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Patriarchale Gewalt und Rechtsruck ziehen an – Frauen kämpfen dagegen Hand in Hand

Die Zahlen zu patriarchaler Gewalt steigen seit Jahren an und kommen in allen gesellschaftlichen Formen zum Ausdruck. Kriegsvorbereitungen und Rechtsruck verschärfen die Lebenssituationen von Frauen immer mehr. Am Tag gegen Gewalt an Frauen kämpfen Frauen weltweit für ihre Befreiung. – Ein Kommentar von Aziza Mounir.

Im Jahr 1960 wurden die drei Mirabal-Schwestern in der Dominikanischen Republik zu Tode geprügelt. Sie waren politisch organisierte Frauen, die kurz zuvor ihre Angehörigen, die als politische Gefangene festgehalten wurden, im Gefängnis besucht hatten. Angegriffen wurden sie von Truppen des Machthabers Rafael Trujillo. Als Reaktion darauf legten lateinamerikanische und karibische feministische Gruppen den 25. November als Gedenktag für die Opfer von Gewalt an Frauen fest.

65 Jahre später – immer noch aktuell

In Deutschland führt das BKA erst seit 2015 Berichte zu „Partnerschaftsgewalt“. Darunter fassen sie Opfer von Mord und Totschlag, Körperverletzung, Vergewaltigung, sexueller Nötigung, Bedrohung und Stalking in Beziehungen. Seit Beginn der Dokumentation steigen die Zahlen der „Partnerschaftsgewalt“ stetig an. Die schwerste Form dieser Gewalt sind Femizide – Morde an Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Femizide werden in Deutschland seit 2019 explizit als solche bezeichnet und dokumentiert. Auch hier ist derselbe Trend zu beobachten: Die Zahlen steigen seit Beginn der Dokumentation stetig an.

Im Jahr 2023 gab es 938 versuchte Femizide, 360 davon wurden vollendet. Das bedeutet: Im Jahr 2023 wurde fast jeden Tag eine Frau ermordet. Dass die Dunkelziffer höher liegt, ist sehr wahrscheinlich – auch, weil Schätzungen zufolge jedes zweite Tötungsdelikt in Deutschland unerkannt bleibt.

Der Begriff „Femizid“ taucht in den vergangenen Jahren immer häufiger in Zeitungsberichten und Statistiken auf. In fortschrittlichen Teilen der Gesellschaft wurde erkannt, dass Begriffe wie „Partnerschaftsgewalt“ oder „Familiendrama“ die Realität nicht widerspiegeln, da sie suggerieren, in Beziehungen und Familien entstünde „Drama“ oder „Gewalt“, die alle Beteiligten gleichmäßig ausüben und erfahren.

Zahlen zu den Opfern von „Partnerschaftsgewalt“ nach Geschlecht zeigen, dass Frauen mehr als 80 Prozent der Opfer dieser Delikte ausmachen – bei sexualisierter Gewalt sind fast 100 Prozent der Opfer Frauen. Die Täter:innen wiederum sind in diesen Delikten zu rund 80 Prozent Männer.

Fast jeden Tag ein Femizid 2023

Eine Rückführung dieser Zahlen auf die Erziehung als Mann oder einen besonders aggressiven Charakter wäre eine zu verkürzte Analyse, die viele gesellschaftliche Elemente außer Acht lässt: die herrschende Wirtschaftsform des Kapitalismus, die uns als Arbeiter:innen ausbeutet, und das Ausbeutungs- und Unterdrückungssystem des Patriarchats, das uns als Frauen doppelt ausbeutet sowie Geschlechter und sexuellen Orientierungen, die nicht in das Bild der bürgerlichen Kleinfamilie passen, unterdrückt.

Gewalt hat meist einen Zweck – einen Vorteil für die Täter. So ist es auch bei patriarchaler Gewalt: Sie verängstigt Menschen und ist ein Ausdruck von Überlegenheit. Patriarchale Gewalt soll Frauen einschüchtern, sie klein halten und in Rollen drängen, die sie in der aktuellen Gesellschaftsform erfüllen sollen. Die Rolle der sorgenden Hausfrau, der abhängigen Freundin oder der gefügigen Partnerin, die ihren Partner nicht verlassen soll.

Femizide sind also nicht nur Gewalttaten, bei denen Frauen die Opfer und Männer die Täter sind. Der Begriff beschreibt Morde, die patriarchal motiviert sind und gesellschaftliche männliche Dominanz sowie Vormachtstellung sichern sollen.

Patriarchale Gewalt hat viele Gesichter

Ob psychische, körperliche oder sexualisierte Gewalt – Gewalt an Mädchen und Frauen zeigt sich in verschiedenen Formen und Schattierungen. Diese sind oft nicht klar voneinander zu trennen oder treten in Kombination auf.

Körperliche und sexualisierte Gewalt sind teilweise im deutschen Recht verankert. So ist beispielsweise Körperverletzung eine Straftat. Dass jedoch geschlechtsspezifische Gewalttaten gegenüber Frauen auch im Gesetz zu finden sind, ist eine Errungenschaft der Frauenbewegung, die über Jahre hinweg erkämpft wurde. So wurde der Paragraph zur Vergewaltigung 2016 durch das „Nein heißt Nein“-Prinzip reformiert. Diese Gesetzesreform schützt Frauen nicht automatisch vor Vergewaltigungen, ist aber Ausdruck eines Kampfes, den Frauen geführt haben. Dass dieser Kampf ein zehrender war – und weiterhin ist – zeigt sich unter anderem daran, dass Vergewaltigung in der Ehe überhaupt erst 1997 strafbar wurde. Gegen diese Gesetzesänderung stimmte damals unter anderem der heutige Bundeskanzler Friedrich Merz.

Verschiedene Formen physischer und sexualisierter Gewalt sind oft schwer nachzuweisen, gerade wenn sie keine körperlichen Spuren hinterlassen. Ebenso verhält es sich mit psychischer Gewalt. Hier ist es für Frauen schwer, Behörden zu belegen , wenn sich Machtansprüche von Männern, Dominanz oder Eigentumsansprüche durch verbale Drohungen oder psychischen Druck äußern.

Die gefährlichsten Orte für Frauen und Mädchen sind daher nicht der nächtliche Park oder die dunkle Gasse, sondern nach wie vor das eigene Zuhause. Patriarchale Gewalt wird meist von Männern aus dem direkten Umfeld – also ehemaligen oder aktuellen Partnern – ausgeübt. Besonders deutlich zeigen das die Zahlen zu versuchten und vollendeten Femiziden im Jahr 2020. Im Corona-Pandemie-Jahr lag die Zahl bei 1.050 versuchten und vollendeten Femiziden. Im Jahr davor waren es 799, danach 839.

Frauen waren über Monate hinweg in zu kleinen Wohnungen eingesperrt, Schulen und Universitäten konnten in ihrer reduzierten Form keine soziale Kontrolle ausüben. Zufluchtsorte oder soziale Treffpunkte waren geschlossen. Dadurch waren viele Frauen isoliert und vereinzelt und diesen Verhältnissen ausgeliefert.

Patriarchale Gewalt zeigt sich in allen Lebensfeldern

Eine neuere Entwicklung ist die Gewalt und Gewaltverherrlichung im Internet. Diese betrifft zu großen Teilen Mädchen und junge Frauen. Digitale Gewalt umfasst Beleidigungen, Drohungen oder Mobbing. Sexualisierte Gewalt und Belästigung findet zunehmend auch im digitalen Raum statt: Frauen bekommen übergriffige Nachrichten, ungefragt sexuelle Bilder zugeschickt oder werden im Internet erpresst und bloßgestellt.

Frauenfeindlichen (Online-)Trends den Kampf ansagen

Auch sind im Netz vermehrt rechte und faschistische Influencer zu finden, die patriarchale Gewalt verherrlichen und verbreiten. Männer wie Andrew Tate erzählen auf ihren Profilen Anekdoten aus ihrem Leben, in denen sie Frauen Gewalt antun, und unterfüttern diese mit einem patriarchalen Weltbild, das Frauen ausschließlich als unterworfene Wesen und Sexobjekte darstellt.

In den vergangenen Jahren ist ebenfalls die patriarchale Gewalt gegen LGBTI+ Personen angestiegen. Hier fehlt es an einer ausdifferenzierten Dokumentation der verschiedenen Gewalttaten im Hinblick auf Geschlecht und Sexualität, doch eine gesellschaftliche Stimmung ist wahrnehmbar: Vor allem in den letzten zwei Jahren wurden CSD-Paraden in der gesamten BRD von faschistischen Kräften bedroht oder tatsächlich angegriffen.

Ökonomische, politische und ideologische Bedingungen

Die aktuelle Bundespolitik unter Kanzler Friedrich Merz und der CDU-SPD-Koalition schützt Frauen nicht vor Gewalt – im Gegenteil. Im Haushalt für die kommenden Jahre sollen die Militärausgaben verdreifacht werden, während die Ausgaben für Soziales stagnieren. Das bedeutet bei steigender Inflation ein reales Sinken der Sozialausgaben. Wirtschaftskrisen verschärfen prekäre Lebenssituationen von Frauen immer weiter. Fehlende oder mangelhafte Sozialangebote bedeuten fehlenden Schutz vor Gewalt.

Bereits im Koalitionsvertrag der aktuellen Regierung waren keine Maßnahmen vorgesehen, die Frauen vor Gewalt schützen sollen. Im „Gewaltschutzgesetz“ sollen Änderungen vorgenommen werden, wonach Personen, die gerichtlich bereits als Täter verurteilt wurden, eine Fußfessel tragen sollen. Bei räumlicher Nähe zur betroffenen Person sollen sowohl diese als auch die Polizei benachrichtigt werden. Die Fußfessel soll also vor weiterer patriarchaler Gewalt schützen.

Auch auf kommunaler Ebene ist diese Politik sichtbar. In Berlin protestierten im September Mitarbeiter:innen der Frauenhäuser gegen Kürzungen der Gelder für Gewaltschutz. Der Sozialausschuss des Berliner Senats sieht Kürzungen in Millionenhöhe bei Frauenhäusern, Zufluchtswohnungen, Beratungsstellen und Hilfetelefonen vor. Die Protestierenden versperrten den Abgeordneten mit einer Sitzblockade den Zugang zum Senat und riefen: „Berlin lässt uns verrecken!“ Einen Tag zuvor wurden bei einer Protestaktion zum selben Thema rote Schuhe vor das Rathaus Charlottenburg gestellt – ein internationales Symbol gegen Femizide und patriarchale Gewalt.

„Berlin lässt uns verrecken!“ – Frauen protestieren gegen Kürzungen von Hilfsangeboten

Patriarchale Gewalt als Waffe des Staates

Auch der Staat nutzt patriarchale Gewalt als Waffe, um politische Frauen einzuschüchtern. Das lässt sich in Deutschland bei verschiedenen politischen Veranstaltungen beobachten: Frauen werden festgenommen und müssen sich bei der Feststellung ihrer Personalien besonders langen und intimen Untersuchungen unterziehen. Sie sollen sich Körperdurchsuchungen stellen, bei denen sie sich auf offener Straße ausziehen müssen – unter Androhung noch stärkerer Repression, falls sie sich weigern.

Als Beispiel in der jüngeren Vergangenheit steht dafür der Polizeikessel während der Abschlussdemonstration der Rheinmetall Entwaffnen-Aktionswoche im August. Mehrere Demonstrantinnen berichteten von sexualisierten Kommentaren, Drohungen und Übergriffen durch die Polizei.

In Ländern, in denen Krieg herrscht, wird patriarchale Gewalt auch als Kriegswaffe eingesetzt. Vor allem sexualisierte Gewalt wird als solche benutzt, indem sie strategisch zur Unterdrückung und Verbreitung von Angst in der feindlichen Armee und Zivilbevölkerung eingesetzt wird. Mit der aktuellen Entwicklung zu mehr Kriegen nimmt auch die Gewalt zu. 98 Prozent der Opfer sind Mädchen.

Frauen kämpfen international

Wer schützt Frauen, wenn weder Staat noch Polizei, Familie oder Partner sie schützen? „Dieser Staat schützt mich nicht, meine Schwestern schützen mich“ – mit dieser Parole ziehen Frauen am Tag gegen Gewalt an Frauen durch die Straßen. Sie ist nicht nur eine Parole, sondern eine Kampfansage, die Frauen seit Jahren mit Leben füllen. Wenn Frauen kämpfen, dann kämpfen sie nicht nur gegen den Kapitalismus, sondern auch gegen das Patriarchat.

Das passiert seit Jahrzehnten, auch international. In der Türkei gingen 2024 hunderte Frauen auf die Straße nachdem es drei brutale Femizide kurz nach einander gab. In Indien bilden sich bewaffnete Frauen-Gangs, um gegen gewalttätige Männer und den Staat zu kämpfen. In Kurdistan kämpfen militärische Fraueneinheiten gegen das Patriarchat und den Faschismus.

Um für eine Welt ohne patriarchale Gewalt – und damit ohne Patriarchat – zu kämpfen, müssen Frauen sich zusammenschließen und diesen Kampf gemeinsam führen. Vereinzelung, Schuldumkehr und Gewalt sind Methoden, um Frauen kleinzuhalten und zu spalten. Stattdessen braucht es Frauensolidarität und den Zusammenschluss, um sich gegen patriarchale Gewalt zu wehren und das System zu zerschlagen, das diese Gewalt ermöglicht.

Auch dieses Jahr werden am 25. November weltweit Frauen auf die Straße gehen, um gegen patriarchale Gewalt zu demonstrieren. In Deutschland schließen sich Frauen zusammen, um am Tag gegen Gewalt an Frauen selbstbestimmt auf die Straße zu gehen – und an jedem anderen Tag im Jahr den Kampf gegen das Patriarchat und für den Sozialismus zu führen. Dieser Kampf beginnt schon jetzt und wird mit jeder Errungenschaft eine Stufe höher geführt.

Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 104 vom November 2025 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

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