hat mir ein starkes Gefühl von Hilflosigkeit gegeben. Ich habe mir deshalb rechtliche Unterstützung durch eine Anwältin gesucht. Wir haben über eine Gewaltschutzanordnung gesprochen, also eine Verfügung, die verhindern soll, dass der Täter sich mir nähert. Meine Anwältin hat mir offen erklärt, dass es gerade zu Beginn oft so ist, dass sich die Situation zunächst eher verschlimmert, wenn man eine solche Schutzmaßnahme beantragt. Übrigens hat der Täter bei einer Gewaltschutzanordnung volle Akteneinsicht – kann also auch die Adresse der Betroffenen sehen…

Eine große Sorge ist auch, dass die Anhörung mit dem Täter zusammen stattfinden muss. Gesetzlich gibt es zwar die Möglichkeit, Anhörungen getrennt durchzuführen, also dass Betroffene und Täter nicht gleichzeitig im Raum sind, aber in der Praxis werden die Anhörungen meist gemeinsam angesetzt. Meine Anwältin hat mir klargemacht, dass ich damit rechnen muss, dass ich dem Täter in der Anhörung begegnen werde – allein das macht mir schon sehr große Angst.

Ein Frauenhaus habe ich gar nicht erst in Betracht gezogen, da es viel zu wenige Plätze gibt.

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Und Polizei?

Meine Anwältin meinte, man könnte versuchen, Unterstützung bei speziell ausgebildeten Polizistinnen für Gewaltschutz zu bekommen – in meiner Stadt soll es ein oder zwei solcher Beamtinnen geben. Allerdings ist es sehr schwer, tatsächlich Zugang zu diesen zu bekommen.

Ich selbst hatte bereits genug Kontakt mit der Polizei und habe auch von anderen genug Erfahrungen gehört, um zu wissen, dass es nicht einfach ist, verlässliche und einfühlsame Unterstützung zu bekommen. Oft wird einem nicht geglaubt und man ist gezwungen, die ganze Geschichte mehrmals zu erzählen – in einer Art und Weise, als wäre man selber der Täter und nicht die Betroffene. Das kann retraumatisierend sein.

Von vielen Menschen habe ich außerdem schon oft gehört, dass die Polizei in solchen Fällen wenig oder gar nicht eingreift. Da ist vielleicht auch nicht verwunderlich, dass 2023 fast jeden Tag eine Frau aufgrund ihres Geschlechts getötet wurde.

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Das heißt, auf den Staat war kein Verlass. Welche Unterstützung war für dich am wichtigsten?

Die wichtigste Unterstützung kam für mich von meinen Genoss:innen, also den Menschen, mit denen ich politisch aktiv bin. Sie waren jederzeit erreichbar – Tag und Nacht – und waren innerhalb von fünf Minuten da, wenn der Täter vor meiner Tür stand.

Sie haben mir geholfen, meine Sachen zurückzubekommen, dem Täter deutlich gemacht, dass er keinen Kontakt zu mir haben darf, und mich zu meiner Anwältin gebracht sowie wieder abgeholt. Vor allem aber waren sie emotional für mich da und haben mir in einer sehr belastenden Zeit Sicherheit und Rückhalt gegeben. Besonders die Verbundenheit zu den anderen Frauen gibt mir das Gefühl, nicht alleine zu sein.

Du hast ja schon viele Gründe genannt, warum du am 25. November auf die Straße gehst. Gibt es etwas, das du Betroffenen oder der Öffentlichkeit noch mitgeben möchtest?

Psychische Gewalt ist oft unsichtbar, wird bagatellisiert oder verleugnet, aber sie hinterlässt tiefe Spuren. Ich möchte, dass wir Betroffenen uns nicht länger verstecken, sondern anfangen, offen über unsere Erfahrungen zu sprechen, denn nur so kann sich etwas ändern.

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Zu oft hört man Sätze wie: „Warum hast du denn nicht früher etwas gesagt?“, „Warum bist du mit ihm zusammengekommen?“ oder „Warum hast du dich nicht früher getrennt?“ Dazu möchte ich ganz klar sagen: Täter sind oft extrem geschickt darin, langsam Kontrolle, Abhängigkeit und Angst aufzubauen – weit mehr, als man zunächst erkennt. Verantwortung und Schuld liegen niemals bei den Betroffenen, sondern immer bei den Tätern.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns vernetzen, uns gegenseitig unterstützen und sichtbar werden. Jede Geschichte, die erzählt wird, bricht das Schweigen ein Stück weit, stärkt andere Betroffene und zeigt der Öffentlichkeit, dass patriarchale Gewalt kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles ist. Am 25. November gehen wir deshalb auf die Straße: um Solidarität zu zeigen, um aufmerksam zu machen – und um zu sagen, dass wir nicht länger schweigen werden.

*Für das Interview wurde der Name der Interviewten abgeändert. Der echte Name ist der Redaktion bekannt.

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