Ende Oktober veröffentlichte das Institut der deutschen Wirtschaft gemeinsam mit der Bundesschüler:innenkonferenz eine Studie zur ökonomischen Bedeutung der psychischen Gesundheit von Schüler:innen. Im Fokus stehen jedoch nicht etwa die Ursachen dieser mentalen Belastung, sondern vor allem die negativen Folgen für die Wirtschaft. Man sieht: Das System macht uns krank und sieht uns zunächst als profitable Arbeitskraft! – Ein Kommentar von Nahid Lalsetareh.
Die Jugend ist belastet. Unter anderem wird die Corona-Pandemie als Ursache für die steigende mentale Belastung genannt. Laut mehrerer Studien sind 22 Prozent der Schüler:innen von psychischen Auffälligkeiten betroffen. 13 Prozent schildern depressive Symptome und ein Drittel gibt an, unter großer Einsamkeit zu leiden. Hinzu kommt, dass psychisch kranke Menschen nicht über ausreichende Hilfsangebote verfügen. Schon im Vorjahr musste man 20 Wochen lang auf eine Behandlung warten, denn es fehlten rund 7.000 Therapieplätze.
Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hält in Zahlen fest, was einem großen Teil der Jugend ohnehin seit Jahren bewusst ist: Einsamkeit, Überbelastung, Perspektivlosigkeit. Doch gleichzeitig zeigt die Studie auch, warum sich Kapitalvertreter:innen überhaupt dazu gezwungen sehen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen – denn eine psychisch kranke Jugend lässt sich weniger einfach ausbeuten.
Profit statt Wohlergehen
65,7 Prozent der unter 30-Jährigen, die 2024 erstmals Erwerbsminderungsrente erhielten, taten dies aufgrund psychischer Erkrankungen. Im Durchschnitt würden die Fehlzeiten aufgrund von psychischen Erkrankungen bei 32,9 Tagen liegen. Das deutsche Kapital reagiert darauf empfindlich, und so ist es nicht verwunderlich, dass schon jetzt einzelne Bonzen ihre Stimme für arbeiter:innenfeindliche Forderungen wie der Abschaffung des bezahlten Krankheitstags erheben.
Auch mal krank zur Arbeit schleppen – für die deutsche Wirtschaft!
Diese auffälligen Fehlzeiten waren auch der wesentliche Anlass dieser ausführlichen Studie des IW. Es geht nämlich weniger um die erkrankte Jugend selbst, sondern einerseits um einen befürchteten Mangel an Nachwuchs für die Betriebe, und andererseits um die Kosten, welche die völlig unzureichende gesundheitliche Versorgung mit sich bringt. Die psychische Lage der jungen Arbeiter:innen wird vor allem als ein wirtschaftliches Problem gewertet.
Das System macht krank!
„Unsere jungen Menschen müssen erst mal lernen, Sachen auszuhalten und auch mal Tätigkeiten zu machen, die gerade keinen Spaß machen“, so ein Jugendberufsberater. Die jüngere Generation hätte weniger Durchhaltevermögen als die ältere. „Schätzungen zufolge könnten allein die pandemiebedingten psychischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen in Zukunft jährlich bis zu 328 Millionen Euro an Zusatzkosten verursachen.“ Eine hohe Summe, die nicht fehlt, wenn es um Rüstungspakete geht, doch dann, wenn sie dazu führt, die Lebensrealität der Jugend aktiv zu ruinieren und ihnen ihre Zukunftsperspektive zu rauben.
Politik in der BRD wird alles andere als im Interesse der Jugend geführt. Selbst der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz sieht sich dazu gezwungen, sich zum politischen Klima zu äußern, das offensichtlich nicht spurlos an einer ganzen Generation von Menschen vorbeizieht, die sich über die sozialen Medien informieren und politisieren: Ganz richtig wird hier vom Ukraine-Krieg und dem Völkermord in Gaza gesprochen, und auch von der Wehrpflicht.
„Die junge Generation ist erschöpft, schon bevor sie den Arbeitsmarkt erreicht. Und das könnte teuer werden“ – das ist alles, was der Jugendberufsberater dazu zu äußern hat, einmal ganz abgesehen davon, dass auch für die Jugend, über die er sich beklagt, alles teurer geworden ist. Es wird sich darüber beklagt, dass erkrankte Menschen weniger produktiv sind, man könnte auch sagen, dass sie mit geringerer Qualität ausgebeutet werden können. Jedes siebte Kind in Deutschland ist entweder von Armut betroffen oder gefährdet. In den vergangenen fünf Jahren gab es einen 20-prozentigen Zuwachs an Schüler:innen, die parallel zur Schule als Minijobber arbeiteten.
Während nun die BRD Bauchweh wegen gesundheitlicher Folgekosten, aber keine Hemmungen bei der Kürzung von Schulgeldern hat, ist hier doch stets von einer faulen und arbeitsunfähigen Jugend die Rede, die in Wirklichkeit – ob als Schüler oder Azubi – unübersehbar abgerichtet wird. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass etwa ein Drittel aller Auszubildenden unzufrieden mit ihrer Stelle sind.
Um unsere Zukunft kämpfen!
Die Bundesschülerkonferenz hat in diesem Zusammenhang einen Zehn-Punkte-Plan zur Lösung gegen Erschöpfung erstellt: Mehr Fachkräfte, Schulpsycholog:innen und Fortbildungen für Lehrer:innen sollen im Bereich der Schulpsychologie bereitgestellt werden. Gleichzeitig wird die Entlastung der Lehrkräfte gefordert. Der DAK-Psychreport 2024 zeigt allerdings, dass Sozialarbeiter:innen und ähnliche Fachkräfte unter derselben Erschöpfung wie ihre Schüler:innen leiden: Erzieher:innen, Sozialpädagog:innen und Fachkräfte in der Altenpflege hatten 2023 über alle Berufsgruppen hinweg die meisten Krankentage.
Grundsätzlich wird mehr Geld, mehr Ausstattung für Schulen verlangt. Abgesehen davon, dass die Profit- und Machtgier der Politiker:innen und Kapitalist:innen diesen Forderungen gekonnt ausweicht, ändert ein „Mental Health Coach“ nun auch nichts an der aktuellen Weltlage. Therapie wird Lösungen nur bis zu einem gewissen Punkt liefern können: Kriege werden bestehen bleiben, die Ausbeutung von Mensch und Klima werden bestehen bleiben, es sei denn, wir widersetzen uns – und das solidarisch und organisiert.
Und diesen Kampf müssen besonders wir als Jugendliche führen – denn es ist gerade die Schule, die uns schon in jungen Jahren auf ein krankes System vorbereiten soll: Ein System, das von uns fordert, den Rest unseres Lebens auf Kosten unserer psychischen und körperlichen Gesundheit für den Reichtum einiger Weniger zu schuften.

