Das KPD-Mitglied und spätere DDR-Schriftstellerin Anna Seghers wäre in dieser Woche 125 Jahre alt geworden. Die politische Lage zeichnet sich dabei immer wieder in ihrem Werk ab – egal ob als junge Autorin vor dem Hitlerfaschismus, im Exil oder auch in der DDR. Blicken wir gemeinsam auf ihren Lebensweg. – Ein Gastkommentar.
Sich nicht der Zeit ergeben, sondern sie auf irgendeine Weise zu bewältigen zeigt, dass Anna Seghers eine zutiefst politische Autorin war. Die Zeit zu bewältigen bedeutet, aktiv zu werden – nicht untätig zu sehen. Aktiv wurde auch Anna Seghers in den verschiedenen Stationen ihres Lebens.
Geboren ist Anette (Netti) Reiling am 19. November 1900 in Mainz. Geschwisterlos in einer jüdischen Familie aufgewachsen besuchte sie ab 1907 die Schule, machte 1920 ihr Abitur und leistete während des Ersten Weltkriegs Kriegshilfsdienste. In Köln und Heidelberg studierte sie Geschichte, Sinologie und Kunstgeschichte und promovierte 1924 mit einer Arbeit über Jude und Judentum im Werk Rembrandts.
Die Zeit vor dem Hitlerfaschismus
Politisch ist das Jahr 1928 besonders relevant: Dort wird sie Mitglied der KPD und veröffentlicht auch ihr erstes Buch Aufstand der Fischer von St. Barbara unter dem Pseudonym Anna Seghers. In dieser Novelle wird Seghers politische Haltung deutlich. Sie beginnt zwar mit einer gescheiterten Meuterei und handelt generell von einem gescheiterten Aufstand der Fischer, doch zeigt sich genau in dem Scheitern, wie die Aufständischen aus der Niederlage einen nicht brechbaren Siegeswillen entwickeln – ganz nach dem Satz: „Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht.“
Nachdem sie Mitglied der KPD wurde, wird sie 1928 auch Gründungsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Dieser Bund stand ideologisch der KPD nahe, hatte über 600 Mitglieder und gab sowohl Intellektuellen innerhalb der Partei als auch Arbeiter:innen eine Plattform zur Publikation ihres literarischen Schaffens. Zwar gab es politische Konflikte innerhalb des Bunds, trotzdem wirkte er nach der Machtübergabe an die Hitlerfaschist:innen weiter und bezog antifaschistische Positionen.
Exil in Mexiko
So auch Anna Seghers, deren Bücher verboten und verbrannt wurden – sie selbst wurde als Kommunistin und Jüdin kurzzeitig von der Gestapo verhaftet, bevor sie über die Schweiz ins Exil nach Frankreich fliehen konnte. Von dort reist sie über mehrere kurze Zwischenstationen nach Mexiko weiter, wo sie ab 1941 ihre Exilzeit verbrachte.
Mexiko war insgesamt ein Sammelpunkt für linke Antifaschist:innen und Kommunist:innen in der Exilzeit, da einerseits die USA teilweise Kommunist:innen kein Exil gewährte, andererseits Mexiko eine linke Regierung hatte. In Mexiko schrieb Anna Seghers ihre bekanntesten Werke, in denen sie den deutschen Faschismus und ihre Flucht vor diesem verarbeitete. Zu nennen sind dabei besonders Das siebte Kreuz (1942) und Transit (1944). Das siebte Kreuz handelt von sieben KZ-Häftlingen, die aus dem fiktiven Konzentrationslager Westhofen fliehen. Nach deren Flucht werden von den Nazis sieben Kreuze für die Entflohenen aufgestellt, an welchen sie innerhalb einer Woche hingerichtet werden sollen. Während sechs der sieben Geflüchteten die Flucht nicht überleben, schafft es der Kommunist Georg Heisler als Einziger in die Niederlande zu fliehen. Das liegt nicht daran, dass er irgendwelche übernatürlichen Kräfte hat, sondern weil er sich den Faschist:innen nicht alleine stellen muss, sondern ihm ein Kollektiv an Kommunist:innen und Antifaschist:innen bei der Flucht hilft.
Zu Anna Seghers eindrucksvollsten Werken aus dem Exil zählt die Erzählung Der Ausflug der toten Mädchen, welches sie 1944 geschrieben und zwei Jahre später veröffentlicht hat. Ihr zweifellos persönlichste Werk widmete sie ihrer im Ghetto ermordeten Mutter und legt nahe, dass sie durch die Figur Netty selbst zentraler Teil der Handlung ist. Der Ausflug der toten Mädchen handelt von Nettys Erinnerungen an ihre Kindheit, in der sie mit mehreren Mädchen einen Ausflug auf einem Dampfer macht. Diese Erinnerungen verschmelzen dabei mit den verschiedenen Lebenswegen, die die Freundinnen danach beschritten haben. Während eine später im Frauen-KZ sitzt, ist die andere überzeugte Faschistin. Letztendlich zeichnet Seghers mit ihrer Erzählung ein Panorama der damaligen Gesellschaft und schafft es gleichzeitig, Emotionen wie Schmerz, Heimweh, Ohnmacht, aber auch Hoffnung in diese Geschichte mit einzuflechten.
Neben ihrer literarischen Aktivität gründete sie in Mexiko auch den antifaschistischen Heinrich-Heine-Klub und arbeitete im Verlag El libro libre mit. Letzterer veröffentlichte eine große Anzahl an Texten von Antifaschist:innen und Kommunist:innen, die aus dem Exil den Kampf gegen den Hitlerfaschismus führten, indem sie ihn in ihren Texten ideologisch angriffen, aber auch zur Vernetzung im Ausland dienten.
Zurück in der DDR
Nach der Befreiung Deutschlands blieb Seghers noch eine kurze Zeit in Mexiko, bis sie 1947 zurück nach Deutschland kam. Sie wurde direkt bei ihrer Rückkehr Mitglied der SED, lebte allerdings bis 1950 in West-Berlin. Ab 1950 lebte sie in Ost-Berlin, wo sie zwei Jahre später Präsidentin des Schriftstellerverbands der DDR wurde. In der DDR veröffentlicht sie stets weiter Literatur. So bearbeitet sie in ihrer Erzählung Das Argonautenschiff (1948) ihre Heimkehr und die Einsamkeit in ihrer alten Heimat bearbeitet oder berichtet in dem Roman Die Entscheidung (1959) davon, dass die Deutschen sich nach dem Hitlerfaschismus entscheiden könnten: als Kommunist:innen beim Aufbau einer neuen Welt mitwirken oder sich dagegen entscheiden.
Ein dauerhaftes Thema bleibt dabei ihre Vergangenheit in Mexiko, welcher sie sich im Exil immer wieder widmet. Besonders nennenswert ist dort die Erzählung Crisanta – Mexikanische Novelle (1950). Zu Beginn der Erzählung beschreibt die Erzählerin, dass es dieses Mal nicht um große Männer und Helden gehen soll, sondern um Crisanta, eine normale Arbeiterin aus Mexiko. Dadurch, dass Seghers hier die Perspektive aktiv darauf lenkt, zeigt sie in ihrer Novelle eine weibliche Perspektive. Auch Crisanta muss in dieser Geschichte oft Rückschläge verkraften – aus Geldproblemen wird sie Prostituierte, sie ist Analphabetin und muss ihr Kind alleine aufziehen. Trotzdem zeigt das Ende des Romans uns Leser:innen, dass sie sich dem nicht einfach fügen muss, sondern auch im Alltag dafür kämpfen kann, dass es eine bessere Welt geben kann.
Anna Seghers Werk und Biographie zeigen uns letztendlich immer wieder eines: Dass – egal wie groß die Rückschläge sind – es wichtig ist, weiterzumachen, egal ob der Fischeraufstand scheitert oder man vor dem Faschismus fliehen muss. Und was dabei hilft ist die Organisation. Anna Seghers und ihre Figuren mussten den Rückschlägen nicht alleine entgegentreten, sondern hatten ein Kollektiv aus Freund:innen, Genoss:innen und Sympathisant:innen, die geholfen haben. Und letzten Endes hat man damit die Chance, sich nicht einfach der Zeit zu ergeben, sondern sie zu bewältigen, sie zu verändern.

