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Studie zu Femiziden: Systematische Gewalt und ein Staat, der Frauen im Stich lässt

Mitte November erschien eine qualitative Studie, die sich tiefgreifend mit einzelnen Femiziden aus dem Jahr 2017 und deren gesellschaftlichen Umständen auseinander setzt. Die Forscher:innen kritisieren die Arbeit der Polizei und die geringe Anzahl an Frauenhäusern. Gegen patriarchale Gewalt gehen weltweit Frauen am 25. November auf die Straße.

Femizide sind keine Seltenheit, sondern passieren jeden Tag, auch hier in Deutschland. Bei Femiziden handelt es sich – entgegen der häufigen medialen Darstellung – nicht um tragische Familiendramen. Femizide sind die Spitze der patriarchalen Gewalt, die Frauen auf der ganzen Welt durch Männer erfahren.

Die offizielle, staatlich erhobene Zahl der Femizide ist 2024 im Vergleich zum Vorjahr um etwa 9 Prozent gefallen. Im Jahr 2023 wurden laut Bundeskriminalamt (BKA) 360 Frauen und Mädchen getötet, in 578 Fällen gab es versuchte Tötungen. Mit 308 Getöteten Frauen und Mädchen für das Jahr 2024 ist die Zahl dennoch sehr hoch.

Zudem stiegen die Zahlen der frauenfeindlichen Straftaten um mehr als 73 Prozent an. Sexualstraftaten stiegen um 2,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und die Zahl der häuslichen Gewalt stieg um 3,5 Prozent an auf eine Zahl von fast 190.000 an. Am vergangenen Donnerstag ist eine umfangreiche Studie erschienen, die sich zum Ziel gesetzt hat, alle Fälle von Femiziden aus fünf Bundesländern des Jahres 2017 qualitativ auszuwerten.

Fast jeden Tag ein Femizid – Warum der Staat das Problem nicht lösen wird

Tötung fast immer durch Partner oder Ex-Partner

Ziel der Studie ist es, einen Überblick über den Umfang und die Hintergründe von Femiziden zu liefern. Sie wurde von einer Gruppe des Instituts für Kriminologie der Uni Tübingen in Zusammenarbeit mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen erstellt. Dafür hat das Team der Wissenschaftler:innen mehr als 50.000 Seiten Aktenmaterial aus fünf Bundesländern analysiert. Von den knapp 300 analysierten Fällen, die sich alle im Jahr 2017 ereigneten, wurden 133 als Femizide klassifiziert.

Die mit Abstand häufigste Form von Femiziden sind laut der Studie mit 81 Prozent Femizide, die durch die Partner oder Ex-Partner in einer heterosexuellen Beziehung begangen werden. In drei Viertel dieser sogenannten Partnerinnenfemizide töteten die Täter, weil sich Frauen den patriarchalen Besitzansprüchen von ihnen widersetzten. Häufig war dabei eine vermutete oder tatsächliche sexuelle Untreue sowie eine Trennung durch die Partnerin Auslöser für patriarchale Gewalt. Zur Tötung kam es in den meisten untersuchten Fällen dann, wenn der Täter die Beziehung als endgültig gescheitert ansah.

„Femizide sind kein importiertes Problem“

Bei der Untersuchung der Lebensumstände heben die Forscher:innen besonders auch sozioökonomische und psychische Krankheiten als begünstigende Faktoren hervor. Besonders in der Untergruppe der Femizide aufgrund einer Trennung sind überproportional viele Männer arbeitslos, haben keinen Schulabschluss oder keine abgeschlossene Ausbildung. In Zusammenhang mit den Armutsfaktoren zeigt sich sowohl unter den Tätern (66 Prozent), als auch unter den Opfern (55 Prozent) ein größerer Anteil mit Migrationshintergrund.

In der Studie zeigte sich insgesamt, dass die Täter sich durch das patriarchale Rollenbild als Familienversorger sehen. Durch ihr geringes oder komplett fehlendes Einkommen wurden sie dieser Rolle nicht gerecht. Laut der Studie fingen die meisten Männer dann an, die Frauen für ihre Situation verantwortlich zu machen, da sie „ihre Überlegenheitsansprüche nicht mehr würden durchsetzen können“.

Femizid-Prozess in Köln: „Eine sterbende Frau, die gefallen ist“

Der Behauptung einiger konservativer bis rechter Politiker:innen, dass patriarchale Gewalt vor allem von Migranten ausgeübt würde, widerspricht die Studie klar: „Femizide sind (…) kein „importiertes Problem“, sondern Ausdruck patriarchaler Strukturen, die – wenn auch in unterschiedlicher Form – in allen Gesellschaften existieren“.

In deutschen Medien werden häufig sogenannte „Ehrenmorde“ aus migrantischen und meist muslimischen Familien thematisiert. Dabei werden Mädchen oder Frauen ermordet, um die „Ehre“ der Familie wieder herzustellen, weil sie etwa vor einer Eheschließung Sex hatten. Die Vorstellung, dass solche „Ehrenmorde“ aus migrantischen Familien ein weit verbreitetes Phänomen seien, spiegelt sich in den Zahlen der Studie nicht wider. Lediglich zwei der 133 Femizide (1,5 Prozent) waren in dieser Kategorie zu verorten.

Fehlende Hilfsangebote – der Staat schützt Frauen nicht

Von den 133 Femizid-Opfern wandten sich lediglich 12 Frauen an ein Frauenhaus. In drei der untersuchten Fälle hätte die Tötung der Frauen möglicherweise verhindert werden können, wenn ausreichend Plätze in Frauenhäusern vorhanden gewesen wären. Generell suchten nur sehr wenige der Frauen ein Frauenhaus auf.

Die Stichprobe der Untersuchung ist allerdings nicht groß genug, um aus diesen Zahlen handfeste Schlüsse zu ziehen. Generell schreiben die Forscher:innen, dass Frauenhäuser keinen absoluten Schutz bieten können. Die Ergebnisse würden jedoch deutlich machen: „Der Mangel an Frauenhausplätzen kann Leben kosten“.

„Das Hilfesystem ist nicht darauf ausgelegt, Frauen wirklich zu helfen“ – Interview mit Mitarbeiterin einer Anlaufstelle für Gewalt an Frauen

Nur ein Drittel der Frauen, die letztlich durch ihre Partner getötet wurden, wandte sich an die Polizei. Und die Beamt:innen waren den Frauen auch in einigen Fällen keine große Hilfe: In rund einem Viertel der Fälle, bei denen die Polizei kontaktiert wurde, lag der letzte Notruf weniger als 24 Stunden vor der Tötung zurück. Die Polizei wusste also von einer akuten Bedrohungslage, und war trotzdem außerstande den Mord zu verhindern.

Strafverfahren gegen die Täter im Vorfeld der Tötung waren zudem fast alle im Sande verlaufen. Vor der Tötung kam es lediglich in fünf der insgesamt 133 Fälle zu einer Verurteilung. Die Bearbeitung der Fälle war vereinzelt sehr schleppend, und in zwei Fällen akzeptierte die Polizei eine mündliche Zusage des Täters, dass er die Frau künftig in Frieden lassen würde.

Zahlen der Polizei fehlerhaft

Die Studie vermittelt einen tiefen qualitativen Einblick in eine Auswahl an Femiziden aus dem Jahr 2017. Der Forschungsbericht legt jedoch keinen Fokus auf eine quantitative Erhebung von Femiziden. Daher muss sich die Studie gezwungenermaßen auf die Zahlen der Polizei berufen. Besonders aufgrund der vermutlich hohen Dunkelziffer an versuchten Femiziden sind diese Daten unvollständig.

Genau wie bei der Erfassung der Kriminalstatistik kann man sich auf diese Zahlen daher nicht verlassen, was auch in der Studie thematisiert wird. Die Zahlen der Polizei weisen, wie die Forscher:innen anmerken, „zahlreiche (…) Fehler in der statistischen Erfassung“ auf.

Tag gegen Gewalt an Frauen: Bundesweite Aktionen am 25. November angekündigt

Die Rolle des deutschen Staats und der Polizei bei Femiziden und patriarchaler Gewalt ist daher auch bei vielen Aktionen rund um den 25.11. – dem weltweiten Tag gegen Gewalt an Frauen – ein wichtiges Thema. Ein Freiburger Aktionsbündnis etwa, ruft zur Demonstration unter dem Motto „Dieser Staat schützt mich nicht, meine Schwestern schützen mich“ auf. Deutschlandweit gibt es rund um den 25. November zahlreiche Kundgebungen, Gedenkveranstaltungen und Demonstrationen.

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